• vom 28.09.2012, 14:00 Uhr

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Update: 28.09.2012, 14:19 Uhr

Burgtheater

Probetanz auf dem Vulkan




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Von Petra Rathmanner

  • Ein Blick hinter die Kulissen des künstlerischen Hochleistungsbetriebs Burgtheater am Beispiel von Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", das diesen Samstag Premiere hat.

Cornelius Obonya (links) als der Menschenfeind Rappelkopf und Nikolaus Krisch als Alpenkönig während der Proben zur neuen Burgtheater-Produktion. - Foto: © Reinhard Werner, Burgtheater

Cornelius Obonya (links) als der Menschenfeind Rappelkopf und Nikolaus Krisch als Alpenkönig während der Proben zur neuen Burgtheater-Produktion. Foto: © Reinhard Werner, Burgtheater

Wenig ist wohl so eng mit dem Wesen des Theaters verbunden wie die Panne. An einem Freitag Mitte September beginnt die Probe auf der Probenbühne des Burgtheaters verspätet, weil eine der Schauspielerinnen irrtümlich das Haupthaus am Ring angepeilt hatte.

In Probenraum 1 im Arsenal, einem funktionalen Neubau inmitten eines parkähnlichen Areals im Südosten der Stadt, ist wegen der Verzögerung jedoch keinerlei Murren zu hören. So etwas passiert.


Unwägbarkeiten
Theater ist auch ein Ort, an dem ein so lässiger wie routinierter Umgang mit Unwägbarkeiten gepflogen wird. Es kommt häufig vor, dass gerade im letzten Drittel der Probenarbeit zwischen großer Innenstadtbühne und Arsenal-Probenraum gependelt wird. In der entscheidenden Phase vor der Premiere werden technische Abläufe abgestimmt, Lichteinstellungen, Bühnentechnik, Spezialeffekte, Ton. Die Schauspieler arbeiteten an einzelnen Szenen, an zen-tralen Momenten des Spiels.

Es ist kurz nach 11 Uhr. Burgschauspieler Johann Adam Oest erzählt launige Anekdoten; Baritonstimme und schallendes Gelächter des Spontan-Conférenciers erfüllen den Raum. Nach weiteren 30 Minuten trifft die Schauspielerin mit gelinden Orientierungsschwierigkeiten endlich ein. Noch während sie sich Luft macht, dass sie keineswegs Schuld an der Verspätung trage - am Theater gehen die Emotionen eben schnell hoch -, wird es dunkel im Raum. Nur mehr die Bühne ist grell ausgeleuchtet.

Wie auf Kommando befinden sich alle auf ihren Plätzen: Vor der Bühne bezieht die Souffleuse an ihrem Pult Position, dahinter sitzen Techniker, Produktionsleiterin, Kostümbildnern, Assistenten. Auf der Bühne nehmen drei Schauspieler Aufstellung. Sie tragen Probenkostüme, die bereits vage an das Gewand des Premierenabends denken lassen, das Bühnenbild ist, was Ausmaße und Anmutung betrifft, ebenfalls dem eigentlichen Spielort nachempfunden. Plaudern und Proben: der Übergang scheint fließend. Vielleicht ist das die Voraussetzung, wenn Arbeit, wie am Theater, im Grunde Spiel ist.

Minimale Änderungen
Geprobt wird im Arsenal "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", Szene 3. Die Dienerschaft beklagt sich bei der Hausherrin über Rappelkopfs Übellaunigkeit, sie will geschlossen den Dienst quittieren. Szene 3 ist ein Moment innerhalb des Stücks, eine Angelegenheit von Minuten, an der an diesem Vormittag eine Stunde lang gefeilt und geschliffen wird. Es geht um minimale Änderungen, die im Zusammenspiel markante Auswirkungen zeitigen: Die Entscheidung des Ensembles, ob die Hausherrin auf einem Sessel sitzt, die Diener im Zwiegespräch auf sie gleichsam herabblicken, oder ob alle stehen, einander auf Augenhöhe begegnen, macht einen wesentlichen Unterschied. Kleine Gesten erzeugen andere Stimmungen. Soll Regina Fritsch, die Hausherrin, ihre Bediensteten unterhaken? Soll jeglicher Körperkontakt vermieden werden? Die Arbeit an diesen Nuancen bestimmt den Takt des Probentags.

Regisseur Michael Schachermaier ist die ganze Probenzeit über auf den Beinen, als wäre an ein Hinsetzen nicht zu denken, als hielten ihn innere Anspannung und Konzentration so nah wie möglich am Geschehen. Er unterbricht die Schauspieler, um Änderungen anzuregen, kaum je hört man ein lautes Wort von ihm, er ist bestimmend und bestärkend zugleich, er lobt viel, lacht gern. Es herrscht eine angenehme Arbeitsatmosphäre. "Wenn man weiß, was man spielt, ist alles möglich", wird Regina Fritsch später sagen.

Mut zu Gefühlen
Schachermaier ist 29, er ist einer der jüngsten Regisseure, die je auf der Hauptbühne des Burgtheaters einen Klassiker anvertraut bekommen haben. Obwohl der ehemalige Burg-Regieassistent bereits auf mehr als zehn Jahre Bühnenerfahrung zurückblicken und auf Inszenierungen am Theater der Jugend und in Bad Hersfeld verweisen kann, kam das Angebot, Raimunds Misanthropie-Fabel am Burgtheater in Szene zu setzen, einem "Schock" gleich: "Ich zog mich zurück, prüfte, ob sich beim Lesen des Stücks Visionen einstellten. Dieses Werk verlangt Mut zu großen Bildern, Gefühlen, Emotionen. Das ist mein Zugang: poetisch, fantasievoll, dennoch reduziert."

In der Direktionszeit von Matthias Hartmann ist Raimunds "Alpenkönig" die erste Neuinszenierung eines österreichischen Traditionswerks. Es ist mehr als ungewöhnlich, einen jungen Regisseur damit zu betrauen: "Uns interessiert, was ein junges künstlerisches Team herauszufinden imstande ist", erklärt Burg-Dramaturg Florian Hirsch. "Ein heutiger Blick auf das Zauberspiel, das durchaus moderne Elemente in sich trägt." Elemente wie innere Zerrissenheit, der Wille nach Selbsterkenntnis. Unterstützt wird Schachermaier überwiegend von Mithelfern in seinem Alter: dem Bühnenbildner Damian Hitz, der Musikerin Eva Jantschitsch alias Gustav und der erfahrenen Kostümbildnerin Su Bühler.

Am Theater bedarf jede Aufführung eines Plans, der nach und nach Form annimmt. Der künstlerische Prozess entspricht einem paradoxen Vorgang: Man verarbeitet und verwirft Konzepte, widmet sich, fernab jedes Konzepts, der steten Verbesserung und Weiterentwicklung einer Idee. So steht am Anfang so gut wie jeder Theaterarbeit ein Gespräch, der Austausch von Gedanken, das Mischen von Assoziationen. Beispiel "Alpenkönig": Bereits im Winter vergangenen Jahres führte das Team erste konzeptionelle Diskussionen, Anfang 2012 begannen Dramaturg Hirsch und Regisseur Schachermaier mit der Arbeit an der Strichfassung. "Das Bühnenstück haben wir entschlackt, sind dem Original dennoch treu geblieben. An der Sprache haben wir nichts verändert und nichts hinzugefügt", resümiert Florian Hirsch. Man peile, sagt Schachermeier, die erstaunlich kurze Aufführungsdauer von zwei Stunden an. Jede Theaterarbeit ist, so scheint es, spannungsgeladenes Drama im Vorfeld des eigentlichen Dramas.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-09-27 18:54:14
Letzte Änderung am 2012-09-28 14:19:57


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