• vom 04.01.2013, 13:15 Uhr

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Update: 04.01.2013, 13:19 Uhr

Energiewirtschaft

Trübe Aussichten




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Von Walter Sontag

  • Die Bemühungen zur Verhinderung des globalen Klimawandels bleiben nach wie vor Stückwerk. Vor allem besteht wenig Hoffnung auf substanzielle Veränderungen im Umgang mit der Energie.

Ist "Energiemix" vielleicht die Lösung? – Ein Windrad dreht sich vor den Kühltürmen des Kraftwerkes Vattenfall in der deutschen Stadt Jänschwalde. - © Foto: dpa / Patrick Pleul

Ist "Energiemix" vielleicht die Lösung? – Ein Windrad dreht sich vor den Kühltürmen des Kraftwerkes Vattenfall in der deutschen Stadt Jänschwalde. © Foto: dpa / Patrick Pleul

Am Beginn des neuen Jahres zeigt sich eine nicht sehr hoffnungsvolle Situation, was den Klimawandel betrifft: das alte Kyoto-Abkommen ist ausgelaufen, und "Kyoto 2" entwickelt keine verpflichtenden Vertragsbestimmungen und bleibt folglich ein zahnloses Konstrukt. Die Aussicht auf ein späteres Nachfolgemodell ist nicht mehr als eine vage Absichtserklärung, mithin ist der Weltklimagipfel von Doha im Grunde ergebnislos verlaufen.


Trauriger Rückblick

In makabrer Gegenläufigkeit stieg allerdings der Kohlendioxid-Ausstoß um schlagende 51 Prozent seit 1990, dem Jahr, das gemeinhin als Basisdatum für klimarelevante Messgrößen herangezogen wird.

Die zwanzig Jahre zwischen der legendären Konferenz von Rio und dem ernüchternd-müden Treffen in Doha kennzeichneten drei Abschnitte: Zunächst eine regelrechte Aufbruchsstimmung mit dem Willen zur Ressourcenschonung und zur Verhinderung eines Klimakollapses. Die zweite Phase prägten die dramatische Analyse und Einschätzung des gegenwärtigen und zukünftigen Klimatrends durch den Stern-Report und den ersten Bericht des Weltklimarats. Äußerlich gipfelte diese Etappe in der Zuerkennung des Friedensnobelpreises an den Weltklimarat IPCC und Al Gore.

Insbesondere der Film des früheren amerikanischen Vizepräsidenten führte auch beim breiten, wenig bewanderten Publikum zu einem Bewusstseinswandel. Bald darauf jedoch gewannen die sogenannten Klimaskeptiker wieder an Einfluss, vor allem in den USA und unter tatkräftiger Mithilfe der Bush-Administration. Regierungskritische Klima-Experten staatlich finanzierter Institutionen und Programme wurden dort rigoros ausgeschaltet.

Neuerdings bricht sich in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings wieder die Erkenntnis über einen sich tatsächlich vollziehenden Klimawandel Bahn. Die unbestreitbaren Mängel in der Arbeit des Weltklimarats haben dessen grundsätzliche Prognosen zur zukünftigen Entwicklung der Atmosphäre letztlich nicht erschüttern können. Vielmehr sieht es gegenwärtig sogar danach aus, dass ursprünglich pessimistische Annahmen zum Klimaverlauf gegenüber zuvor weniger drastischen Voraussagen wahrscheinlicher geworden sind.

Globale Veränderung
Schneller als gedacht weicht das arktische Meereis zurück, öffnen sich zeitweise polnahe Schiffspassagen. Aber nicht nur das geradezu rapide Abschmelzen des Pol- und Gletschereises in den allerletzten Jahren kommt zu den schon lange messbaren Klimatrends hinzu. Gewisse Extremwetterphänomene und Sturmkategorien, bis dato in den gemäßigteren Breiten unbekannt oder selten, treten hier zunehmend häufiger auf. An der Beweiskraft früher Indikatoren ist ohnehin kaum zu rütteln: kontinuierlich steigende Kohlendioxidkonzentration, Temperaturerhöhung in Atmosphäre und Ozeanen, anschwellender Meeresspiegel.

Unentrinnbar sind wir die Zeugen realer klimatischer Änderungen, die zumindest teilweise von unserer Zivilisation angestoßen wurden und laufend verstärkt werden. Die vorübergehende Verunsicherung über die Kompetenz der Klimaforscher-Elite, zumal öffentlich angefacht, sollte eher als Ausdruck eines äußerst komplexen wissenschaftlichen Prozesses gelten. In einem solch detail- und aspektreichen Fragenfeld wogen üblicherweise nun einmal Für und Wider über Forschungsmethoden, Dateninterpretation und Modelle diskursiv hin und her.

Kaum ein unabhängiger und ernstzunehmender Wissenschafter zieht heute jedoch noch den Einfluss des Menschen auf diese Entwicklung in Zweifel. Selbst "Klimaskeptiker" wie kürzlich in der "FAZ" der deutsche Energieexperte und ehemalige Manager des RWE-Konzerns Fritz Varnhalt widersprechen nicht mehr der Argumentation, dass fünfzig Prozent der gegenwärtigen Welterwärmung auf das Konto menschlicher Aktivitäten gehen.

Mangel an Strategien
Wie lässt sich nun die derzeitige Antwort der Staatengemeinschaft auf das drohende Temperatur-Szenario beschreiben? Welche Strategie verfolgen ihre Mitglieder in nächster Zeit und auf lange Sicht? Auf welchen Maßnahmen können sie, können Politik und Wirtschaft aufbauen? Doch schon die Fragen sind falsch gestellt. Denn global betrachtet, befinden wir uns in einem Stadium völliger Unübersichtlichkeit.

Mit anderen Worten: Eine durchdachte, alle Kontinente umfassende Strategie fehlt. Nationale und regionale Anläufe für die Emissionsbegrenzung, so es sie überhaupt gibt, gehen unkoordiniert vonstatten. Mehr noch: das Verhalten der Staaten driftet oft weit auseinander. Die Europäische Union setzt wesentlich auf den Ausbau der Windkraft, Biomasse und Photovoltaik. China forciert parallel Kernkraft, fossile Brennstoffe und Windenergie, und in Nordamerika hat gerade erst ein Boom zur unkonventionellen Ausbeutung von Öl und Schiefergas aus tiefen Gesteinsschichten begonnen. Besonders erschreckend für jeden vorausschauenden Erdbewohner: In den großen aufstrebenden Schwellenländern China, Indien und Südafrika sind Kohlekraftwerke in größtem Stil en vogue.

So widersprüchlich und heterogen die aufgezählten Entwicklungen erscheinen mögen, so unleugbar münden sie doch allesamt in einem brutal-eindeutigen Befund: Der Energiehunger bleibt weltweit ungebrochen. Die Bezwingung dieser Gier bildet selbst für die willigsten unter den klimabesorgten Staaten eine kaum zu überwindende Hürde. Daher hinkt auch die EU ihrer Zielvorgabe, bis 2020 die sogenannte Energie-Effizienz um 20 Prozent zu erhöhen, beträchtlich hinterher. Dies würde ja bedeuten, mit merklich weniger Energie für Haushalt und Freizeit sowie für die gleichen Produktions- und Dienstleistungen auszukommen.

Doha, 2012: Der Emir von Qatar spricht auf der wenig ergiebigen Weltklimakonferenz.

Doha, 2012: Der Emir von Qatar spricht auf der wenig ergiebigen Weltklimakonferenz.© Foto: Reuters Doha, 2012: Der Emir von Qatar spricht auf der wenig ergiebigen Weltklimakonferenz.© Foto: Reuters

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-01-04 13:14:06
Letzte Änderung am 2013-01-04 13:19:24


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