• vom 13.09.2014, 13:00 Uhr

Vermessungen


Extra

Ein Mime mit sonorer Stimme




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gerhard Strejcek

  • Vor hundert Jahren wurde der deutsche Schauspieler Will Quadflieg geboren, der vor allem als Faust- und Jedermann-Darsteller Theatergeschichte geschrieben hat.

Will Quadflieg (1914-2003).

Will Quadflieg (1914-2003).© Foto: dpa/Kay Nietfeld Will Quadflieg (1914-2003).© Foto: dpa/Kay Nietfeld

Will Quadflieg, geboren am 15. September 1914 in Oberhausen im Ruhrgebiet, stand in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auf allen großen deutschsprachigen Bühnen, darunter auch am Zürcher Schauspielhaus und im Wiener Burgtheater. Die vierteilige TV-Saga "Der große Bellheim", inszeniert von Dieter Wedel, rundete eine steile Karriere ab, die ihn aber auch in die Untiefen des autoritären NS-Staates geführt hatte.

Seine größten Erfolge verbuchte er als faustischer Charakter in Hamburg und in Salzburg mit zwei Rollen, die er auf eine dynamische und unprätentiöse Weise interpretierte. Auf den Brettern der Hansestadt gab er den "Faust", der seinem Naturell entsprach, vor dem Dom der Mozartstadt und in Zürich verkörperte er den "Jedermann", die volkstümliche Ausgabe des Lebemenschen, der spät zur Einsicht kommt.


Quadflieg selbst dachte sehr wohl nach, reflektierte seine scheinbar unpolitische Meta-Rolle im Dritten Reich als Darsteller in zwei Propagandafilmen und ließ diese Gedanken in seine Autobiografie "Wir spielen immer" einfließen, die seit 1976 in mehreren Auflagen im Frankfurter S. Fischer-Verlag erschienen ist.

Der berühmte Faust

Information

Literatur:
Will Quadflieg: Wir spielen immer.
Erinnerungen und Diskografie. S. Fischer, Frankfurt/Main 1976.

Ausgangspunkt von Quadfliegs steiler Karriere im Nachkriegsdeutschland war die produktive Zusammenarbeit mit Gustaf Gründgens, die ab 1952 ein Jahrzehnt währte. Die von Gründgens inszenierte und von Teo Otto ausgestattete Hamburger "Faust"-Produktion machte in der Spielsaison 1957/58 Furore.

Bilder davon liefern sowohl ein fulminanter Film als auch eine Buchausgabe mit Schwarzweiß-Fotografien von Rosemarie Clausen, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Die Bildkünstlerin dokumentiert eindrucksvoll die reduktionistische Darstellung des Mephisto und das zwischen Vitalität und Zweifel schwankende Naturell Heinrich Fausts, verkörpert durch Quadflieg.

Noch einprägsamer ist der beide "Faust"-Teile enthaltende Gründgens-Film. Seit seinem frühen Teufels-Debüt 1918 entwickelte Gründgens seine unbestrittene Paraderolle immer weiter und stellte seit den Dreißigerjahren Überlegungen an, wie Goethes Drama über den "Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" optimal auf die Bühne zu bringen wäre, um der Maxime "Du gleichst dem Geist, den du begreifst" zu entsprechen. Das gelang Gründgens im Lauf der Jahre immer besser und so hatte der Theatermann nach vier Jahrzehnten Bühnenerfahrung bereits einige Heinrich-Darsteller in Versuchung geführt und mitunter auch an die Wand gespielt.

Nicht so den kongenialen, damals 43-jährigen Quadflieg, über den sich der Regisseur und Mephisto-Darsteller, dem Klaus Mann ein ambivalentes literarisches Denkmal gesetzt hat, anerkennend äußerte: "Von den beiden Kollegen, mit denen ich heute ,Faust‘ spiele, ist Quadflieg die mit allen Mitteln verschwenderisch ausgestattete dynamischere Persönlichkeit, die an Schwierigkeiten wächst, weshalb mit Recht vermerkt wurde, dass der ihm theoretisch schwerer zugängliche alte Faust seinen jungen Faust - der ihm von Natur aus viel leichter fallen müsste - überstrahlt."

Peter Suhrkamp bezeichnete Gründgens, der den "Faust" schrittweise entrümpelte und auf das Wesentliche reduzierte, als einen Gratwanderer, der stets in gefährlichster Höhe über einem Abgrund agiert hatte. Auch Quadflieg flog zeitweise zu nahe über das Goebbels-Nest, wie schon eingangs erwähnt wurde. Das war der hohe Preis der Karriere, den er zahlen musste.

Für seinen Einsatz als Protagonist des "Dritten Reichs", den er nicht als Kollaboration verstanden wissen wollte, war er vom Kriegsdienst freigestellt worden. Schuldgefühle allein erklären seine politischen Engagements im reiferen Alter nicht, in denen er sich in der Friedensbewegung, für Tier- und Umweltschutz engagierte. Er trat sogar der deutschen Tierschutzpartei bei, die im Vorfeld der Grünen agierte.

Gewisse Parallelen der Rechtfertigung werden in der jüngst erschienenen Biografie des tschechischen Schlagerstars Karel Gott ("Zwischen zwei Welten", Riva Verlag 2014) deutlich, denn das "Rotkehlchen aus Prag" betont, nie das System der ČSSR repräsentiert zu haben, sondern nur die dortige Kultur, die sich ja nicht maßgeblich von jener in Österreich, Deutschland und der Schweiz unterscheide.

Rückblickend wird die politische Rolle eines Kunstmenschen zumeist von diesem in aller Bescheidenheit herunter gespielt, wie etwa auch Biografien von Fred Hennings ("Heimat Burgtheater", Wien 1974) oder Walter Thomas ("Als der Vorhang fiel", Dortmund 1947) zeigen, wobei Thomas sogar Generalkulturbeauftragter des Reichsstatthalters Baldur von Schirach in Wien war und dessen Mozart- (1941) und Hebbelwoche (1942) ausrichtete.

Im Falle Quadfliegs muss aber auch auf das Faktum verwiesen werden, dass er seit seinem Debüt als Operetteneleve 1933 nur das autoritäre System kannte, da ja Hitler bereits Anfang Februar das Ruder übernommen hatte. Der Schauspieler stammte aus bürgerlichen Verhältnissen. Der Sohn eines Bergbaudirektors und Zechenleiters aus dem kleinen Oberhausen im Ruhrgebiet hieß eigentlich Friedrich Wilhelm. Wie andere Zeitgenossen, die seit den Dreißigerjahren auf der Bühne standen, (z.B. Fred Hennings, Fred Liewehr; aber auch nach dem Krieg Karel Gott/-ar, Udo Jürgens), wählte Quadflieg einen Künstler-Vornamen, den er durch Abkürzung erzielte.

Eine historische Zusammenarbeit: Quadflieg (rechts) als Faust und Gustaf Gründgens als Mephisto (1957).

Eine historische Zusammenarbeit: Quadflieg (rechts) als Faust und Gustaf Gründgens als Mephisto (1957).© Foto: apa/Herold/dpa Eine historische Zusammenarbeit: Quadflieg (rechts) als Faust und Gustaf Gründgens als Mephisto (1957).© Foto: apa/Herold/dpa

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-11 20:56:08
Letzte Änderung am 2014-09-12 14:33:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  2. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  3. "Ich bin doch nur ein Depp"
  4. Vom Outlaw zum Mörder
  5. Echt täuschend - täuschend echt
Meistkommentiert
  1. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"

Werbung




Werbung