• vom 20.06.2014, 12:50 Uhr

Vermessungen


Schottland

Für Schottlands Freiheit




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Von Gerald Wolf

  • Vor 700 Jahren errangen die Schotten bei Bannockburn einen großen Sieg über das Nachbarkönigreich England. Der Erfolg von damals beflügelte immer wieder Sehnsüchte nach einem eigenen schottischen Staat.

Ein Symbol des Nationalstolzes: die traditionsreiche schottische Fahne. - © Foto: Suzanne Plunkett/ Reuters

Ein Symbol des Nationalstolzes: die traditionsreiche schottische Fahne. © Foto: Suzanne Plunkett/ Reuters

Könnte er am 18. September 2014 beim Referendum über die Unabhängigkeit des Landes mitstimmen, so wäre dem First Minister der schottischen Regionalregierung, Alex Salmond, die Stimme von Schottlands legendärem Kriegerkönig Robert Bruce wohl sicher. Wie sich aber die Nachfahren der Untertanen des einstigen Königs bei der Abstimmung entscheiden werden, bleibt für Salmond, den Chef der Scottish National Party, die seit den Parlamentswahlen von 2011 mit einer absoluten Mehrheit regiert, eine mit Spannung erwartete Frage. Meinungsumfragen zufolge sprechen sich gerade einmal 37 Prozent der Bevölkerung für eine Loslösung von Großbritannien aus. Im Gegensatz dazu ist die Zahl derer, die für einen Verbleib im United Kingdom eintreten, auf 49 Prozent gestiegen. Britische Buchmacher geben der Unabhängigkeit Schottlands nur eine 20-Prozent-Chance.

Ein Blick zurück mag hier etwas trösten. Zu Robert Bruces Zeiten ging ebenfalls ein tiefer Riss durch das Land; ob Buchmacher, hätte es sie damals schon gegeben, die Chance seines politischen Überlebens am Beginn seines Kampfes gegen den englischen König mit 20 Prozent eingeschätzt hätten, erscheint im Rückblick äußerst ungewiss. Entgegen allen Erwartungen konnte Bruce sich jedoch behaupten; und sein 1314 in der Schlacht am Bach Bannock errungener Sieg über England ließ ihn als einen der größten Könige in die schottische Geschichte eingehen.


Ein geteiltes Land

Information

Literatur:
Michael Brown: Bannockburn. The Scottish War and the British Isles, 1307-1323. Edinburgh University Press, 2008.

Als Robert Bruce den Griff nach der Krone tat, gingen die Thronwirren, deren Ursache der Tod der Enkelin und einzigen Erbin König Alexanders III. war, bereits ins 17. Jahr. Die "Maid of Norway", wie die 1283 geborene Tochter des norwegischen Königspaares genannt wurde, hatte ihr zukünftiges Königreich nie zu Gesicht bekommen. Sie war noch während der Überfahrt von Norwegen nach Schottland gestorben (1290). König Edward I. von England, genannt Longshanks ("Langbein"), der bereits zuvor eine Ehe seines sechsjährigen Sohnes Edward mit der schottischen Kindkönigin ausgehandelt hatte, wurde nun vom schottischen Regentschaftsrat um einen Schiedsspruch bezüglich der Nachfolge ersucht. Aus den möglichen Thronkandidaten wählte er 1292 John Balliol aus und ließ sich von ihm den Lehenseid für Schottland leisten. König John wurde damit de facto englischer Vasall, was ihm die Ablehnung vieler schottischer Großer eintrug. Gleichzeitig brachte ihn sein Versuch, eigenständige Politik zu betreiben, in Konflikt mit Edward I. Der zwang John 1296 zur Abdankung und übernahm selbst die Herrschaft über Schottland.

Der nun einsetzende Widerstand gegen die englische Fremdherrschaft gruppierte sich um den kleinen Landedelmann William "Braveheart" Wallace, der in Mel Gibsons Film gleichen Namens zum edlen Freiheitskämpfer verkitscht wurde. Obwohl Edward I. den Aufstand bereits 1297 militärisch niederwerfen konnte, 1305 auch Wallace in seine Hand bekam und ihn grausam hinrichten ließ, entglitt das Land zunehmend seiner Kontrolle.

Bereits im Jahr darauf ging der Kampf um Schottland in eine neue Runde. Mit Robert Bruce, dem Earl von Carrick, trat ein neuer schottischer Thronprätendent auf, der sich letztlich als gefährlichster Herausforderer der englischen Ansprüche erweisen sollte. Dem von ihm im Februar 1306 begangenen Mord an seinem Konkurrenten John Comyn, der als Exponent eines vielen Schotten verhassten "Kuschelkurses" gegenüber den Engländern gegolten hatte, folgte seine Krönung zum schottischen König im März. Die erneuerte Revolte gegen England geriet dem frisch gekrönten König Robert I. aber bald zum Fiasko. Nach mehreren militärischen Niederlagen war er gegen Jahresende kaum mehr als ein mittelloser Flüchtling. Aus dieser kritischen Situation wurde Robert I. letztlich durch zwei bedeutende Ereignisse befreit: seinen in Schottland viel beachteten Sieg über die Engländer bei Loudoun Hill (Grafschaft Ayrshire) im Mai 1307 und den Tod Edwards I. im Juli desselben Jahres.

Falls man den Quellen Glauben schenken darf, so fehlte Edwards Sohn und Nachfolger, Edward II., das politische Format seines Vaters gänzlich - für Robert I. eine zweifellos glückliche Fügung. Der neue englische König sandte in den folgenden Jahren allenfalls kleine Truppenkontingente nach Schottland und überließ den endlos scheinenden Kampf im Land überwiegend seinen Parteigängern unter den schottischen Hochadeligen. Robert I. erhielt so ausreichend Gelegenheit, diese innerschottische Opposition zu neutralisieren und seine Herrschaft zu konsolidieren.

Zum Showdown der beiden Könige führte schließlich der im Sommer 1314 auslaufende Waffenstillstand, den die Garnison von Stirling Castle mit den sie belagernden Truppen Roberts I. vereinbart hatte. Diese Vereinbarung sah die Übergabe von Stirling Castle für den Fall vor, dass bis 24. Juni dieses Jahres keine englische Entsatzarmee eingetroffen wäre. Stirling war eine der letzten dem englischen König noch verbliebenen schottischen Burgen, und Edward II. war nicht gewillt, ihre Übergabe zuzulassen. Mit einer gewaltigen Armee, von der Zeitgenossen berichteten, "dass eine solche zu unseren Lebzeiten noch nie von England ausmarschiert ist", brach er im Mai 1314 nach Norden auf.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-06-18 16:44:11
Letzte Änderung am 2014-06-20 12:49:51


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