• vom 07.06.2013, 14:00 Uhr

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Update: 07.06.2013, 14:51 Uhr

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Statt ins Kloster an die Universität




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Von Gerhard Strejcek

  • Vor 100 Jahren, am 8. Juni 1913, wurde Sibylle Bolla-Kotek geboren, Wiens erste Rechtsprofessorin, die als gelernte Romanistin zu einer Spezialistin für Antikes Recht, aber auch für Numismatik wurde.

Zwei Ansichten von Sibylle Bolla-Kotek, gezeichnet von Ulli Klepalski.

Zwei Ansichten von Sibylle Bolla-Kotek, gezeichnet von Ulli Klepalski. Zwei Ansichten von Sibylle Bolla-Kotek, gezeichnet von Ulli Klepalski.

Heute finden sich am Wiener Juridicum viele engagierte Forscherinnen und akademische Lehrerinnen, viele davon in leitenden Positionen. Das war nicht immer so. In den ersten vier Jahrzehnten der Zweiten Republik gelang es gerade einmal drei begabten Frauen, eine rechtswissenschaftliche Professur in Wien zu erlangen. Zwei davon (Charlotte Leitmaier, geb. 1910, verst. 1997; Ingeborg Gampl, geb. 1929) forschten im Kirchenrecht, doch die Einzige von ihnen, die schon in den Fünfzigerjahren (1958) ihr Amt als Ordinaria antreten konnte, war eine Romanistin, deren interessante Persönlichkeit und deren vielfältige Leistungen anlässlich der hundertsten Wiederkehr ihres Geburtstages in Erinnerung zu rufen sind: Sibylle Bolla-Kotek, geboren am 8. Juni 1913.

Genau genommen war sie keine geborene Österreicherin, sondern kam als Staatsangehörige des Königreichs Ungarn zur Welt. Zu Zeiten der k.u.k. Monarchie lag ihre Geburtsstadt Preßburg außerhalb von Cisleithanien, heute fungiert sie unter ihrem slawischen Namen Bratislava als Hauptstadt der Slowakischen Republik. Die Bollas dienten wie viele Ungarn seit Generationen in der Armee, die Leidenschaft für Pferde und Bewegung lag ebenso in ihren Genen wie der Forscherdrang.


An Kafkas Uni
Sibylles Vater, der k.u.k. Offizier Gedeon von Bolla, förderte daher auch die Bildung seiner Töchter intensiv und sorgte für qualifizierten Reitunterricht. Zehn Jahre später zog die Familie ins tschechische Teplitz-Schönau, wo die Tochter das von Sudetendeutschen geführte Gymnasium besuchte. Wien und Budapest waren nun etwas ferner gerückt, aber auch die tschechische Hauptstadt bot interessante Ausbildungswege. So studierte Sibylle Bolla ab 1931 an der (deutschen) Ferdinand-Karls-Universität in Prag, wo auch Franz Kafka ein Vierteljahrhundert zuvor seine Doktorwürde empfangen hatte.

Legendär ist Kafkas Ausspruch, dass er als Student des Öffentlichen Rechts sich in Vorbereitung zur Staatsprüfung "wochenlang geistig buchstäblich von Holzmehl" hatte ernähren müssen. Nicht anders erging es Sibylle Bolla, die allerdings bereits nach acht Semestern ihr Studium beendete.

Der Zeitpunkt und Ort für eine Berufslaufbahn als Juristin waren wenig günstig, denn im Süden kämpfte das Regime Kurt Schuschniggs ums Überleben. Im Norden wuchs der Moloch des NS-Staates, der auch die Agitation in Teplitz-Schönau anfachte und Henleins Sudetendeutsche Partei vereinnahmte, in bedrohlicher Weise. Bolla wollte als frisch promovierte Dr. jur. 1935 der beruflich-politischen Enge in der bedrängten tschechischen Republik entkommen. Dafür boten sich zwei Wege an: Wissenschaft oder Rückzug ins geistliche Leben.

Mit dem Ende der Monarchie war nicht gleichzeitig das Ende alter österreichisch-stämmiger ("cisleithanischer") Institutionen in Böhmen gekommen: So bestand etwa die Sozialversicherungsanstalt (Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt), in der ČSR mit slawischen Führungskräften weiter. Dasselbe galt für die deutschsprachige Rechts-Fakultät an der Prager Universität, immerhin der ältesten in diesem Sprachraum. Aber die Chancen auf eine Dauerstelle waren für eine ungarischstämmige, "altösterreichische", deutschsprachige Wissenschafterin gering. In dieser wenig aussichtsreichen Lage wandte sich Bolla an das (erst vor kurzem auf Befehl der Diözese abgesiedelte und veräußerte) Nonnen-Kloster Maria Annunziata in Eichgraben im Wienerwald, um dort ein geistliches Leben zu führen.

Doch es kam anders. Egon Weiss, ein Prager Gräzist (Hauptwerk: "Griechisches Privatrecht"), erkannte ihr Talent und übernahm sie ohne Vorurteile als Assistentin. Nachdem die Nationalsozialisten die Tschechische Republik in ein "Reichsprotektorat" umgewandelt und marginalisiert hatten, musste Weiss, wie viele andere jüdische Forscher (darunter auch Hans Kelsen), die dortige Universität verlassen. Um weiter tätig sein zu können, bedurfte die Juristin nun eines Mentors, den sie im Romanisten Leopold Wenger (1874-1953) anlässlich eines Wien-Besuchs 1937 fand; dieser erforschte in München an einem Spezialinstitut antikes Recht und entfachte ihr Interesse an der Papyrusforschung.

Tiermiete, Viehpacht
Auch sein dortiger Nachfolger Mariano San Nicolò (1887-1955) blieb Bolla gegenüber aufgeschlossen. Die habilitierte Forscherin konnte Untersuchungen zu Tiermiete und Viehpacht anstellen, die 1940 im Druck erschienen. Im NS-System erwies sich dieses "unpolitische" historische Feld gewissermaßen als Rettungsanker, da viele Assistenten einrücken mussten und daher ausnahmsweise auch Frauen weiter lehren konnten.

Besonders sympathisch konnte Bolla den Nazis aber nicht gewesen sein; die Einbettung der Familie in aristokratisch-ungarische Kreise weckte den Verdacht des Legitimismus, den Hitler bekanntlich besonders ablehnte. Auch die enge Bekanntschaft ihres Vaters zum Schutzbundgeneral Theodor Körner machte sie den Braunhemden verdächtig, nicht zuletzt auch ihre Zusammenarbeit mit dem nunmehr nach den diskriminierenden Nürnberger Rassengesetzen verfemten und verfolgten Egon Weiss, ihrem vormaligen "Chef" und Habilitationsvater.

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Extra, Rechtslehre

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Dokument erstellt am 2013-06-07 11:11:05
Letzte Änderung am 2013-06-07 14:51:01


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