• vom 07.06.2013, 13:30 Uhr

Vermessungen

Update: 14.05.2018, 23:08 Uhr

Geschichte der Raumfahrt

Emanzipation im Weltraum




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Knapp vor Ende der 71. Flugstunde zündet man die Bremsraketen. Bald darauf wird Walentina aus der Kapsel katapultiert und schwebt an einem separaten Fallschirm zu Boden. Ihr Kollege Bykowski landet kurz danach. Die Flugleitung hat ihn wegen technischer Probleme vorzeitig heruntergeholt, nach immerhin 119 Stunden im All.

An beiden Landeplätzen finden sich viele Neugierige ein. Und auch am Straßenrand stehen Menschen Spalier, als es wenig später zum Flughafen geht. Walentina Tereschkowa ist zur berühmtesten Frau der UdSSR geworden. Chruschtschow lässt ihr einen triumphalen Empfang bereiten. Bykowski steht in ihrem Schatten.

Russische Medien überschlagen sich vor Begeisterung. Der Flug hätte bewiesen, dass "nicht nur ein trainierter männlicher Organismus, sondern auch der weibliche einen Raumflug ertragen kann", wird die sowjetische Presseagentur Novosti später festhalten - unter dem Titel "Gleichberechtigung auch im Kosmos".

Die neue Heldin der Sowjetunion reist nach Kuba, Mexiko, in die USA, nach Kanada, England und in die DDR. Dabei erweist sie sich als ideale Botschafterin des sozialistischen Systems. Etliche Städte ernennen sie zur Ehrenbürgerin. Walentina wird später auch noch Vorsitzende des sowjetischen Frauenkomitees sowie Mitglied des Obersten Sowjets und des Zentralkomitees der KPdSU.

Kosmonauten-Ehe

Zuvor jedoch macht ein folgenschwerer Scherz die Runde: Walentina sollte doch den ebenfalls ledigen Wostok-3-Kosmonauten Nikolajew heiraten! Chruschtschow wittert einen weiteren Propaganda-Clou und macht Druck. Die Betroffenen mögen einander tatsächlich, doch auf den Hochzeitstermin einigen sie sich erst drei Tage vor dem Fest: Das geht am 3. November 1963 in Moskau über die Bühne, mit 300 Gästen und unter dem Vorsitz des Regierungschefs. Er schenkt dem Paar ein siebenräumiges Appartement - groß genug, um es nötigenfalls teilen zu können . . .

Im Juni 1964 kommt Elena auf die Welt, das erste Kind zweier Kosmonauten. Sie wird ihre Mutter selten sehen, denn die gehört Staat und Partei. Die Ehe gilt als Staatsaffäre: Obwohl längst zerrüttet, darf sie erst 1982 geschieden werden. Anlässlich von Lenins 100. Geburtstag schickt man Nikolajew zuvor nochmals ins All: Er kommandiert dann die Sojus-9, und stellt gemeinsam mit seinem Kollegen einen neuen, knapp 18-tägigen Flugrekord auf.

Die Frauen erwartet ein ganz anderes Schicksal. Ursprünglich hatte man überlegt, zwei Kosmonautinnen in eine doppelsitzige Woschod-Kapsel zu setzen. Walentina Ponomarjowa sollte das Kommando führen, Irina Solowjowa einen Ausstieg ins All wagen. Doch diese Mission wird gestrichen, ebenso wie frühe Mondumrundungen mit gemischten Sojus-Crews.

Zwar dürfen die Damen weiterhin trainieren, doch werden sie nie ins All gelangen. Plätze in Raumschiffen sind knapp und begehrt; und die Männer verzichten nur allzu gern auf Konkurrenz. Gagarin und andere Kosmonauten, Koroljow und Offiziere der Luftstreitkräfte - sie alle opponieren. Die Fabrik 918 weigert sich sogar, passende Raumanzüge für Frauen herzustellen. Die erste Kosmonautinnen-Gruppe wird 1969 aufgelöst. Auch Walentina Tereschkowa kommt nicht mehr zum Zug. Ihr Kollege Waleri Bykowski fliegt hingegen noch zweimal.

Natürlich sorgt der Flug einer Russin auch in den USA für Aufregung. Dabei hätte man der UdSSR leicht zuvorkommen können. 1959 wurden sieben Männer für die Flüge mit den einsitzigen Mercury-Kapseln ausgewählt. Alle mussten zuvor Untersuchungen in der Klinik von Randolph Lovelace in Albuquerque, New Mexico, über sich ergehen lassen. "Ein paar dieser Tests waren außerordentlich unangenehm", erinnert sich Astronaut Gordon Cooper später: "Ich glaube, die Ärzte fanden ein paar Stellen zum Untersuchen, von denen wir noch nicht einmal wussten, dass es sie an unserem Körper gab."

Lovelace hatte die medizinischen Auswahlkriterien der NASA selbst mitformuliert. Kurz nach den Männern untersuchte er - inoffiziell - auch Frauen auf ihre Eignung. Zunächst musterte er die Personalakten von 700 Pilotinnen, dann lud er 25 von ihnen zu medizinischen Tests ein. Alle waren weniger als 35 Jahre alt und brachten mehr als 2000 Stunden Erfahrung mit Propellermaschinen mit.

1961 bestanden 13 Pilotinnen die geheimen Checks - allen voran die berühmte Fliegerin Jerrie Cobb: Die Dreißigjährige hat damals bereits drei Weltrekorde aufgestellt und ist Trägerin der "Amelia Earhart Gold Medal". Die ganze Gruppe wird später unter dem Namen "Mercury-13" bekannt - doch die NASA interessiert sich nicht für sie. Von den Luftwaffenschulen ausgeschlossen, können Frauen keine Praxis beim Pilotieren von Düsenjets mitbringen. Aber diese Praxis gilt der Weltraumbehörde, neben der medizinischen Eignung, als unabdingbare Voraussetzung für den Raumflug. Die Enttäuschten wenden sich an Präsident Kennedy und Vizepräsident Johnson. Doch selbst ein öffentliches Hearing im Jahr 1963 hilft ihnen nicht weiter. Keine der Frauen wird je zum Astronautentraining zugelassen.

So zwängt sich einen Monat vor Tereschkowas Flug neuerlich ein Mann in die sechste und allerletzte Mercury-Kapsel: Gordon Cooper ist auf den Tag genau zehn Jahre älter als Walentina Tereschkowa. Er hat als Kind sogar noch die legendäre Flugpionierin Amelia Earhart kennen gelernt. Zuletzt testete er experimentelle Kampfjets auf der kalifornischen Edwards Air Force Base.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-06-07 11:08:09
Letzte Änderung am 2018-05-14 23:08:28


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