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Update: 31.01.2014, 12:55 Uhr

Zuwanderung

"Sie sind anders als wir"




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Von Philipp Lichterbeck

  • Die Dominikanische Republik arbeitet mit erheblichem juristischen Aufwand daran, allen Bürgern haitianischer Abstammung die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.

An den Hauswänden in Santo Domingos Zentrum liest man die Parole: "Fuera Haitiano Ilegal" (Illegaler Haitianer raus).  - © Foto: Philipp Lichterbeck

An den Hauswänden in Santo Domingos Zentrum liest man die Parole: "Fuera Haitiano Ilegal" (Illegaler Haitianer raus).  © Foto: Philipp Lichterbeck

Um die Frau zu treffen, die die Krise in der Karibik ausgelöst hat, verlässt man die Hauptstadt Santo Domingo in nördlicher Richtung. Nach den letzten Häusern beginnen ausgedehnte Weiden, eine Stunde später geht es im Örtchen Guanuma von der gepflasterten Straße ab. Irgendwann erreicht man Batey Los Jovillos, eine verlorene Ansammlung windschiefer Holzhäuser mit verrosteten Blechdächern. Man fragt einige Mädchen, die unter einem Baum Erbsen sortieren, nach dem Haus von Juliana Dequis Pierre, sie lachen und weisen den Weg. Schüchtern öffnet eine junge schwarze Frau die Tür, hinter ihr streiten zwei Kinder, zwei weitere lugen neugierig an ihr vorbei. Juliana Dequis Pierre sagt: "Buenas tardes."

Der Fall Juliana Dequis
Es ist nur schwer zu glauben, aber wegen dieser stillen Frau vergleicht Mario Vargas Llosa die Dominikanische Republik mit Nazideutschland und überlegt Venezuela, seine billigen Öllieferungen einzustellen. In Kanada gibt es wegen ihr Aufrufe zum Ferienboykott des vermeintlichen Urlaubsparadieses, und die Karibische Gemeinschaft (Caricom) hat die Aufnahmegespräche mit der Dominikanischen Republik suspendiert.


Juliana Dequis bewohnt mit ihren vier Kindern zwei Räume in einem barrancón: ein langgestrecktes Gebäude aus bröckelnden Betonsteinen, in denen die Wohneinheiten wie Zellen aneinandergereiht sind. Der hintere Raum ihres Heims besteht aus zwei Matratzenlagern, in der Fensteröffnung flattert ein Moskitonetz, Plastikeimer auf dem Boden zeigen an, wo es bei Regen durchs Dach tropft. Im vorderen Zimmer stehen ein Tisch, vier Stühle, ein Gasherd.

Es ist zu vermuten, dass keiner der Verfassungsrichter, die am 23. September 2013 über Juliana Dequis ihr Urteil sprachen, wusste, in welch ärmlichen Verhältnissen die 29-Jährige lebt. An jenem Tag entschied das Tribunal Constitucional, das Verfassungsgericht der Dominikanischen Republik und höchste juristische Instanz des Landes, mit elf zu zwei Stimmen, dass Juliana Dequis, die am 1. April 1984 in der Dominikanischen Republik geboren wurde, deren Geburtsurkunde sie als Dominikanerin ausweist, die nie das Land verlassen hat und perfekt Spanisch spricht, dass also diese Juliana Dequis keine Dominikanerin sei und somit keinen dominikanischen Ausweis bekomme. Sie war, von der Menschenrechtsorganisation Mosctha unterstützt, vor das Gericht gezogen, weil man ihr auf dem Einwohnermeldeamt seit Jahren den Ausweis verweigerte und bei einer Gelegenheit auch die Geburtsurkunde einbehalten hatte. Das Gericht erklärte das Vorgehen für rechtens.

Leben ohne Papiere
"Ohne Papiere kann ich nicht wählen, keine weiterführende Schule besuchen und kein Konto eröffnen", zählt Dequis beim Gang durch Los Jovillos die Konsequenzen auf, "ich kann nicht heiraten, nicht reisen und keine Verträge abschließen." Im Grunde existiert Dequis als juristische Person nicht mehr. "Und das alles, weil ich einen französischen Namen habe und schwarz bin", sagt sie. Die Begründung der Richter lautete anders: Julianas Eltern zum Zeitpunkt ihrer Geburt illegal im Land!

Zu dieser Bewertung gehört einiges an Kaltschnäuzigkeit. Blanco Dequis und Marie Pierre wurden Anfang der 1970er Jahre vom staatlichen dominikanischen Zuckerkonzern CEA (Consejo Estatal de Azúcar) aus Haiti ins Batey La Jovilla gebracht, um dort für einen Hungerlohn Zuckerrohr zu schlagen, Zucker war damals das wichtigste Exportprodukt des Landes. Doch man transportierte Blanco und Marie nach getaner Arbeit nicht zurück. Also blieben sie, wie zehntausende andere haitianische picaderos auch. Sie pflanzten Jahr um Jahr die Zuckerrohrstauden. Es war ihnen verboten, das firmeneigene Batey zu verlassen und so richteten sie sich ein. Man zahlte ihnen gerade genug, damit sie überteuerte Nahrungsmittel kaufen konnten, aber nie genug, um im Leben voranzukommen. Sie waren moderne Sklaven. Regelmäßig mussten sie als Sündenböcke für alle möglichen gesellschaftlichen Übel herhalten: dass die Haitianer die Dominikanische Republik überfluteten, hieß es dann.

"Personen im Transit"
Um seiner Entscheidung eine Basis zu verschaffen, erklärte das Verfassungsgericht Julianas Eltern kurzerhand zu "Personen im Transit", eine Kategorie, die eigentlich nur bis zu zehntätige Aufenthalte umfasst. Darüber hinaus legte es fest: Nicht nur Juliana Dequis hat keinen Anspruch mehr auf die dominikanische Nationalität, sondern niemand, der oder die nach 1929 unter "irregulären" Umständen im Land geboren wurde. Die Junta Central Electoral, die zentrale Wahlbehörde, wurde angewiesen alle 55.000 Geburtsregister zu überprüfen und zu "bereinigen". Das Gericht ging von 665.148 Betroffenen aus, das sind fast sieben Prozent der dominikanischen Bevölkerung.

Selten hat ein Land so viel Energie darauf verwandt, einem nicht unerheblichen Teil seiner Staatsbürger die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, und das rückwirkend über 80 Jahre. Beobachtern war klar, dass der Richterspruch einzig auf Personen haitianischer Abstammung zielt. In der "New York Times" bezeichneten die Schriftsteller Junot Díaz und Edwidge Danticat die Entscheidung als "rassistisch". Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa meinte in "El País": "Das Urteil scheint direkt von den Nürnberger Gesetzen inspiriert zu sein."

Juliana Dequis und ihre Kinder wurden per Gerichtsbeschluss zu Staatenlosen gemacht.

Juliana Dequis und ihre Kinder wurden per Gerichtsbeschluss zu Staatenlosen gemacht.© Lichterbeck Juliana Dequis und ihre Kinder wurden per Gerichtsbeschluss zu Staatenlosen gemacht.© Lichterbeck

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Dokument erstellt am 2014-01-31 12:47:08
Letzte Änderung am 2014-01-31 12:55:49


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