• vom 12.04.2013, 13:35 Uhr

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Update: 12.04.2013, 13:37 Uhr

Chemie

Höhenflüge und Horrortrips




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Von Thomas Karny

  • Vor 70 Jahren entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann das LSD. Nach tödlichen Missbräuchen verboten, scheint es nun langsam eine Renaissance in der Medizin zu erfahren.

Sie galt als die Modedroge der Hippie-Bewegung. Jim Morrison nahm sie ebenso wie Jimi Hendrix. Aber auch Ernst Jünger und Aldous Huxley schätzten sie. Und ungeachtet der zahlreichen letal verlaufenen Horror-Trips vor allem junger Menschen forderte Timothy Leary, Psychologie-Dozent der renommierten Harvard University, in den 1960er Jahren sogar deren Legalisierung. Wenig später wurden Herstellung, Handel, Besitz und Konsum der Droge verboten.

LSD-Verteiler: der legendäre Bus der US-amerikanischen Hippie-Gruppe "Merry Pranksters".

LSD-Verteiler: der legendäre Bus der US-amerikanischen Hippie-Gruppe "Merry Pranksters".© Foto: Wikimedia LSD-Verteiler: der legendäre Bus der US-amerikanischen Hippie-Gruppe "Merry Pranksters".© Foto: Wikimedia

LSD - Bewusstsein erweiterndes Wundermittel für die einen, berauschender Todesengel für die anderen: Entdeckt hatte es der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, als er im Auftrag der Sandoz-Werke nach einem Kreislaufstimulans forschte. 1938 hatte er aus dem "Mutterkorn"-Pilz die Lysergsäure gewonnen und sie in verschiedenen Verbindungen hergestellt. In weiteren Experimenten entwickelten Hofmann und sein Team ein die Gebärmutter kontrahierendes, blutstillendes Mittel, das als Methergin bis heute gegen Wochenbettblutungen und Wochenflussstauungen verwendet wird. Eine verwertbare pharmakologische Wirkung auf den Kreislauf konnte durch die Substanz jedoch nicht erzielt werden; die in Tierversuchen erzielten Ergebnisse waren enttäuschend.


Phantastische Bilder
Fünf Jahre später fasste Hofmann in einer "merkwürdigen Vorahnung" den Entschluss, eine dieser Verbindungen, das Lysergsäure-Diethylamid, noch einmal herzustellen. Während der Laborarbeiten stellten sich bei ihm plötzlich innere Unruhe und Unwohlsein ein. Er brach seine Arbeit ab und fuhr heim. Zu Hause legte er sich nieder und versank in einen "nicht unangenehmen rauschartigen Zustand", der sich durch eine äußerst rege Phantasie kennzeichnete. "Im Dämmerzustand", berichtete Hofmann später über seine Empfindungen, "wirkten ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und kaleidoskopartigem Farbenspiel. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich der Zustand."

Es war der 16. April 1943, jener Tag, von dem Hofmann sagen wird, dass das LSD zu ihm gekommen sei: "Ich habe es nicht gesucht. Es hat mich gefunden (. . . ) es hat sich mir offenbart."

Eine Art Offenbarung, ein als nahezu mystisch erlebtes Naheverhältnis zur Natur, soll auch den Ausschlag gegeben haben, dass Hofmann das Chemiestudium aufgenommen hat. Als ältestes von vier Kindern am 11. Jänner 1906 in Baden/Aargau geboren, wuchs der Sohn eines Werkzeugmachers in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Er absolvierte nach einer kaufmännischen Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg die Matura, das Studium an der Universität Zürich finanzierte sein Patenonkel. Hofmann promovierte mit Auszeichnung und trat hernach in die Dienste von Sandoz.

Als erfahrener Chemiker, der unter Laborbedingungen stets sauber und kontrolliert arbeitete, konnte er sich zunächst nicht erklären, was der Auslöser jenes mysteriösen Erlebnisses war. An das LSD dachte er zuletzt, da er es ja schon fünf Jahre zuvor untersucht und an jenem Morgen nur kristallisiert hatte. Aber gerade dabei, so vermutete er, musste er über die Fingerkuppen versehentlich eine geringe Menge aufgenommen haben, die ausreichte, um jenen entrückten Zustand auszulösen.

Drei Tage später führte Hofmann den Rauschzustand als kontrolliertes Experiment herbei. Diesmal stellten sich allerdings Angstgefühle, Sehstörungen und Lähmungen ein: "Meine Umgebung hatte sich in beängstigender Weise verwandelt. Die vertrauten Gegenstände nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Die Nachbarsfrau war eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze."

Die Dosis war zu hoch, der Selbstversuch zum Höllentrip geraten. Zu Beginn des bewusst induzierten Rauscherlebnisses war es Hofmann gerade noch gelungen, mit seinem Fahrrad nach Haus zu kommen, - in wilden Schlangenlinien, eine Gefahr für sich und die anderen Verkehrsteilnehmer. Der Tag ging als "bicycle day" in die LSD-Kultur ein.

Heilige Droge Mescalin
Was Hofmann damals erlebt hatte, war gerade erst in den Fokus der Wissenschaft geraten: die Wirkung pflanzlicher Alkaloide. Dem Berliner Arzt und Pharmakologen Louis Lewin war es gelungen, ein Klassifikationssystem für Drogen und psychoaktive Pflanzen zu erstellen. Kurt Beringer, herausragender Vertreter der Drogenforschung an der in den 1920er Jahren auf diesem Gebiet bedeutenden Universität Heidelberg, hatte die halluzinogene Wirkung von Mescalin, einem im mittelamerikanischen Peyote-Kaktus enthaltenen und von den dort lebenden Indianern als heilige Droge verehrten Wirkstoff, untersucht.

Bei Sandoz erkannte man bald die therapeutische Wirkung des LSD und entwickelte ein Medikament, das bei Alkoholabhängigkeit, psychischen Leiden und schwerkranken Patienten zur Schmerzlinderung eingesetzt wurde. Das LSD, betonte Hofmann indes, sei kein Therapeutikum an sich, sondern nur ein Hilfsmittel zur Psycho-Stimulans. Als man es 1949 unter dem Handelsnamen Delysid als Versuchspräparat an Psychiater abgab, empfahl man diesen ausdrücklich, es im Selbstversuch zu erproben, ehe es an ihren Patienten angewendet würde.

Albert Hofmann (1906-2008).

Albert Hofmann (1906-2008).© Foto: EPA/W. Bieri Albert Hofmann (1906-2008).© Foto: EPA/W. Bieri

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Dokument erstellt am 2013-04-12 12:08:09
Letzte Änderung am 2013-04-12 13:37:30


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