• vom 26.04.2013, 13:10 Uhr

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Update: 26.04.2013, 14:40 Uhr

Slowakei

Mülldeponie als Spielplatz




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Von Michael Biach

  • Auf der einen Seite trägt Kosice den Titel "Europäische Kulturhauptstadt", auf der anderen beherbergt es die Roma-Siedlung "Lunik IX", wo einzig ein Kindergarten ein wenig Hoffnung in all das Slum-Elend bringt.

Abfälle werden in der Siedlung Lunik IX grundsätzlich durch die Fenster entsorgt . . . - © Foto: Biach

Abfälle werden in der Siedlung Lunik IX grundsätzlich durch die Fenster entsorgt . . . © Foto: Biach

Lange stand Kosice, die zweitgrößte Stadt der Slowakei, im Schatten des Regierungssitzes Bratislava. Dabei hat die Metropole im Osten des Landes kulturell und geschichtlich einiges zu bieten. Kein Wunder also, dass sich Kosice in diesem Jahre mit dem französischen Marseille den wohlverdienten Titel "Europäische Kulturhauptstadt" teilt.

Nur wenige Kinder haben die Chance, der Trostlosigkeit zu entkommen.

Nur wenige Kinder haben die Chance, der Trostlosigkeit zu entkommen.© Foto: Biach Nur wenige Kinder haben die Chance, der Trostlosigkeit zu entkommen.© Foto: Biach

Wer jedoch den historischen Kern mit Kathedrale, Stadttheater und Fußgängerzone verlässt und an den Stadtrand nach Lunik IX fährt, der kommt schnell in eine gänzlich andere Welt, in deren Trostlosigkeit wie so oft Kinder die Leidtragenden sind. Einst war Lunik IX - benannt nach einer sowjetischen Mondsonde - wie alle anderen Satellitenstädte der ostslowakischen Stadt als günstiger Wohnraum für die Mittelschicht des Realsozialismus in den 1980er Jahren gedacht. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Gründung des Nationalstaates Slowakei hatten die neuen Stadtvertreter aber andere Pläne.


Zwangsumsiedelung
In einer Nacht-und-Nebelaktion wurden tausende Roma, die bis zu diesem Zeitpunkt über die gesamte Altstadt verbreitet gewohnt hatten, mit Bussen in den attraktiven, jedoch noch mäßig bewohnten Neubau verbracht. Darüber waren weder die ursprünglichen Bewohner noch die zwangsumgesiedelten Roma glücklich. Die einstige slowakische Mittelschicht suchte sich daraufhin anderswo Wohnungen - und verschwand rasch.

Die neuen Mieter wiederum konnten sich in den riesigen Plattenbauten nicht zurechtfinden. Zu untypisch war dieses Wohnmodell für die Roma, die es immer schon bevorzugten, nahe am Boden zu leben. Eine Bleibe in den obersten Stockwerken kam für sie nicht in Frage. Waren die Roma, wie alle erwachsenen Bürger der Tschechoslowakei, während der kommunistischen Ära noch verpflichtet zu arbeiten, so änderte sich in den 1990er Jahren die Situation für sie drastisch. Jobs gab es kaum mehr, die Arbeitslosigkeit stieg rapide.

Schon bald konnten die Bewohner ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Gleichgültigkeit über ihren gesellschaftlichen Stellenwert sowie die Beschleunigung der bereits bestehenden Isolation und Ausgrenzung gegenüber den gadje - ein Ausdruck aus dem Romanes, der alle Nicht-Roma bezeichnet - bescherten ihnen einen tristen Alltag in den heruntergekommenen Plattenbauten am Rande der Stadt. Diebstahl und Kriminalität nahmen überhand. Die sozialistische Vorzeigesiedlung entwickelte sich zum urbanen Slum-Albtraum. Nach der Privatisierung von Strom- und Wasserversorgung wollten die neuen Eigentümer Geld sehen. Als die Zahlungen weiterhin ausblieben, wurde zuerst der Strom, später auch das fließende Wasser von der Stadtverwaltung abgedreht.

Trinkwasser wird heute nur für zwei Stunden täglich, unter Polizeibeobachtung, ausgegeben. Die ergatterten Rationen tragen Frauen und Kinder in aufgefüllten Wasserkanistern in ihre Bleibe. Seitdem die Müllentsorgung zusammengebrochen ist, entledigen sich die Bewohner von Lunik IX sämtlicher ihrer Abfälle durch das Fenster. Innerhalb kürzester Zeit sammelten sich Tonnen an Müll vor den Fenstern der Wohnhäuser, welche Krankheiten und eine nicht zu bewältigende Rattenplage nach sich zogen.

Alle Jahre lässt die Verwaltung den riesigen Abfallberg vor den Wohnhäusern entsorgen, spätestens dann, wenn wieder einmal das Grundwasser der Stadt in Gefahr ist. Zwischendurch dient die Mülldeponie den Kindern als "Spielplatz", wird nach Brauchbarem durchsucht oder als Zeitvertreib angezündet. Zwischen Bergen aus Plastik, gebrauchten Babywindeln und kaputten Gebrauchsgegenständen streunen zahlreiche Hunde auf der Suche nach Nahrung. Die hungrigen Ratten wagen sich, vor allem während des langen kalten Winters, bis in die Wohnungen vor. Kleinkinder mit Rattenbissen sind keine Seltenheit, Krankheiten aller Art die Regel.

Der Mangel an Strom brachte Kälte und Isolation. In selbstgebauten Öfen verheizen die Bewohner Müll und Holz aus dem nahegelegenen Wald, was immer wieder zu Bränden führt. Das Schlimmste jedoch sei das mangelnde Selbstwertgefühl der Roma, sagt Tomas Halasz. Er ist Fotograf und hat an der Kampagne "Syndróm Róm" mitgearbeitet, die initiiert wurde, um dem aktuellen Klischeebild der Roma entgegenzuwirken. Syndróm Róm zeigt auf, dass Roma erfolgreiche und selbstbewusste Slowaken sein können - und dass es in der slowakischen Gesellschaft durchaus nennenswerte Beispiele persönlicher Erfolgsgeschichten gibt.

Doch Syndróm Róm porträtiert nicht einfach prominente Romavertreter des Landes. Vielmehr möchte die Kampagne alltägliche Menschen darstellen, wie etwa die zweifache Mutter Ida Biháriová , die 30 Jahre lang in der Nationalbank tätig war und ihre Arbeit erst nach der Erkrankung mit Schildrüsenkrebs beenden musste. Oder Mária Demeová, eine junge Studienabsolventin, die Englisch an einer Grundschule unterrichtet, leidenschaftlich gerne reist und auch als Journalistin erfolgreich ist. Oder Ivan Mirga, ein ehemaliger Leutnant der Armee, der mittlerweile an einer Katholischen Universität lehrt.

Es ist ein großer Mythos, dass alle Roma in Wellblechhütten am Land oder in urbanen Slums hausen. Vielmehr besteht auch die nach der ungarisch-stämmigen Bevölkerungsgruppe zweitgrößte ethnische Minderheit des Landes aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Syndróm Róm prangert dieses verzerrte Bild in der Gesellschaft an und will dazu beitragen, die Wahrnehmung der Minderheit zu verbessern, auch unter den Roma selbst.

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Schlagwörter

Slowakei, Extra, Roma, Kosice, Lunik IX

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Dokument erstellt am 2013-04-26 11:56:08
Letzte Änderung am 2013-04-26 14:40:04


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