• vom 02.08.2013, 12:30 Uhr

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Update: 02.08.2013, 12:31 Uhr

Holocaust

"Das Mädchen mit dem Fahrrad"




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Von Primavera Driessen Gruber

  • Die geborene Wienerin Elly Braun Schlesinger, die heute in Israel lebt, hat während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich durch mutige Aktionen vielen jüdischen Flüchtlingen das Leben gerettet.

"In unserer Diözese haben sich in den Lagern Noé und Récébédou schreckliche Szenen abgespielt. Die Juden sind Männer. Die Jüdinnen sind Frauen. Die Ausländer sind Männer, die Ausländerinnen sind Frauen. Nicht alles darf man ihnen antun, diesen Männern und diesen Frauen, diesen Familienvätern und Familienmüttern. Sie gehören zum menschlichen Geschlecht". So schrieb der Erzbischof von Toulouse, Mgr. Jules-Géraud Saliège in seinem berühmten Hirtenbrief vom August 1942. Der Erzbischof gehörte zu den wenigen hohen Kirchenfunktionären, die gegen die antisemitischen Maßnahmen in Vichy-Frankreich protestierten. Der Hirtenbrief, dessen Echo weit über den Südwesten Frankreichs hinausreichte, führte dazu, dass 300 jüdische Flüchtlingskinder mit falschen Papieren in Klöstern und Internaten versteckt wurden, und dass zahlreiche Menschen in der damaligen ‚zone libre‘ in Südfrankreich Fluchthilfe leisteten und so den vor dem Nazismus Geflohenen das Leben retteten.

Elly Braun Schlesinger, 2013 in Wien.

Elly Braun Schlesinger, 2013 in Wien.© Foto: Bernd Matschedolnig Elly Braun Schlesinger, 2013 in Wien.© Foto: Bernd Matschedolnig

Erzbischof Saliège wurde von Yad Vashem als ‚Gerechter unter den Völkern‘ ausgezeichnet. Über die Hintergründe seines Schreibens ist wenig bekannt. Der prominente Historiker Saul Friedländer stützte sich in seinem Monumentalwerk "Das Dritte Reich und die Juden" auf die These Michèle Cointets, das Schreiben sei dem Geistlichen von ‚Emissären‘ aus Lyon vorgeschlagen worden.


Die Lebensretterin

Information

Literatur:
Saul Friedländer: "Das Dritte Reich und die Juden"
, Beck, München 2006.

‚Douce France?" Musik-Exil in Frankreich 1933-1945‘, hg. von Michel Cullin und Primavera Driessen Gruber, Boehlau Wien, 2008.

Ein "Oral history"-Interview mit der geborenen Wienerin Elly Braun Schlesinger, die 2008 anlässlich der Präsentation des Sammelbandes "Douce France?" aus Jerusalem nach Wien gereist war, entpuppte sich als wertvolles Zeitdokument zu den Umständen dieses Hirtenbriefs. Elly Braun Schlesinger war mir bekannt geworden durch den Buchbeitrag der früh verstorbenen Dominique Lassaigne, die unter dem Titel "Das Mädchen mit dem Fahrrad" die Internierung der deutschen und österreichischen Exilanten in Vichy-Frankreich untersucht und als Fallbeispiel die Rettung des Musikethnologen Simha Arom durch Elly Braun Schlesinger verwendet hatte. Nun stellte sich heraus, dass sie noch zahlreiche weitere Leben gerettet hatte.

Elly Braun Schlesinger wurde am 13. Juni 1924 als Tochter von Emanuel und Berta Schlesinger in Wien geboren. Sie erlebte eine glückliche Kindheit in einer orthodox-jüdischen, aber liberal denkenden Familie in der Großen Schiffgasse 5 im 2. Wiener Gemeindebezirk. Die Großeltern mütterlicherseits lebten schräg gegenüber; auch die sogenannte ‚Schiffschul‘ (Vereinssynagoge Adass Jisroel), die ihre Eltern besuchten, befand sich in dieser Straße. Die Eltern, kleine Kaufleute, erzogen sie zur Selbstständigkeit und Kreativität. Sie waren nicht reich, aber kulturell interessiert und "generous at heart".

Nach dem ‚Anschluss‘ war die kaum vierzehnjährige Elly gezwungen, erwachsen zu werden. Die Eltern flohen im Juli 1938 als ‚Quartiermacher‘ in die Tschechoslowakei und von dort in die Schweiz. Sie selbst reiste zu den Schwestern ihrer Mutter nach Bratislava, wo sie deren Kinder betreute. Im September kam ein Telegramm von den Eltern: Sie solle nach Zürich kommen. Ihre Reise dorthin führte über Wien, wo sie sich von den Großeltern verabschiedete. Es gab kein Wiedersehen: Niemand aus der Familie kehrte zurück aus den Lagern.

Auf der Flucht
Als Ellys Vater in der Schweiz bei einer sozialistischen Kundgebung als Sprecher auftrat, um vor Hitler zu warnen, mussten die Eltern Hals über Kopf das Land verlassen. Sie konnten mit einem Geschäftsvisum nach Belgien einreisen, mussten Elly jedoch zurücklassen. Über eine jüdische Hilfsorganisation wurde eine Familie in Luzern gefunden, bei der sie als Kindermädchen arbeiten konnte. Sehr unglücklich in der kalten Atmosphäre dieser Familie, erhielt sie erst Anfang 1940 ein Visum für Belgien und reiste nach Antwerpen, wo ihre Eltern inzwischen lebten. Aber bereits wenige Monate später überfielen die deutschen Truppen Belgien. Am 13. Mai 1940 floh die Familie Schlesinger erneut, diesmal in einem mit Flüchtlingen überfüllten Zug in Richtung Frankreich.

Im Zugabteil der Eltern befand sich auch die Flüchtlingsfamilie Arom aus Düsseldorf mit ihren zwei kleinen Buben. Sie hatten nach der Pogromnacht 1938 ebenfalls in Antwerpen Zuflucht gefunden und freundeten sich nun mit den Schlesingers an. Nach einer fünftägigen Zugreise, unterbrochen von Bombardements, wurden die beiden Familien vom Roten Kreuz nach Montesquieu-Volvestre (Haute-Garonne) geführt, wo sie in einem alten Haus untergebracht wurden. Geschlafen wurde auf offenem Stroh, ohne Polster, Leintücher oder Decken, dafür mit Läusen. Trotzdem waren alle glücklich, in Frankreich und vermeintlich in Sicherheit zu sein. Sehr bald aber wurden die staatenlos gewordenen jüdischen Flüchtlinge, darunter die Familie Arom, in Internierungslager verbracht. Auf Grund ihrer ungarischen Pässe blieb die Familie Schlesinger vorerst von einer Internierung verschont und übersiedelte in ein Dorf bei Castelsarrasin in der Nähe von Montauban. Als eines Tages im Jahr 1941 die aus dem Internierungslager Rivesaltes entflohene, halb verhungerte Familie Arom vor ihrer Tür stand, organisierten sie eine Unterkunft im Nachbardorf.

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Dokument erstellt am 2013-08-01 16:05:06
Letzte Änderung am 2013-08-02 12:31:59


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