• vom 11.10.2013, 14:13 Uhr

Vermessungen

Update: 11.10.2013, 14:41 Uhr

Extra

Vom Blutbad zum Bürgerfest




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Michael Ossenkopp

  • 100 Jahre nach der Völkerschlacht wurde am Ort des Geschehens ein gewaltiges Denkmal eingeweiht, das seither mehreren politischen Systemen dienlich war. Nun soll es als Friedensmahnmal neu definiert werden.

Das gigantische Denkmal in Leipzig stand ursprünglich für Tapferkeit und Opferbereitschaft. - © Foto: fotalia

Das gigantische Denkmal in Leipzig stand ursprünglich für Tapferkeit und Opferbereitschaft. © Foto: fotalia

Unweit des ehemaligen Kommandostandes von Napoleon Bonaparte entstand auf einer Fläche von mehr als vier Hektar ein imposanter Komplex, der von einem 91 Meter hohen "Tempel" überragt wird. Bis heute ist dies das größte Denkmal seiner Art in Europa, noch aus 60 Kilometer Entfernung kann man es erkennen.

Erste Pläne für ein Monument gab es bereits kurz nach der Schlacht, aber erst zur Einhundertjahrfeier wurde das Völkerschlachtdenkmal am 18. Oktober 1913 enthüllt. Es sollte vor allem den Gedanken der nationalen Einheit transportieren - als das größte Nationaldenkmal der Welt, ein "Ruhmestempel deutscher Art". Kaiser Wilhelm II. nahm die Einweihung zudem als willkommenen Anlass, sein 25-jähriges Regierungsjubiläum zu feiern.


Schon in den Wahrnehmungen der Zeitgenossen von 1813 war das Ereignis so groß, dass es alles bis dahin Geschehene in den Schatten stellte. In der Entscheidungsschlacht zwischen den französischen Truppen Napoleons nebst einiger Rheinbundstaaten wie Bayern und Sachsen gegen die Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden siegte die Koalition der Allliierten. Die nach dem Russlanddebakel geschwächte multinationale Armee Napoleons verlor 70.000, die Verbündeten 50.000 Mann. Mit der verlorenen Schlacht waren Napoleons Machtambitionen auf deutschem Gebiet endgültig gescheitert.

Die Niederlage der Franzosen
Bereits im August und September 1813 hatten die Franzosen bei Dresden herbe Niederlagen einstecken müssen, woraufhin sie sich nach Leipzig zurückzogen. Die Franzosen wurden eingekesselt, trotzdem lieferten sie erbitterte Gefechte, manche Stellungen wurden mehrmals von der einen oder anderen Seite eingenommen.

Am zweiten Tag verliefen die Kämpfe verhältnismäßig ruhig, aber am 18. Oktober, als Bayern und Sachsen zu den Alliierten überliefen, war die Niederlage der Franzosen nicht mehr aufzuhalten. Letztendlich blieb nur der Rückzug. Da der Ring der Verbündeten nicht vollständig geschlossen war, gelang es Napoleon in den Morgenstunden des 19. Oktober, mit einem Teil seiner Truppen zu entkommen.

Im Anschluss bot der österreichische Fürst von Metternich einen Frieden unter milden Umständen an, der Frankreich in seinen alten Landesgrenzen belassen sollte. Doch Napoleon lehnte ab. Im darauffolgenden März nahmen die Alliierten Paris ein, der Kaiser Frankreichs musste abdanken. Sein verzweifelter Versuch, noch einmal zum mächtigsten Herrscher Europas aufzusteigen, scheiterte schließlich 1815 in der historischen Niederlage in Waterloo.

Napoleons Eroberungszüge, die er 1799 begonnen hatte, kurz nachdem er per Staatsstreich in Frankreich an die Macht gelangte, waren aber de facto schon 1813 durch die Völkerschlacht bei Leipzig beendet worden. In den Jahren zuvor war er zum erfolgreichsten Feldherrn seit Alexander dem Großen aufgestiegen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht reichte sein Einflussbereich von Spanien im Westen bis zur russischen Grenze im Osten. Erst als 1812 sein Bündnis mit dem russischen Zaren Alexander I. platzte, war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten. 1814 wurden die europäischen Machtverhältnisse auf dem Wiener Kongress neu geordnet. Unter Vorsitz Metternichs einigten sich die Teilnehmer auf ein Kräftegleichgewicht zwischen den Großmächten.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig ließen sich bald der russische Zar, der König von Preußen und der Kronprinz von Schweden in der Stadt als Sieger feiern. Allerdings konnte der allgemeine Jubel die schweren Verluste auf beiden Seiten und das entsetzliche Elend kaum vergessen machen. Auf preußischer Seite galten 16.000 Mann und 600 Offiziere als tot oder verwundet, in der kaiserlichen russischen Armee waren es 22.000 einfache Soldaten und 860 Offiziere, die Österreicher beklagten 14.000 Kämpfer und 400 Offiziere. Bei den Franzosen war die Zahl der Opfer noch größer, neben 38.000 Toten und Verwundeten gerieten rund 15.000 Männer in Gefangenschaft.

Die 34.000-Einwohner-Stadt Leipzig war mit den Massen von Verwundeten völlig überfordert. 54 Lazarette wurden nach der Schlacht vor Ort eingerichtet. Trotzdem lagen die Soldaten oft unversorgt in Kirchen, Gasthäusern, Schulen oder sogar unter freiem Himmel auf dem nackten Boden. Noch tagelang trugen sie die Uniformen, in denen sie verwundet worden waren. Innerhalb weniger Wochen breitete sich eine Typhus-Epidemie aus. Alle Maßnahmen halfen nichts, an der Seuche starb im Winter 1813/14 auch ein Zehntel der Leipziger Bevölkerung.

Neben ruhmseligen Erinnerungen einiger Militaristen gab es auch Schlachtbeschreibungen von Ärzten, Pfarrern, Studenten und Lazaretthelferinnen, die über die weniger heroischen Seiten des Kriegs berichteten. Sie erzählten von dem unvorstellbaren Schrecken, den die fremden Heere über ihre Stadt und die ganze Region gebracht hatten. Selbst Dörfer, die nicht im direkten Schlachtfeld lagen, wurden restlos geplündert, Vorräte aus den Scheunen vertilgt, Häuser abgebrannt.

Die Ideologisierung eines Mahnmals
Der Nachwelt blieben erschütternde Augenzeugenberichte erhalten, wie der des Leipziger Totengräbers Johann Daniel Ahlemann. In seinen Aufzeichnungen schrieb er: "Den schauderhaftesten Anblick gewährte kurz nach der Schlacht der hiesige Johanniskirchhof, wo verwundete und verstümmelte Franzosen zu Tausenden lagen, vom Hunger getrieben, die Leichen in den Schwibbögen, und gefallene Pferde verzehrten und unter schrecklichen Verzuckungen starben."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2013-10-11 14:17:05
Letzte Änderung am 2013-10-11 14:41:08



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ab ins Bett, ab in die Kapsel
  2. Bulgarien droht der Pflegenotstand
  3. Bauhaus, das Labor der Moderne
  4. Eulenmodus für Kopfmenschen
  5. "Doping ist keine Eigenheit des Sports"
Meistkommentiert
  1. Die Hüter einer objektiven Wahrheit
  2. "Frauen trauen ihrer Wahrnehmung zu wenig"
  3. Adelheid Popp: Ihr Weg zur Abgeordneten
  4. "Doping ist keine Eigenheit des Sports"
  5. Bulgarien droht der Pflegenotstand

Werbung




Werbung