• vom 08.11.2013, 13:11 Uhr

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Update: 08.11.2013, 15:16 Uhr

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Am Ende der Welt




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Von Martin Zinggl

  • Auch ein Ethnologe muss auf den Tuvalu-Inseln zunächst einmal mit dem Kulturschock fertig werden - Bericht von einer schwierigen Ankunft auf der pazifischen Inselgruppe.

Zwei Stunden lang schwebte die 1957 in Neuseeland gebaute Propellermaschine von Air Fiji ruhig über dem wenig abwechslungsreichen und hypnotisierenden Blau des Pazifik.

Wer in Tuvalu Südsee-Romantik sucht, muss lernen, vom allgegenwärtigen Müll abzusehen.

Wer in Tuvalu Südsee-Romantik sucht, muss lernen, vom allgegenwärtigen Müll abzusehen.© Foto: Zinggl Wer in Tuvalu Südsee-Romantik sucht, muss lernen, vom allgegenwärtigen Müll abzusehen.© Foto: Zinggl

Eintausend Kilometer lang nur Wasser. Ich verbrachte den Flug im Cockpit und genoss von dort die Aussicht. Nach einiger Zeit deutete einer der Piloten mit der Hand aus dem rechten Fenster und gab mir über den Sprechfunk Bescheid, dass dort Niulakita, die südlichste Insel Tuvalus und damit bereits Staatsgebiet des kleinen Landes zu sehen war. Irgendwo weit am Horizont, mitten in dem imposanten Blau war ein winziger grüner Smaragd auf weißem Samtboden gebettet. Es sah aus wie ein fragiles Ei, das vor Jahrtausenden aus dem Himmel fiel und jetzt im Ozean vor sich hin dümpelt. Von hier an zog sich die tuvaluanische Inselkette beinahe 600 Kilometer in nordwestlicher Richtung bis nach Nanumea, dem nördlichsten Atoll Tuvalus.


Holprige Landung
Bereits kurz nach Niulakita eröffnete sich ein unglaublicher Anblick. Weitere kleine Smaragde, grün im Kern mit weißer Ummantelung, kamen zum Vorschein: das Funafuti-Atoll. Tuvalus "Hauptstadt" besteht aus über dreißig motu, Inselchen, die wie aufgefädelte Perlen einen Kreis um die Lagune bilden.

Die neuseeländischen Piloten steuerten die Maschine auf die größte dieser Perlen zu: Fogafale. Ein winziges Stück Land, kaum größer als die Landebahn, vollgepflastert mit einstöckigen Zementhäuschen, zwischen denen vereinzelt Palmen in den Himmel ragen.

Holprig landete das Flugzeug auf der lediglich 1500 Meter kurzen Flugpiste Funafutis. Einige Menschen gingen schweigend entlang der Start- und Landebahn, während neben dem kleinen Flughafengebäude ein maneapa, ein traditionelles Versammlungshaus, beinahe aus allen Nähten platzte. Der Großteil der Menschen starrte auf die Maschine, als wäre es ein Wunderwerk aus der Zukunft, ein Raumschiff, das gerade gelandet war, um Funafutis Bewohner zu verspeisen und die Insel in Besitz zu nehmen.

Neugierige Augenpaare verfolgten jeden Meter, den das Flugzeug ausrollte. Auf dem Flughafenhäuschen, das die Größe und Ausstrahlung einer Autobahnraststätte hatte, begrüßte mich die Aufschrift "Talofa": Willkommen.



All die Jahre hatte ich davon geträumt, bei der Erstbetretung tuvaluanischen Bodens ebendiesen zu küssen - aus Freude, Respekt und Dankbarkeit, einen Lebenstraum zu haben. So galten die verwunderten Blicke der Schaulustigen am Flughafen dem seltsamen Ausländer. Als Erster verließ ich das Flugzeug, um mich auf die Landebahn zu knien und dem aufgeheizten Beton einen dicken Schmatz aufzutragen.

Die Luft roch salzig und die Sonne brannte bösartig. In der Schlange vor der Passkontrolle kam ich mit einem der drei anderen Ausländer aus der Maschine ins Gespräch. Ein italienischer Astrologe, der ebenfalls zum ersten Mal in Tuvalu war. Gemeinsam teilten wir die paradiesischen Vorstellungen des Landes und konnten es kaum erwarten, endlich offiziell einzureisen. Er deutete mir Richtung Landebahn und ich drehte mich um. Gemeinsam mit zwei bulligen Mitarbeitern des Flughafens entluden die Piloten den Inhalt des Gepäckfaches auf einen Anhänger, ehe dieser von den beiden Tuvaluanern zum Flughafenhäuschen gezogen wurde.

Außer den vier "Bleichgesichtern" aus dem Westen trippelte eine kleine Gruppe kichernder, japanischer Touristen von Bord. Bei den restlichen vierzig Passagieren musste es sich um Tuvaluaner oder zumindest um Pacific Islanders gehandelt haben. Kompakte Oberkörper, kräftige Beine, breite Plattfüße und bunte, mit Blumen, Ornamenten und Schriftzügen verzierte Hemden und Kleider aus Kattun.

Zum Auftakt ein Essen
In der Ankunftshalle wartete bereits eine von der Sonne rot gebrannte Weißnase auf mich: Walter Geier. "Willkommen in Tuvalu!", sagte er. "Hast du etwas zu trinken mitgebracht?" Er roch nach Alkohol - um elf Uhr morgens. Verdutzt steckte ich ihm die versprochenen Flaschen zu. Im Austausch konnte ich dafür einige Zeit bei Walter untertauchen - so lautete der Deal. Er begutachtete Gin und Whiskey. Seine Augen leuchteten auf. "Danke", antwortete er. "Hier bekommt man nichts Anständiges zu trinken. Lass uns etwas essen gehen." Walter schleppte mich in das Flughafenrestaurant nebenan und bestellte zwei Portionen Hammelfleisch.

"Feine Sache", dachte ich und wartete hungrig auf das Mittagessen, während er ein Bier nach dem anderen leerte. Victoria Bitter aus Australien. "Budweiser ist es keines", sagte Walter. "Aber man gewöhnt sich auch daran."

Gut gelaunt servierte die Köchin das Essen. Ich nahm einen Bissen zu mir und kämpfte damit, mich nicht übergeben zu müssen. Das Fleisch hatte die Konsistenz von eingefrorenem Fett, das man auftaut, wieder einfriert, erneut auftaut und schließlich zerkocht, bis es sich in einen matschigen, aber zähen Klumpen verwandelt. Sauce gab es keine. Dafür wurden reichlich Salz und Vegemite serviert, die australische Version von Marmite. Für alle Unwissenden, wie auch ich zu diesem Zeitpunkt einer war: Dabei handelt es sich um eine klebrige, dunkelbraune Paste konzentrierter Hefeextrakte, also ein Würzaroma ähnlich wie Maggi. "Love it or hate it", so der Werbespruch. I hate it. Ich würgte den Bissen irgendwie hinunter und stopfte Reis nach, um den furchtbaren Geschmack einigermaßen zu überbrücken.

Mit rund 10.00 Einwohnern ist Tuvalu der viertkleinste Staat der Welt.

Mit rund 10.00 Einwohnern ist Tuvalu der viertkleinste Staat der Welt.© Foto: Zinggl Mit rund 10.00 Einwohnern ist Tuvalu der viertkleinste Staat der Welt.© Foto: Zinggl

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-11-08 13:14:09
Letzte Änderung am 2013-11-08 15:16:52


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