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Update: 18.01.2014, 10:52 Uhr

Wikipedia

Aufklärung im Dämmerlicht




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Von Adrian Lobe

  • Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist in Geldnöten, verliert an Autoren - und wird zum Spielball politischer Interessen.

Schlägt Wikipedia die Stunde?

Schlägt Wikipedia die Stunde?© Cartoon: Jugoslav Vlahovic Schlägt Wikipedia die Stunde?© Cartoon: Jugoslav Vlahovic

Es ist vielleicht eines der größten Projekte der Menschheit: Ein Portal, das das gesammelte Wissen unserer Zeit aggregiert und allen zur Verfügung stellt - Wikipedia. Schüler und Lehrer informieren sich dort ebenso wie Professoren; Studenten recherchieren Referate; Journalisten schreiben davon ab. Der Enzyklopädist und Wegbereiter der Aufklärung, Denis Diderot, hätte sich wohl nicht im Traum vorstellen können, dass 300 Jahre nach seiner Geburt ein solch umfassender Wissensspeicher entstehen würde. Wer in den Urlaub fährt, konsultiert heute Wikipedia anstatt den Reiseführer, und wer etwas über Quantenmechanik oder ein Pornosternchen wissen möchte, erfährt es ebenfalls dort. Das 2001 von Jimmy Wales und Larry Sanger gegründete Online-Lexikon hat bewährte Nachschlagewerke wie den Brockhaus oder die Encyclopaedia Britannica in arge Existenznöte getrieben.

Wikipedia ist weltweit die Nummer sechs der meist besuchten Seiten, gleich nach den Internetgiganten Google, Facebook und Yahoo. Das erstaunt umso mehr, als Wikipedia von einer gemeinnützigen Stiftung, der Wikimedia Foundation, finanziert wird. Doch ist es wirklich ein neutrales Medium? Wer sind die Autoren? Und was haben sie für Meinungen?


Manipulationsgefahr
Auf Wikipedia kann grundsätzlicher jeder Nutzer Einträge ändern oder erstellen. Mit wenigen Mausklicken lässt sich die Vita eines Politikers aufpolieren, aus einem Schriftsteller ein "großer Schriftsteller" oder eine Maus zum Elefanten machen. Die Wirkung ist gewaltig. Wenn man nach "Washington" oder "Angela Merkel" in Google sucht, sind die korrespondierenden Wikipedia-Artikel meist an vorderster Stelle der Trefferliste. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Open-Source-Enzyklopädie anfällig für Manipulationen ist.

Man kann Fakten verfälschen, Dinge skandalisieren, Leute denunzieren. Der Journalist John Seigenthaler musste das leidvoll erfahren. Ihm wurde in einem Wikipedia-Eintrag vorgeworfen, an der Ermordung John F. Kennedys beteiligt gewesen zu sein. Natürlich stimmt das nicht. Die Lüge wurde rasch beseitigt, Seigenthalers Ruf ist inzwischen wieder rehabilitiert. Doch der Fall zeigt ein wesentliches Problem auf: Was einmal geschrieben wurde, kann nicht mehr vollständig gelöscht werden. Die Informationen verbreiten sich in Windeseile übers Netz, in Foren, auf Twitter, Blogs und Newsfeeds. Gerüchte machen schnell die Runde. Ob die Inhalte stimmen oder nicht - Wikipedia hat eine ungeheure Definitionsmacht. Der wiederkehrende Vandalismus, also das mutwillige Zerstören der Seite, ist dabei gar nicht das Problem. Das haben die Betreiber mittlerweile ganz gut im Griff. Es geht vielmehr um subtile Änderungen.

Nutzer Christian "b219" schrieb am 20. Oktober 2013 auf dem Wikipedia-Eintrag zum Atomausstieg: "Deutschland verbessert derzeit seine Klimabilanz." Einen Tag später wurde diese Version von "R.Schuster" revidiert. Er schrieb: "Deutschland verschlechtert derzeit seine Klimabilanz." Das Beispiel macht deutlich, wie hinter den Kulissen ein Kampf um Deutungshoheit tobt. Wer hat Recht? Die Versionsgeschichte dokumentiert die bisweilen ideologische Auseinandersetzung. Fast täglich werden Artikel modifiziert, ganze Absätze umgeschrieben oder kleinste Veränderungen vorgenommen. Präpositionen können die gesamte Stoßrichtung eines Artikels kippen. Ein Beispiel: In der aktuellen Fassung über den Atomausstieg heißt es: "Trotz Atomausstieg hat Deutschland im Jahr 2012 so viel Strom exportiert wie noch nie." In der Version zuvor begann der Satz mit "wegen". Wegen des Atomausstiegs habe Deutschland so viel Strom exportiert wie noch nie. Das ist natürlich ein himmelweiter Unterschied. Ist der Atomausstieg ein Bremser oder Beschleuniger der Stromproduktion? Immer wieder schleichen sich solche normativ konnotierten Elemente ein.

Am 9. August 2013 fügte der Nutzer "Jotzet" beim Artikel über die EU die Kategorie "Demokratiedefizit" hinzu, ein im Hinblick auf die politische Union zentrales Thema. Bearbeiter "Andropov" löschte die Kategorie sieben Minuten später mit der Begründung: "Nichts für ungut, aber wenn der Artikel sich schon differenziert und argumentativ mit dem Thema auseinandersetzt, dann braucht es kein plakatives Labeling durch eine POV-Kategorie mehr." Die drei Buchstaben POV - Point of View - umreißen das Problem: subjektiver Standpunkt. Ist es schon billige Meinungsmache, wenn man ein Problem hervorhebt?

Auf dem französischen Wikipedia-Eintrag des Front National wurde kurzerhand die ideologische Einordnung - souveränistisch, nationalistisch, rechtspopulistisch - durch eine weniger polarisierende Kategorie "Generalsekretär" geändert. So wurde das Profil geglättet (ganz im Sinne der Dediabolisierungsstrategie der Partei). Über Fakten kann man nun mal nicht streiten. Wohl aber über Inhalte. So gibt es auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite der Präsidentschaft von George W. Bush eine Rubrik "Kontroversen". Beim Eintrag über Obamas Präsidentschaft findet sich keine solche Kategorie - obwohl seine Präsidentschaft nicht weniger kontrovers ist. Man denke nur an die umstrittene Gesundheitsreform. Ist Wikipedia das Instrument demokratischer Aktivisten?

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Schlagwörter

Wikipedia, Wissen, Extra, Internet

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-01-16 18:32:07
Letzte Änderung am 2014-01-18 10:52:46


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