• vom 11.01.2013, 13:00 Uhr

Vermessungen

Update: 15.05.2013, 16:41 Uhr

Karikatur

Die Meisterin der Reduktion




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Dietmar Grieser

  • Winnie Jakob alias WIN, Österreichs Karikaturistin Nr. 1, ist 85jährig in Wien verstorben. Ihre Zeichnungen haben vor allem Größen der Musik und des Theaters festgehalten.

Karikaturen von Promis sind nicht für die Promis da, sondern für uns. Wir Zeitungsleser sind es, die mittels dieser Kunstform ihren Blick auf die Akteure aus Politik und Wirtschaft, aus Wissenschaft, Kultur und Sport schärfen, um sie noch mehr vergöttern zu können (oder noch mehr zu verabscheuen - je nachdem).

"Seitdem Sie mich karikieren, bekomm ich keinen einzigen Heiratsantrag mehr!" sagte Karl Böhm (hier im Bild) zu Winnie Jakob.

"Seitdem Sie mich karikieren, bekomm ich keinen einzigen Heiratsantrag mehr!" sagte Karl Böhm (hier im Bild) zu Winnie Jakob. "Seitdem Sie mich karikieren, bekomm ich keinen einzigen Heiratsantrag mehr!" sagte Karl Böhm (hier im Bild) zu Winnie Jakob.

So gesehen konnte es Winnie Jakob (respektive WIN, wie sie ihre Blätter zu signieren pflegte) egal sein, wie die Objekte ihres Zeichenstiftes auf die betreffenden Porträts reagierten. Ein Zuviel an Zustimmung hätte sie ja sogar dem Verdacht der Schmeichelei aussetzen können. Nein nein, es war schon gut so, wenn Winnie Jakob ihre "Opfer" nicht schonte oder gar schönte: Wir wollen Oskar Werner und Helmut Qualtinger, Friedrich Gulda und Elias Canetti so sehen, wie sie sind - mit all ihren Vorzügen und Schwächen.


Empfindlichkeiten
Eine der verbreitetsten dieser Schwächen ist die Eitelkeit, der oft erschreckende Mangel an Selbstkritik. Winnie Jakob wusste davon ein Lied zu singen: Die Pultstars Klemperer und Karajan haben sie aus diesem Grund von den Orchesterproben ausgeschlossen, Zubin Mehta ließ ihr ausrichten, sie habe ihn zum "Krampus" herabgewürdigt, und Einzi Stolz, unnachsichtig über den Nimbus ihres "Robertl" wachend, drohte nicht nur mit Klage, sondern übte Rache, indem sie der "frechen Person" den seinerzeitigen Dauerauftrag zur Illustration der Raimundtheater-Programmhefte vermasselte.

Nur Karl Böhm reagierte mit Humor: "Seitdem Sie mich karikieren, bekomm ich keinen einzigen Heiratsantrag mehr!"

Wer war diese Person, die seit über 50 Jahren die Großen dieser Welt - insbesondere der Theater- und Musikwelt - mit ihrem Zeichenstift herausforderte?

Da ist zunächst einmal festzuhalten: Sie war kein Mann.

Warum sollte sie auch einer sein? Na ja, weil ihre Eltern sie auf den Vornamen Winifred haben taufen lassen. Winifred ist eine der Nebenfiguren in John Galsworthy´s "Forsyte Saga", und das war das Lieblingsbuch der Mutter. Hätte Frau Jakob nicht ahnen können, dass sie damit ihrer Tochter Scherereien bereiten würde? Als Winnie 1987 im Rahmen des Festivals "Europalia" zur Teilnahme an einer internationalen Gemeinschaftsausstellung aufgefordert wurde, war das Einladungsschreiben aus Brüssel prompt an einen "Herrn Winifred Jakob" adressiert. Und ein in den Sechzigerjahren erteilter Auftrag, zu einem Werbefilm des österreichischen Bundesheeres Cartoons beizusteuern, platzte in dem Augenblick, da die wahre Identität der Künstlerin offenbar wurde. Mochten Winnie´s Entwürfe bei dem zuständigen Ministerialbeamten noch so starken Anklang finden: Eine Frau im Dienste des Militärs - ausgeschlossen!

Karikaturist ist ein Männerberuf. Will es in diesem Metier eine Frau zu Erfolg bringen, muss sie ein Genie sein. Winnie Jakob war dieses Genie.

Da wollen wir natürlich wissen, wie sie das geschafft hat.

Also leicht war´s nicht. Im böhmischen Reichenberg, dem heutigen Liberec, kommt sie am 17. Mai 1927 zur Welt. Ihr Vater, Absolvent der Wiener Handelsakademie (und dort einer der Mitschüler von Karl Farkas), ist Industrieller; seine "Tuch- und Schafwollwarenfabrik" stellt unter anderem die Uniformstoffe für das österreichische Militär her. Mutter Alice ist ausgebildete Konzertpianistin.

Ein Multitalent
Auch die kleine Winnie zieht´s zum Klavier. Ihren Bach übt sie mit solcher Hingabe, dass die um ihr Instrument besorgte Mutter den Steinway absperren und dem Töchterl ein eigenes Pianino hinstellen muss. Mit fünf Jahren lernt Winnie Ski laufen, mit sechs wird sie in die Ballettschule geschickt. Eine weitere Passion sind die Pferde - in späteren Jahren wird sie sich sogar als Dressur- und Turnierreiterin einen Namen machen und als Reitlehrerin (übrigens mit einem echten Lipizzaner am Zügel).

Doch zurück in die Kindheitsjahre. Es ist ein durch und durch musisches Elternhaus, in dem das Multitalent Winnie aufwächst: Onkel Anton Baumann bringt es bis zum Kammersänger und Intendanten der Wiener Volksoper; Onkel Rudolf Krausz ist einer der Architekten, auf die die ersten Wiener Gemeindebauten zurückgehen (und wohl auch Winnies zeichnerische Begabung).

Für die ersten diesbezüglichen Gehversuche dienen der Halbwüchsigen die leeren Seiten in "Kozenn´s Schulatlas" und der "Oswald´sche Farbenkreis" als Arbeitsmaterial, und sind es nicht religiöse Motive, zu denen sie von den Ursulinerinnen der Klosterschule gedrängt wird, zaubert sie mit ihren Buntstiften Figuren aus dem Wilden Westen aufs Papier. Nicht umsonst antwortet sie auf die Frage, was sie später einmal werden will: "Indianer."

1945 wird die Familie aus der wiedererstehenden Tschechoslowakei vertrieben, obwohl die Jakobs nicht zu denen zählen, die beim Einmarsch der Hitler-Truppen im März 1939 in Jubel ausgebrochen sind. Sie fühlen sich als "Deutsch-Böhmen", nicht als "Sudetendeutsche", halten während der Protektoratszeit sogar jüdische Freunde in ihrem Haus versteckt.

Herbert von Karajan fühlte sich von Winnie Jakobs Porträts nicht immer sehr geschmeichelt.

Herbert von Karajan fühlte sich von Winnie Jakobs Porträts nicht immer sehr geschmeichelt. Herbert von Karajan fühlte sich von Winnie Jakobs Porträts nicht immer sehr geschmeichelt.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-01-11 11:11:08
Letzte Änderung am 2013-05-15 16:41:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Elitärer Kosmopolitismus
  2. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  3. Ein Haus voll Bücher
  4. Hinein ins Lego-versum!
  5. Google im Taschenbuchformat
Meistkommentiert
  1. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  2. Google im Taschenbuchformat
  3. Freiwillig in die Einsamkeit

Werbung




Werbung