• vom 13.07.2014, 15:00 Uhr

Vermessungen


Theo Matejko

Kraft, Tempo und Dynamik




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Sportbilder gehörten zu Matejkos Spezialitäten.

Sportbilder gehörten zu Matejkos Spezialitäten.© Bild: Sammlung Bentz Sportbilder gehörten zu Matejkos Spezialitäten.© Bild: Sammlung Bentz

Es war weniger das statische Porträt, das Matejko lockte, als vielmehr das "Geschehen", die dynamischen Bewegungen von Sportlern und die Kraftentfaltung der Technik, die er in Zeichnungen voller "Aktion" aufs Papier brachte. So ließ er die Zeitungsleser durch seine Bilderserien teilhaben an der großen Show der Sechstage-Radrennen im Berliner Sportpalast, die in den 1920er Jahren die Sensation des Berliner Nachtlebens waren.

An der legendären "Mille Mig- lia" in Italien und anderen Autorennen, deren Tempo er in seinen Zeichnungen glaubhaft vermitteln konnte, nahm Matejko in den 1930er Jahren mehrmals als Fahrer teil, um in Wort und Bild von seinen Erfahrungen zu berichten. "Kraft und Bewegung", die lebendigen Symbole der zwanziger Jahre, fanden in dieser Sportart, so Matejko, ihren sichtbaren Ausdruck: "Das Auto, ein lebloses Ding, erwacht, wenn es in Bewegung gesetzt wird, zum vollen Leben, es wird sozusagen zum Lebewesen, dessen Dynamik vor uns noch keine Generation geschaut hat."

Hearst oder Ullstein?
Nicht zuletzt seiner gezeichneten Reportagen wegen kaufte man die "Berliner Illustrirte", was auch dem berühmten amerikanischen "Zeitungskönig" William Randolph Hearst nicht entging, der Matejko in die USA verpflichten wollte. Ullstein jedoch hielt bei jedem Angebot des Unternehmers, der in den USA über zwanzig Zeitungen verlegte, dagegen.

Als Plakatgestalter war Matejko weiterhin erfolgreich. Er entwarf Werbung für Aral, Continental-Gummiwaren oder Reemtsma-Zigaretten und fertigte zahlreiche Poster für erfolgreiche Filme, etwa für den Klassiker "Dr. Mabuse" oder den Streifen "Die Zehn Gebote", für den er eine Aufsehen erregende Plakatfolge von 40 Motiven schuf, die aufeinanderfolgend in Berliner U-Bahn-Tunneln aufgehängt wurden.

Zum Verhalten Matejkos nach der Machtergreifung Hitlers gibt es widersprüchliche Aussagen. Während ihn die einen als Propagandisten der Nazis und des folgenden Krieges sehen, geben andere eine differenzierte Beschreibung seiner Stellung in der Zeit des Dritten Reiches. Fest steht, dass er 1933 für kurze Zeit wegen antinationalsozialistischer Betätigung verhaftet worden war, und dann weiter für Ullstein arbeitete. 1935 führte ihn eine Reise nach New York. Er zeichnete für das deutsche Publikum das Vergnügungsviertel Coney Island, er zeigte den Einfallsreichtum der New Yorker, sich in den berüchtigten sommerlichen "Hundstagen" einzurichten, und er stieg hinab in die Unterwelt der Gangstersyndikate, deren Straßenkämpfe er ebenso zeichnete wie den Versuch des "FBI", in der im Verbrechen versunkenen Stadt wieder Ordnung zu schaffen.

Mitte der dreißiger Jahre, so berichtete später der Zeichnerkollege Wilhelm M. Busch, habe sich Matejko "eines Sittlichkeitsvergehens schuldig (gemacht), eines Deliktes, das heute wahrscheinlich als solches gar nicht angesehen würde".

NS-Propaganda
Nach einiger Zeit im Gefängnis, mit der das Ende seiner Tätigkeit für Ullstein einherging, landete Matejko bei der vom Reichskriegsministerium herausgegebenen Zeitschrift "Die Wehrmacht". In dieser Propagandazeitschrift wirkte er im Sinne der Nationalsozialisten mit und zeigte beispielsweise die neue aufgerüstete Wehrmacht im Manöver oder berichtete über den Einsatz der Le-gion Condor in Spanien. Nach Beginn des Krieges arbeitete er als Kriegsberichterstatter und lieferte, was man wohl von ihm erwartete: perfekt gemalte propagandistische Darstellungen "technischer Kriegsfaszination" und Bilder des "sauberen" Krieges.

Seinen "Angsttraum" der durch Luftangriffe "in einem Zukunftskrieg" zertrümmerten deutschen Hauptstadt hatte er schon 1933 mit Motiven des halb eingestürzten Brandenburger Tores, zersprengter Straßenzüge und voller Luftschutzkeller "in Bildern als Warnung ahnungsloser Menschen" hinausgeschrien. Als diese Bilder 1939 auch in der amerikanischen Zeitschrift "Life" veröffentlicht wurden, gab Matejko - der von den Nazis dafür wegen pazifistischer Umtriebe zwischenzeitlich erneut in Haft genommen worden war - im Begleittext noch der Hoffnung Ausdruck, dass dieser gezeichnete Albtraum nie Wirklichkeit werden solle.

Nachdem er jedoch zur Realität geworden war, gelang es Matejko, zusammen mit dem Autorennfahrer Hans Stuck, kurz vor Kriegsende aus dem in Ruinen liegenden Berlin zu entkommen. Seine Wohnung jedoch, sein großzügiges Atelier und auch ein Großteil seiner Werke, wurden zerstört. Der Zeichner und seine Frau lebten nach Kriegsende in Süddeutschland und in St. Anton am Arlberg. Am 9. September 1946 starb Theo Matejko an einem Gehirnschlag.

Oliver Bentz, geboren 1969, lebt in Speyer (D) und arbeitet als Germanist, Kulturpublizist und Journalist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-07-10 16:47:08
Letzte Änderung am 2014-07-11 14:43:16


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