• vom 03.05.2013, 14:00 Uhr

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Update: 03.05.2013, 14:56 Uhr

Gustav Mezey

Pinselreklame für Zelluloid




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Von Peter Payer

  • Gustav Mezey (1899-1981) zählt zu den bedeutendsten österreichischen Grafikern des 20. Jahrhunderts. Vor allem mit seinen Filmplakaten erlangte er internationale Anerkennung.

"Polskie Centrum Hand-lowe" steht über dem Eingang geschrieben, der in ein geräumiges Souterrainlokal nahe dem Rennweg in Wien-Landstraße führt. An der Fassade laden bunte Bilder von Lebensmitteln zum Einkauf in dem polnischen Supermarkt. Nichts erinnert mehr daran, dass hier, in der Strohgasse 41, einmal der berufliche und private Lebensmittelpunkt eines der bedeutendsten österreichischen Grafikers des 20. Jahrhunderts war. Von den 1930er bis in die 1970er Jahre hatte Gustav Mezey im Souterrain des pompösen Gründerzeithauses Atelier und Wohnung. Arbeiten im Verborgenen - und von dort aus die Welt "erobern", das könnte das geheime Lebensmotto Mezeys gewesen sein, der als Filmplakatmaler weit über die Grenzen seines Landes bekannt geworden war und sich im Untergrund stets wohler fühlte als an der Oberfläche.

Mezey bei der Arbeit an einem Filmplakat, ca 1940.

Mezey bei der Arbeit an einem Filmplakat, ca 1940.© Schubert/Payer Mezey bei der Arbeit an einem Filmplakat, ca 1940.© Schubert/Payer

Sein Leben und Werk sind bisher kaum aufgearbeitet. Selbst in Antita Kerns fundiertem Überblickswerk "Österreichisches Grafikdesign im 20. Jahrhundert" wird Mezey mit keinem Wort erwähnt. Dies mag zum einen daran liegen, dass Filmplakate lange Zeit als ein künstlerisch zweitrangiges Grafikgenre galten; zum anderen, dass der umfangreiche Nachlass, der neben Entwürfen für die Film- und Kinobranche auch solche für Produktreklame und Geschäftsportale sowie zahlreiche Aktzeichnungen und Fotos enthält, sich in privaten Händen befindet. Erste Einblicke in diesen sowie Erinnerungen von Zeitgenossen vermitteln ein schillerndes Bild des kongenialen Allround-Grafikers.


Harte Kindheit
Sein familiärer Background und die Kindheit waren nicht einfach, so Otto Gimperlein, Grafikerkollege, Freund und Verfasser einer frühen biografischen Skizze über Mezey. Geboren am 10. September 1899 als Gustav Masirević in der Kleinstadt Sombor (damals Südungarn, heute Serbien), verlor er als Einjähriger seine Mutter, mit drei Jahren den Vater, der Grundbuchführer war. Der Bruder des Vaters und dessen Frau nahmen den Vollwaisen auf. Strengste Erziehung mit harten Strafen, vor allem vonseiten des Onkels, kennzeichnete fortan seine Jahre.

Früh manifestierte sich Gustavs künstlerische Begabung. Seine Begeisterung für das Zeichnen war bald allseits bekannt. Bereits mit zwölf verließ er die Volksschule und ging bei dem bekannten, in Sombor ansässigen Kunst- und Schildermaler Lajos Steiner in die Lehre. Alsbald durfte er selbstständig den Gnadenaltar einer Wallfahrtskirche restaurieren. Es folgten Ausbildungen an der Kunstgewerbeschule in Szeged und schließlich in Budapest, wo er sich an der Akademie für angewandte Kunst einschrieb, im November 1917 den ungeliebten Namen seines Onkels ablegte und sich fortan "Mezey" nannte.

Danach kehrte er in seine Heimat zurück, die nun Teil des jugoslawischen Staates geworden war. Er arbeitete als Grafiker und Zeichner bei diversen Firmen in Osijek, absolvierte einen Kurs für moderne Fotografie und erhielt als freier Werbegrafiker erste lu-krative Aufträge von so renommierten Firmen wie Meinl, Bata oder Austro-Daimler. 1923/24 leistete er den einjährigen Militärdienst ab, die Voraussetzung dafür, das Land verlassen zu dürfen. Erst jetzt war Mezey wirklich frei.

1925 fuhr er in seine Wunschstadt Wien, fand erste Arbeit in einer Schilderfabrik an der Rossauer Lände. Daneben belegte er Abendkurse an der Akademie für angewandte Kunst und an der Kunstgewerbeschule. Zahlreiche Aktstudien aus dieser Zeit belegen, welch Talent für Proportionen und das Herausmodellieren des Körpers er schon entwickelt hatte. Dies, obgleich seine künstlerischen Umsetzungen bisweilen recht unkonventionell waren und er sich manche Freiheiten nahm, zum Missfallen einiger Professoren, wie Gimperlein berichtet.

Nach Abschluss der Ausbildungen machte sich Mezey selbstständig, zumal die Nachfrage nach Werbegrafiken nach der Weltwirtschaftskrise, die auch Wien zutiefst erschüttert hatte, wieder deutlich anstieg. Im Jahr 1936 eröffnete er in der Strohgasse sein "Kunstgewerbe-Atelier für neuzeitliche Reklame". Wie breit gefächert sein Portfolio war, geht aus seiner Visitenkarte hervor: Entwürfe und Ausführungen von Schildern, Metallbuchstaben, Lichtreklame, Neonanlagen, Ölannoncen, figurale Malerei, Schaufensterreklame, Email-, Glas- und Papierplakate, Geschäftswagen-Beschriftungen. Als Firmenemblem wählte er nicht zufällig den Kopf der Pallas Athene, der griechischen Göttin der Künste und des Kampfes.

Erfolg mit Werbegrafik
Die Auftragslage entwickelte sich prächtig, Mezeys Talent hatte sich herumgesprochen. Werbeplakate, Etiketten und Packungsentwürfe entstanden u.a. für Produkte von Humanic, Bally, Odol, Persil, Recheis, Manner und Meinl; zudem Entwürfe für Geschäftsportale, teils traditionell, teils erfrischend klar und modern anmutend, etwa für eine Gaststätte, eine Tabak-Trafik, einen Frisiersalon, eine Hammerbrot-Filiale oder ein Ledergeschäft (leider ist keine dieser Realisationen mehr im Stadtbild erhalten).

Hergestellt wurde all dies in den unterirdischen Arbeits- und Wohnräumen, deren Wände Mezey stolz mit seinen Aktzeichnungen geschmückt hatte, wie Fotografien dokumentieren. Ein erotisch aufgeladenes Domizil also, das der Frauenverehrer wohl nicht ohne Kalkül inszenierte. Dazu passen jene Urlaubsaufnahmen aus mondänen jugoslawischen und italienischen Badeorten, die den attraktiven, erfolgreichen Künstler in Begleitung verschiedener junger Frauen am Strand zeigen.

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Dokument erstellt am 2013-05-03 12:08:06
Letzte Änderung am 2013-05-03 14:56:09


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