• vom 16.08.2013, 13:30 Uhr

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Von Anton Holzer

  • Österreich hat in der Zwischenkriegszeit große Fotojournalisten hervorgebracht. Die grafisch wie fotografisch beste Bilderzeitung dieser Jahre hieß "Der Sonntag". Sie war eine Plattform für ausgezeichnete Fotografen und spannende Reportagen.

"Der Sonntag" zeichnete sich durch innovative Umschlaggestaltung aus (September 1935).

"Der Sonntag" zeichnete sich durch innovative Umschlaggestaltung aus (September 1935).
© Foto: Archiv Holzer "Der Sonntag" zeichnete sich durch innovative Umschlaggestaltung aus (September 1935).
© Foto: Archiv Holzer

Wer einen Blick in die aktuellen österreichischen Magazine und Illustrierten wirft, erkennt recht bald: Die große Zeit des anspruchsvollen Fotojournalismus ist längst vorbei. Hervorragende, sich über mehrere Seiten ziehende Reportagen werden kaum mehr veröffentlicht. An die Stelle umfangreicher fundierter Fotorecherchen ist häufig einfaches illustratives Beiwerk getreten. Die Pressefotografen haben in den letzten Jahren einen gesellschaftlichen Abstieg hinnehmen müssen.

Blütezeit der Fotografie
In der großen Ära des Fotojournalismus, die von den späten 1920er bis in die späten 1950er Jahre reichte, stand der Fotograf oft gleichberechtigt neben den Textautoren am Beginn eines journalistischen Beitrags. Heute werden die Namen der Lichtbildner oft am äußersten Bildrand genannt - wenn überhaupt.


Kehren wir also noch einmal zurück in die Blütezeit der österreichischen Pressefotografie in der Zwischenkriegszeit. Eine heute in Vergessenheit geratene Zeitung bildete das Flaggschiff des modernen österreichischen Fotojournalismus: "Der Sonntag". Sie erschien nur wenige Jahre, von 1934 bis 1938. Der Nationalsozialismus setzte diesem innovativen publizistischen Projekt ein abruptes Ende.

Die Jahre des "Sonntag" decken sich erstaunlicherweise ziemlich genau mit den Jahren der austrofaschistischen Diktatur. Das ist erklärungsbedürftig. Immerhin passte die Illustrierte, die im April 1934 auf den Markt kam, ganz und gar nicht in das diktatorische und reaktionäre Klima des österreichischen "Ständestaates". "Der Sonntag" war in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die einzige österreichische Illustrierte, die sich nicht vor den Karren der regierungsnahen Heimattümelei spannen ließ. Nicht nur das: Sie war inhaltlich zum großen Teil anspruchsvoll und grafisch durchwegs hervorragend gemacht.

"Der Sonntag" war mehr als eine Illustrierte. Er war, mitten in der Diktatur, auch ein kultureller Treffpunkt für liberale und linke Intellektuelle, für Andersdenkende und Oppositionelle, die in anderen Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr veröffentlichen konnten bzw. wollten. Autoren und Schriftsteller, die um Abstand zum Regime bemüht waren, etwa Jura Soyfer oder Theodor Kramer, fanden im "Sonntag" eine, wenn auch prekäre, öffentliche Existenz. Zahlreiche weitere bekannte Journalisten und Autoren veröffentlichten im "Sonntag", etwa Arnold Höllriegel, Eugenie Schwarzwald, Veza Canetti, Vicki Baum, Johannes Urzidil, Franz Werfel oder Hilde Spiel.

"Der Sonntag" war aber auch - und das ist vielleicht noch bedeutsamer - ein wichtiges Forum für jene Fotografen, die sich nicht mit der patriotischen Gefühlsduselei des "Ständestaates" etwa in Gestalt der Heimatfotografie zufrieden gaben. Viele dieser österreichischen Lichtbildner sind heute - zu Unrecht - in Vergessenheit geraten. Aber auch die Bilder international bekannter Fotografen, etwa eines László Moholy-Nagy, Hein Gorny, Jan Lukas, Bill Brandt, Philippe Halsman, André Kertész und Arkadi Schaichet, wurden im "Sonntag" veröffentlicht.

Ein gewisser Freiraum

Felix Braun: "Frühling in Lichtental". Straßenszene aus der Wiener Vorstadt, 1935.

Felix Braun: "Frühling in Lichtental". Straßenszene aus der Wiener Vorstadt, 1935.
© Foto: Archiv Holzer Felix Braun: "Frühling in Lichtental". Straßenszene aus der Wiener Vorstadt, 1935.
© Foto: Archiv Holzer

Die Frage liegt auf der Hand: Warum wurde diese Zeitung nicht verboten? Ein wichtiger Grund lag darin, dass der "Sonntag" als wöchentlich erscheinende illustrierte Beilage zum "Wiener Tag" erschien. Die Mutterzeitung wiederum war mehrheitlich in tschechischem Besitz, was die Redaktion einigermaßen vor dem Zugriff der staatlichen Behörden in Österreich schützte. Der 1922 gegründete "Wiener Tag" (das Blatt hieß zunächst "Der Tag") hatte eine bürgerlich-demokratische, linksliberale Ausrichtung, bekannte Autoren wie Robert Musil und Alfred Polgar schrieben für die Zeitung.

Sowohl der "Wiener Tag" wie auch "Der Sonntag" schützten sich auch in der Zeit der Diktatur dadurch, dass sie sich von der innenpolitischen Tagesberichterstattung auffallend fernhielten. Gegründet und geleitet wurde die Beilage von dem jungen Journalisten Hans Ernst Oplatka. Dieser hatte sein publizistisches Handwerk u.a. bei der fortschrittlichen französischen Illustrierten "VU" gelernt. Als er Anfang April 1934 als Chefredakteur des "Sonntag" begann, war er erst 23 Jahre alt. Sein Vater, Emil Oplatka, war tschechischer Herkunft und leitete in den 1930er Jahren in Wien den Medienkonzern Vernay, zu dem neben dem "Wiener Tag" auch eine Reihe andere Zeitungen und Zeitschriften gehörten, etwa die Tageszeitung "Die Stunde", aber auch Magazine wie "Die Bühne", "Mein Film" oder "Illustrierte Film- und Kinorundschau".

Redakteursarbeit
Anfangs produzierte Oplatka die Zeitung nahezu im Alleingang. Er setzte die Themen fest, organisierte die Bilder und redigierte die Texte, er verhandelte mit den Fotografen und Zeichnern, sichtete das Material und ordnete es zu Geschichten. Immer wieder fotografierte er eigene Fotoreportagen, zu denen er auch die Texte schrieb. Er hatte ein ausgezeichnetes Gespür für interessante Themen und ihre spannende fotografische und grafische Umsetzung.

Steffi Schaffelhofer: Der große "Chineser" im Wiener Prater, 1935.

Steffi Schaffelhofer: Der große "Chineser" im Wiener Prater, 1935.© Foto: Archiv Holzer Steffi Schaffelhofer: Der große "Chineser" im Wiener Prater, 1935.© Foto: Archiv Holzer

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Dokument erstellt am 2013-08-14 17:44:09
Letzte Änderung am 2013-08-16 13:29:07


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