• vom 31.05.2013, 13:30 Uhr

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Update: 31.05.2013, 13:32 Uhr

Wien

Themenpark als Friedenswerk




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Von Ingeborg Waldinger

  • Vor hundert Jahren fand auf dem Wiener Pratergelände die "Österreichische Adria-Ausstellung" statt. - Eine Leistungsschau von Gewerbe und Industrie, aber auch eine imaginäre Reise in eine heile Welt.

Künstliche Adria-Welt: Ein Kanal führte von der Rotunde zum großen See. Rekonstruktionen bekannter Gebäude aus den Adria-Ländern säumten die Ufer. - © Foto: Wikimedia

Künstliche Adria-Welt: Ein Kanal führte von der Rotunde zum großen See. Rekonstruktionen bekannter Gebäude aus den Adria-Ländern säumten die Ufer. © Foto: Wikimedia

"Am Meere, wo sonst die Welt beginnt, hörte hier die Welt auf", schrieb Dr. Albert Moscheni vor hundert Jahren über die Stadt Triest. Ihr Wandel vom bescheidenen Provinzhandelsplatz zum bedeutenden Handelshafen hatte unter Kaiser Karl VI. eingesetzt. Dessen merkantilistische Wirtschaftspolitik habe, so Moscheni, den "Bann gebrochen, welcher das Adriatische Meer von seinem Hinterlande trennte und durch die Errichtung der Orientalischen Kompagnie jenen Weg nach Osten eingeschlagen, den seither Triest nicht mehr verlassen hat. . . Hiemit war auch für die Schaffung einer österreichischen Handelsmarine der Grund gelegt."

Ein k.k. Themenpark
Triest war der große Umschlagplatz für den Nord-Süd-Handel der k.u.k. Monarchie - und deren wichtigstes Tor zu den Weltmeeren. Die Ausführungen des Dottore Moscheni entstammen seinem Aufsatz "Die österreichische Handelsmarine in ihrer Entwicklung und ihrem gegenwärtigen Bestande". Dieser findet sich im Offiziellen Katalog der "Österreichischen Adria-Ausstellung", die vom Österreichischen Flottenverein im Wiener Pratergelände von 3. Mai bis 5. Oktober 1913 veranstaltet wurde. Vom Schema der Weltausstellungen inspiriert, belehrte und unterhielt dieser k.k. Themenpark das Publikum mit technischem Fortschritt, Kultur, Geschichte und einer typisierten "Fremde".


80 Heller kostete der Katalog, ein rund 500 Seiten umfassender Wälzer. Er beinhaltete einen detaillierten Lageplan des Expo-Geländes und lotste wie ein Reiseführer durch die Ausstellungshallen. Als solche fungierten neben der Rotunde eine Reihe von bekannten adriatischen Gebäuden, die man im Originalstil nachgebaut und bestimmten Themenbereichen gewidmet hatte: der Kriegs- und Handelsmarine, dem Maschinen- und Schiffbau, der Fischerei- und Forstwirtschaft, der Jagd und der Grottenkunde, der Hygiene, den Seebädern und Kurorten. Der Katalog stellte den jeweiligen Ressortbeschreibungen eine so volksbildnerische wie propagandistische Einführung voran.

Denn diese Großausstellung - sie sollte die letzte der k.u.k. Monarchie sein - verfolgte nicht nur das Ziel, der Allgemeinheit die Schönheit, den Kulturreichtum und das wirtschaftliche Potenzial der Adria-Länder vorzustellen; in diesem Sommer 1913 ging es um sehr viel mehr: Die Adria-Ausstellung war zugleich eine politische Veranstaltung am Vorabend eines doch erahnten Weltkriegs. Und so präsentierte die k.u.k. Kriegsmarine, damals sechstgrößte Kriegsflotte der Welt, ihre neuesten Spitzentechnologien, während die Ausstellungsmacher mit Pathos den Frieden beschworen:

"Was die Einen geschaffen, zerstörte der Andere und das Jahrhundert österreichischen Dominiums reichte nicht aus, überall dort aufzubauen, wo durch zwei Jahrtausende jeder Epoche blühenden Lebens, Tod und Verwüstung folgte", hieß es im Katalogvorwort von Dr. J. v. Hortenau. Und weiter: Es habe großer Opferwilligkeit vonseiten der Regierung und intensiver Unterstützung aus Gewerbe und Industrie bedurft, um in Zeiten "des Zusammenbruchs der europäischen Türkei, in einer Epoche wirtschaftlicher Depression und der Zurückhaltung des Kapitales, wo jeder Tag den Beginn eines Weltkrieges melden konnte, ein Friedenswerk zu vollenden".

Brüchige Monarchie
Der große Krieg lag in der Luft, in jenem Sommer; ein kleinerer, der 2. Balkankrieg, wurde bereits geführt. Seine Brandung schlug gefährlich gegen die brüchigen Fundamente der Donaumonarchie. Doch Thronfolger Erzherzog Ferdinand, vom Kaiser zum Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht ernannt, war mit dem Chef des Generalstabs, Conrad von Hötzendorf, nicht auf einer Linie. Entschieden lehnte er dessen Forderung nach einem Präventivkrieg gegen Serbien ab - und zog sich "schmollend in sein böhmisches Schloss bei Konopischt" zurück.

So erzählt es der deutsche Autor Florian Illies in seiner originellen, im Vorjahr erschienenen Geschichtscollage "1913". Darin verbinden sich Splitter des Weltgeschehens, Momente künstlerischen Schaffens und Anekdoten aus dem Leben prominenter Schöpfer (und Zerstörer) zu einem großen Ganzen, das die endzeitlichen Ahnungen jenes Jahres auf höchst subtile, mitunter ironische Weise vermittelt.

Oswald Spengler etwa schrieb vom "Untergang des Abendlandes", Trakl von seinem inneren Inferno; Adolf Loos geißelte das Zuckerbäckerornament der Wiener Ringstraße, und Malewitsch erreichte mit seinem schwarzen Quadrat den Nullpunkt der Malerei. Arthur Schnitzer und Robert Musil verstrickten sich in Rosenkriege, Karl Kraus verliebte sich in Sidonie Baronin Nádherný von Borutin. K.u.k.-Agent Oberst Redl erschoss sich im Hotel, Adolf Hitler entzog sich durch Flucht aus Österreich dem Militärdienst. Und der britische Publizist und spätere Friedensnobelpreisträger Norman Angell schrieb einen "Offenen Brief an die deutsche Studentenschaft".

Eine große Illusion
Darin, so Illies, legte Angell dar, "dass das Zeitalter der Globalisierung Weltkriege unmöglich mache, da alle Länder längst wirtschaftlich zu eng miteinander verknüpft seien". Der größten Illusion erlag also ausgerechnet jener Mann, der den wettrüstenden Nationen schon 1910 folgende Warnung ins Stammbuch geschrieben hatte: Zu glauben, die Lage eines Landes lasse sich in dieser "wirtschaftlich zivilisierten" Welt noch mit Kriegen sichern, sei eine "große Illusion". Sein gleichnamiges Buch wurde ein Weltbestseller, wenngleich sich der Weltenlauf bekanntermaßen nicht an die von Angell vertretenen Thesen hielt.

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Dokument erstellt am 2013-05-30 16:47:06
Letzte Änderung am 2013-05-31 13:32:05


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