• vom 23.08.2014, 14:00 Uhr

Vermessungen


Wien

Monumente der Zeit








Von Peter Payer

  • Öffentliche Großuhren tauchten in Wien ab den 1860er Jahren als eigenes Straßenmöbel auf. Diese "Äußere Chronometrisierung" ging einher mit einer "inneren Chronometrisierung" der Menschen.

Emil Schauers mechanische Monumentaluhr mit drei Zifferblättern am Währinger Gürtel in Wien, um 1900.

Emil Schauers mechanische Monumentaluhr mit drei Zifferblättern am Währinger Gürtel in Wien, um 1900.© Sammlung Payer Emil Schauers mechanische Monumentaluhr mit drei Zifferblättern am Währinger Gürtel in Wien, um 1900.© Sammlung Payer

Die Chronisten berichten: Exakt 69 öffentliche Uhren gab es im Jahr 1902 in der k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Eine beachtliche Anzahl, die Jahrzehnte zuvor hatten einen wahren Uhrenboom gebracht: Hofburg, Rathaus, Kirchen, Amtshäuser, Feuerwehrzentralen, Spitäler, Kasernen, Bahnhöfe, Palais, Hotels und Geschäftshäuser waren an ihren Türmen und Fassaden immer öfter mit Uhren ausgestattet worden, die nunmehr für alle - selbst in der Nacht - deutlich sichtbar die Zeit verkündeten.

Zunehmend unentbehrlich, halfen sie mit, den immer komplexer werdenden Alltag der Großstadt zu regeln und die vielfältigen ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung aufeinander abzustimmen. Dabei ging die "äußere Chronometrisierung" des öffentlichen Raumes einher mit einer "inneren Chronometrisierung" der Menschen, die gelernt hatten, nach der Uhr zu arbeiten und zu leben.


Welch steigende Bedeutung den öffentlichen Uhren und der Genauigkeit ihrer Zeitanzeige zukam, zeigte sich auch daran, dass sie ab den 1860er Jahren als eigenes Straßenmöbel auftauchten: als sogenannte Ständer- oder Säulenuhren ragten sie hoch über die Köpfe der Passanten empor. Heute zur Gänze verschwundene Uhren von immer monumentaleren Ausmaßen entstanden, wobei sich deren Antriebstechniken im Lauf der Jahrzehnte mehrmals wandelten: von rein mechanischen zu pneumatisch und autodynamisch betriebenen Zeitanzeigern.

Wiens erste Ständeruhr
Im September 1865 war die erste Ständeruhr probeweise im Hof des Unterkammeramtes ausgestellt worden. Das vom Wiener Uhrmacher Ernst Resch konstruierte Werk bestand aus einem vier Meter hohen Eisenkandelaber, der eine von drei Zifferblättern, Durchmesser jeweils 85 Zentimeter, umschlossene Uhr trug. Die Zifferblätter waren weiß und in der Nacht durch eine Gasflamme beleuchtet, die Ziffern schwarz. Den Antrieb besorgte eine kleine Mutteruhr, die sich im Sockel befand und von dort aus die einzelnen Uhrwerke steuerte.

Der Probelauf war erfolgreich und die neuartige Ständeruhr wurde in der Leopoldstadt aufgestellt, in der Praterstraße, direkt vor dem renommierten Carltheater. Hier sollte sie fortan den Theaterbesuchern dienen und den zahlreichen Passanten und Verkehrsteilnehmern, stellte die Praterstraße doch eine der frequentiertesten und demzufolge auch zunehmend repräsentativ bebauten Verkehrswege der Stadt dar.

Ihre erstmalige Inbetriebnahme am 19. November 1865 erregte, Zeitungsberichten zufolge, einiges Aufsehen, "bis spät in die Nacht wurde die Uhr von vielen Neugierigen angestaunt". Nach einigen Monaten Laufzeit herrschte die Meinung vor, die Uhr habe "ihr Probejahr zur allgemeinen Zufriedenheit überstanden", man hoffe nur, "daß sie sich nun auch in Zukunft gut aufführe und nicht durch launenhaftes oder unzuverlässiges Betragen unser Vertrauen verscherze". Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte, beeinträchtigten doch die Erschütterungen der nahe vorbeifahrenden Straßenbahn die Genauigkeit der Zeitanzeige. Nach langen Diskussionen wurde die Uhr daher aufgrund ihrer "ewigen Capriolen" im Jahr 1906 auf dem nahen Karmelitermarkt im Werd versetzt.

Neue Techniken wurden ausprobiert: zunächst der Antrieb durch Druckluft. Konstruktionen nach pneumatischem Prinzip waren bisher erfolgreich bei der Rohrpost verwendet worden, nun sollte auch der Betrieb von öffentlichen Uhren damit bewerkstelligt werden. Energisch bemühte sich der Telegrafen-Ingenieur Carl Albert Mayrhofer beim Wiener Gemeinderat um Genehmigung zur Aufstellung von pneumatischen Uhren. Herzstück seines Projektes war die Errichtung einer Normaluhr, die mit der k.k. Sternwarte über eine Telegrafenleitung in Verbindung stand und somit über eine genaue Zeit verfügte. Von dieser aus sollten über ein Röhrensystem mehrere, im Stadtgebiet verteilte Ständeruhren durch regelmäßige Druckluftimpulse betrieben werden. Zusammen mit einem prominenten Unterstützungskommitee legte er seine Argumente dar - mit Erfolg.

Am 24. Februar 1877, um 12 Uhr mittags, wurde in Anwesenheit von Vizebürgermeister Julius von Newald und einer Anzahl geladener Gäste die erste pneumatische Ständeruhr am Schottenring, unweit der Votivkirche, feierlich in Betrieb genommen. Sie wies drei Zifferblätter auf, war von drei Gaskandelabern flankiert und auf einem Schilderhaus (Unterstand für Wachposten) montiert.

Zur gleichen Zeit setzte man zwei weitere Uhren in der Herrengasse vor dem Niederösterreichischen Landhaus und in der Wipplingerstraße vor der Zentrale des von Mayrhofer gegründeten Wiener Lokal-Telegrafen in Betrieb. Als Konstrukteure des neuartigen Uhrensystems waren ihm Victor Popp sowie der Erbauer der Praterstraßenuhr, Ernst Resch, zur Seite gestanden. Die Erwartungen waren hoch, wie die "Neue Freie Presse" berichtete:

"Seit gestern ist Wien um eine Einrichtung reicher geworden, die so viel bedeutet, als die glückliche Lösung eines Problems, das seit Jahren den Gegenstand eifrigster Bestrebungen der Mechaniker gebildet hat, sowie ein Ziel, das zu erreichen den Communen von London, Paris, Berlin etc. trotz aller Bemühungen bisher nicht gelungen ist."

Lössl-Uhr im Prater vor der Rotunde, um 1900.

Lössl-Uhr im Prater vor der Rotunde, um 1900.© Sammlung Payer Lössl-Uhr im Prater vor der Rotunde, um 1900.© Sammlung Payer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-08-21 18:53:08
Letzte Änderung am 2014-08-22 13:10:08


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