• vom 18.01.2014, 09:00 Uhr

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Opfer

Alle Menschen werden Opfer




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Von Bruno Jaschke

  • Die Geschichte und Entwicklung des Opferbegriffs arbeitet Kirstin Breitenfellner in ihrem Buch "Wir Opfer" auf: Von archaischen Sündenbock-Ritualen bis zur heute grassierenden, von Medien kräftigst geförderten Opferlust.

Der Sündenbock - eine Art "Ur-Opfer" (William Holman Hunt, 1854). - © Foto: Wikimedia/public domain

Der Sündenbock - eine Art "Ur-Opfer" (William Holman Hunt, 1854). © Foto: Wikimedia/public domain

"Wir sind Opfer der Politiker. Politiker sind Opfer der Medien, Verbrecher sind Opfer ihrer Kindheit, die kleinen Anleger sind Opfer der großen Finanzakteure, die Konsumenten sind Opfer der Werbung, die Arbeitslosen sind Opfer der Arbeitsmarktpolitik und die dafür verantwortlichen Politiker sind Opfer der multinationalen Konzerne. (. . .) Heute wollen immer mehr Menschen Opfer sein. Aber kaum jemand ist mehr bereit, etwas zu opfern. Was ist geschehen?" Das ist hier die Frage. Deren Präfix vielleicht auch so zu formulieren wäre: Immer mehr Menschen gerieren sich als Opfer und immer weniger wollen dafür wirklich leiden oder etwas einsetzen.

Der Bedeutungs- und Verständniswandel des Terminus "Opfer" steht im Fokus von Kirstin Breitenfellners Buch "Wir Opfer". Eines der primären Ziele sei es, wie die Autorin schreibt, "den Opferbegriff zu definieren und zu differenzieren, ihn in der Kultur und Religionsgeschichte zu verankern", und vor diesem semantischen Hintergrund seinen heutigen Gebrauch in der Politik und in den Medien zu hinterfragen.


"Ich habe mich gefragt, woher kommt unsere Besessenheit mit Opfern? Wir leben doch in einer säkularisierten Gesellschaft und Opfer ist eigentlich ein religiöser Begriff", erläuterte Breitenfellner bei der Präsentation des Buchs in Wiens Hauptbücherei im Herbst 2013. Kirstin Breitenfellner, 44, Autorin von Romanen, Kinder- und Sachbüchern, publiziert regelmäßig im "Falter". Sie hat dort in Form einer Titelgeschichte auch den Opferbegriff zur Diskussion gestellt; speziell im Hinblick auf seine "narzisstische Selbstaufladung", die der Analytiker und Philosoph Christian Kohner-Kahler im Gespräch mit ihr konstatiert hat.

Information

Kirstin Breitenfellner: Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt. Diederichs Verlag München 2013, 286 Seiten, 16,99 Euro.

Alle gegen einen
Extrem gegensätzliche, jedenfalls nicht durch ein Übermaß an Ausgewogenheit charakterisierte Reaktionen von begeisterter Zustimmung bis zu wütender Ablehnung haben sie zur Einsicht gebracht, dass die Zeitung nicht die geeignete Plattform für eine differenzierte Auseinandersetzung des Themas ist. So tut sie es denn hier auf einer Länge von fast 300 Seiten über acht thematische Schwerpunkte, die, historisch ausholend, die Entwicklung des Opfers vom Beginn unserer Kultur bis zu seiner heutigen, permanent von Medien begleiteten - und beeinflussten - Auslegung nachverfolgen.

Breitenfellner geht dabei vom Sündenbock als einer Art Ur-Opfer aus: die Zusammenrottung aller gegen einen willkürlich ausgewählten Unschuldigen, der dann buchstäblich hingeschlachtet wird. So etwas kommt heute noch vor: Gleich zu Beginn des Buchs schildert Breitenfellner einen beklemmenden Fall in Papua-Neuguinea von Anfang 2013, wo eine 20-jährige Frau von einer aufgebrachten Menge gefoltert und verbrannt worden war, weil sie mit "übernatürlichen Kräften" den Tod eines sechsjährigen Buben verursacht habe. Zwei Frauen, die der Tötung eines kleinen Mädchens beschuldigt worden waren, konnten in letzter Minute von der Polizei gerettet werden. Ermittlungen ergaben, dass dieses Kind von zwei Männern, die dann selbst dem Lynchmob angehörten, vergewaltigt und ermordet worden war.

Der Illusion übrigens, dass "so etwas" nur mehr in "primitiven Gesellschaften" vorkommen könne, hält Breitenfellner nüchtern entgegen, dass auch in hiesigen Breiten die Decke der Zivilisation über einem archaischen emotionalen Bodensatz gelegentlich sehr dünn werden kann: In Emden in Deutschland musste ein 17-jähriger Berufsschüler, der erwiesenermaßen zu Unrecht des Missbrauchs und der Ermordung eines elfjährigen Mädchen beschuldigt worden war, mit verstärktem Polizeischutz vor der Rache eines 50-köpfigen Mobs gerettet werden.

Breitenfellners These des Sündenbocks als Beginn allen Opferwesens beruft sich auf die Kronzeugenschaft des 1923 in Avignon geborenen, seit 1947 in den USA lebenden Literaturwissenschafters, Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard. Für Girard diente das Opfer ursprünglich dazu, den Ausbruch von Gewalt in Gesellschaften zu verhindern. Das leiste ein bestimmter, weltweit in Ursprungs-Mythen nachvollziehbarer Vorgang, den er als "Sündenbockmechanismus" bezeichnet.

Menschliche Gemeinschaften hätten mangels natürlicher Hierarchien und wesensimmanent unstillbarer Begehrlichkeit nach der Habe des Nächsten eine permanente Tendenz zu Rivalitäten, die eskalieren können. Ist dies der Fall, wendet sich irgendwann ohne Plan und gezielten Vorsatz die kulminierte Aggression gegen einen Einzelnen. Dieser wird im gemeinsamen Furor getötet, wobei bedeutsam ist, dass die Tötungsart eine ist, die nicht oder nur schwer individuell dingfest zu machen ist: Steinigung etwa oder Hinunterstoßen über eine Klippe.

Dieser kollektive Mord an einem Unschuldigen stellt die Einigkeit in der Gesellschaft wieder her. Und eben deswegen, da es die Gemeinschaft befriedet hat, wird das Opfer im Nachhinein vergöttlicht: Die Grausamkeit, der es ausgesetzt war, verwandelt sich in Verehrung. Der Mord am Beginn aller Ursprungs-Mythen wird in weiterer Folge durch stellvertretende Opfer in Form von Riten ersetzt: Zunächst durch Menschenopfer, später durch Tieropfer, schließlich nach innen gerichtet durch Gebet oder Buße.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-01-16 18:38:07
Letzte Änderung am 2014-01-17 13:35:42


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