• vom 23.05.2014, 11:30 Uhr

Vermessungen


Gesellschaftliche Ungleichheit

Kampf um Lebenschancen




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Von Giacomo Corneo

  • Eine wissenschaftliche Studie dokumentiert zum ersten Mal, dass sich in Deutschland eine tiefgreifende Veränderung der ökonomischen Struktur der Arbeitnehmerschaft vollzieht.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist nicht mehr so sicher wie einstmals. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte

Der deutsche Arbeitsmarkt ist nicht mehr so sicher wie einstmals. © apa/dpa/Julian Stratenschulte

Ungleicheit der Einkommen muss nicht immer Besorgnis erregend sein. Stört es einen zwanzigjährigen Berufseinsteiger, wenn sein sechzigjähriger Vorgesetzter doppelt so viel verdient wie er selbst? Nicht unbedingt. Wir sind daran gewöhnt, in der höheren Bezahlung der älteren Erwerbspersonen ein Zeichen ihrer längeren Berufserfahrung zu sehen. Und jeder Einsteiger hat eine begründete Hoffnung, mit der Zeit seine Position auf der Lohnskala zu verbessern.


Die Statistiken zur Ungleichheit beziehen sich in der Regel auf die Löhne oder Einkommen, die in einem bestimmten Jahr erzielt wurden; sie enthalten gleichermaßen die Verdienste zwanzigjähriger Berufseinsteiger und die ihrer sechzigjährigen Vorgesetzten. Diese Statistiken zeigen oft ein hohes Ausmaß an Ungleichheit, aber informieren uns nicht darüber, wie die Verdienste über den Verlauf des gesamten Lebens der jeweils betrachteten Personen sind. Und doch ist diese Gesamtbetrachtung entscheidend, um zu erfassen, wie stark die Lebenschancen der Personen wirklich auseinanderklaffen. Rein theoretisch könnte es nämlich so sein, dass in jedem Jahr die Löhne sehr ungleichmäßig verteilt sind, aber über den gesamten Lebenslauf gerechnet jegliche Ungleichheit verschwindet.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich zwei spannende Fragen für die Verteilungsforschung:

Die erste: Wie ungleich verteilt sind die Gesamteinkommen, die von Menschen ein und desselben Jahrgangs während ihres ganzen Lebens erzielt werden?

Die zweite: Wie entwickelt sich eine solche Lebenseinkommensungleichheit von einer Generation zur nächsten?

Eine neue Studie
Zum ersten Mal konnte eine Studie der FU Berlin - an der ich die Ehre hatte mitzuwirken - diese grundsätzlichen Aspekte der Ungleichheit im Falle Deutschlands teilweise klären. Die gute Nachricht der Studie lautet: Die Ungleichheit der Lebenseinkommen ist deutlich weniger ausgeprägt als die Ungleichheit, die uns von den Statistiken der jährlichen Einkommen gezeigt wird. Das liegt an der Einkommensmobilität: Innerhalb jeder Generation gibt es Individuen, die mit einem schlecht bezahlten Praktikum anfangen und eine steile Karriere machen, und andere, die mit einem passablen Salär starten, aber sich in den folgenden Jahren nur mäßig verbessern. Während in einem bestimmten Jahr die Lohnschere zwischen solchen Gruppen oft weit auseinander geht, erzielen sie unterm Strich Lebenseinkommen, die nicht allzu unterschiedlich sind.

Aber - und das ist die schlechte Nachricht aus unserer Studie - diese relative Gleichheit der Lebenseinkommen ist dabei, zu verschwinden - zumindest in Deutschland, dem bisher einzigen Land, das in dieser Hinsicht untersucht worden ist. Für unsere Studie verwendeten wir Daten der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Daten bilden die Erwerbsbiographien der Versicherten ab - also die monatlichen Löhne, Zeiten der Arbeitslosigkeit, Ausbildung und Krankheit vom Berufseinstieg bis zur Verrentung. Dank diesem Datenmaterial konnten wir die Lebensverdienste der im Jahr 1935 geborenen westdeutschen Männer mit denen vergleichen, die in späteren Jahren geboren wurden. Dadurch haben wir entdeckt, dass die Arbeitnehmer des Jahrgangs 1935 eine vergleichsweise gleiche Kohorte bildeten, denn über ihr ganzes Leben gerechnet erhielten sie Gesamtlöhne, die wenig auseinanderklafften. Wenn der durchschnittliche Lebensverdienst dieser Kohorte eine Million Euro betragen hätte, fände man im Schnitt einen Unterschied von 300.000 Euro: Während der eine übers ganze Leben gerechnet 800.000 verdient hätte, würde der andere auf ein Lebenseinkommen von 1.100.000 kommen.

Wie hat sich die Ungleichheit der Lebensverdienste weiter entwickelt? Besonders aussagekräftig ist der Vergleich dieser Kohorte mit der Kohorte ihrer Kinder, die in der ersten Hälfte der sechziger Jahre zur Welt kamen - der Baby-Boom-Generation. Die Baby-Boomer befinden sich noch im aktiven Berufsleben, daher können wir ihre kompletten Lebensverdienste noch nicht messen. Allerdings können wir ermitteln, wie viel sie insgesamt bis zu ihrem 45. Geburtstag verdient haben.

Diese verkürzten Lebensverdienste lassen sich mit denen der Mitglieder der 1935-Kohorte bis zu deren 45. Geburtstag vergleichen. Das Resultat ist beeindruckend, denn wir finden, dass die Ungleichheit in der jüngeren Kohorte fast doppelt so hoch ist wie in der älteren.

Eine Vielzahl empirischer Indizien deutet klar darauf hin, dass die erhöhte Ungleichheit die Entwicklung der gesamten Lebensverdienste kennzeichnen wird. Wäre der durchschnittliche Lebensverdienst der Baby-Boomer ebenfalls eine Million, würden wir erwarten, dass die durchschnittliche Abweichung der Lebensverdienste voneinander fast 600.000 betrüge. Dies entspricht einem gewaltigen Anstieg der Ungleichheit der Lebenschancen von einer Generation zur folgenden.

Wohlgemerkt haben wir bei diesem Vergleich nur eine relativ homogene Gruppe untersucht: westdeutsche, sozialversicherungspflichtige Männer ohne Migrationshintergrund. Mithin stellt der von uns festgestellte Anstieg der Ungleichheit der Lebenschancen eine Untergrenze dar.

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Dokument erstellt am 2014-05-22 17:38:06
Letzte ńnderung am 2014-05-23 11:27:12



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