• vom 16.08.2013, 13:45 Uhr

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Egozentrisch und extravagant




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Ein Glamourbild der Adele Sandrock aus dem Jahr 1900.

Ein Glamourbild der Adele Sandrock aus dem Jahr 1900.© Abb.: Wikimedia Ein Glamourbild der Adele Sandrock aus dem Jahr 1900.© Abb.: Wikimedia

Unstete Existenz
Von allen Ensemblepflichten entbunden, tourt die temperamentvolle Diva durch halb Europa, flattert von Bühne zu Bühne. Auf einer ihrer Tourneen lernt sie Anfang Dezember 1900 in der slawonischen Garnisonsstadt Essegg bei einer ausschweifenden Fete in seiner Junggesellenwohnung einen jungen Leutnant der k.(u.)k. Armee kennen: Alexander Roda (= Sandòr Rosenfeld). Die Diva verliebt sich stante pede in den schnauzbärtigen, um neun Jahre jüngeren Offizier, der in der kleinen Stadt ob seiner Leichtlebigkeit und seiner Eskapaden sattsam bekannt ist. Roda wird 1907 wegen "Verstoßes gegen die Offiziersehre" aus der kaiserlichen Armee ausgestoßen. Er macht sich als Roda Roda mit seinen humorvollen, witzig-spritzigen Geschichten einen klangvollen Namen als Schriftsteller und Kabarettist.

Die Affäre mit Adele Sandrock ist kurz, aber von leidenschaftlicher Heftigkeit. Sie gedeiht sogar, was von der grundsätzlichen Einstellung der Schauspielerin gegenüber dem männlichen Geschlecht her gesehen, schwer verständlich ist, bis zur Verlobung, sogar bis zur geplanten Hochzeit, die dann doch nicht zustande kommt.

Von den Veranstaltungsorten ihrer Tourneen aus überhäuft Adele ihren Auserwählten mit glühenden Liebesbriefen, die in ihrer sprachlichen Unkontrolliertheit und ihren erotischen Ergüssen die Schnitzler-Adressate in den Schatten stellen. Sie apostrophiert ihren "Schnauzi" in ihren Anreden als "Weltwunder" und "Ausnahmemenschen", als "Sonnenschein in ihrer Finsterniß", als "Licht ihrer Augen". Einer ihrer erotischen Ergüsse hat nur den Satz zum Inhalt: "Ich liebe dich", hundertmal hintereinander. Nein, das hat kein Teenager geschrieben. Die Schreiberin hat 38 Lenze auf dem Buckel. Und da heißt es auch einmal - man verzeihe mir das Zitat: "Roda gieb mir dein edles weißes heiliges Blut in meinen dich liebenden dich vergötternden zitternden Leib hinein." Das übersteigt selbst die Formulierungskraft phantasiereichster Sexschreiberlinge.

Im September 1901 geht die unsägliche Liebesgeschichte zu Ende. Das schauspielerische Wanderleben, das sie nach dem Abgang von der Burg zu führen gezwungen ist, geht ihr auf die Nerven. Sie sehnt sich in ihr geliebtes Wien zurück, sie möchte wieder im Haus am Ring auftreten. Und setzt alle Hebel in Bewegung, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Vergeblich. Selbst ein Schreiben an Katharina Schratt, die den Kaiser dafür gewinnen soll, fruchtet nichts. Adele Sandrock kehrt 1902 zwar an ein Wiener Theater zurück, aber nicht an die Burg, sondern an das Deutsche Volkstheater. 1905 holt sie Max Reinhardt an das Deutsche Theater in Berlin. Es ist eine anerkennende Verbeugung des großen Regisseurs vor ihrer Schauspielkunst.

Die zweite Karriere
Aber Adele Sandrock vermag an die Erfolge ihrer Wiener Zeit nicht mehr anzuschließen. Ein durchschlagender Triumph bleibt ihr auf der Reinhardt-Bühne wie auch auf kleineren Bühnen versagt. Sie veranstaltet Vortragsabende, geht wieder auf Tournee. Das Geld wirft sie beim Fenster hinaus, sodass sie zu guter Letzt sogar auf die finanzielle Hilfe von Freunden angewiesen ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg eröffnet sich im Stumm- und dann im Tonfilm für sie ein neues, lohnendes Betätigungsfeld. Jetzt nicht mehr als strahlende Heroine, sondern als egozentrische Alte, als Hausdrachen, als herrschsüchtige Matrone, die mit strafendem Blick und im Generalston mit tiefer männlicher Stimme Befehle erteilt.

Zwischen 1919 und 1936 wirkt Adele Sandrock in etwa einhundertsechzig Filmen mit, vom Kinopublikum ob ihrer Schrullenhaftigkeit gerne gesehen. Als schrullige Alte mit schweren Tränensäcken wird sie den Menschen wohl auch - nicht zuletzt dank vieler Reprisen ihrer Filme - in Erinnerung bleiben.

Das tragische Ende
Ihr letztes Lebensjahr ist tragikumschattet. Im April 1936 erleidet Adele Sandrock einen Oberschenkelhalsbruch, der sie für sechzehn schmerzvolle Monate an das Krankenbett fesselt. Von ihrer um zwei Jahre älteren Schwester Wilhelmine, mit der sie in Berlin- Charlottenburg seit langem beisammen lebt, liebevoll betreut, erlöst sie am 30. August 1937 der Tod. Sie wurde 74 Jahre alt.

Ihrem Wunsch gemäß wird der Sarg mit ihrem Leichnam nach Wien, ihrer Lieblingsstadt, überführt, wo die kapriziös-emanzipierte Schauspielerin im Beisein zahlreicher Ehrengäste aus Kultur und Politik auf dem evangelischen Friedhof in Matzleinsdorf ihre letzte Ruhestätte findet.

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Sachbücher, unter anderem: "Die rote Erzherzogin", "Die Frauen der Genies", "Große Herrscher des Hauses Habsburg".

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Dokument erstellt am 2013-08-14 17:56:05
Letzte Änderung am 2013-08-16 13:43:12


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