• vom 10.10.2014, 12:40 Uhr

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Update: 10.10.2014, 12:41 Uhr

Sowjetische Raumfahrt

Mit Marx und Lenin ins Weltall




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Von Christian Pinter

  • Vor 50 Jahren gelang es der Sowjetunion, ihren Vorsprung in der Raumfahrt auszubauen. Es begann die spektakuläre, aber kurze Ära der bemannten "Woschod"-Raumschiffe.

Von einer Woschod-Besonderheit, nämlich der außen angebauten Luftschleuse, existieren kaum Fotos. Doch diese russische Briefmarke verrät, wie sie aussah. - © Pinter

Von einer Woschod-Besonderheit, nämlich der außen angebauten Luftschleuse, existieren kaum Fotos. Doch diese russische Briefmarke verrät, wie sie aussah. © Pinter

Beim überaus hektischen Aufbruch ins All ist der UdSSR Sensation um Sensation gelungen. Doch 1964 kehrt scheinbar Ruhe in der bemannten Raumfahrt ein - hüben wie drüben. In den drei Jahren zuvor sind insgesamt zwölf Menschen ins All gestartet, mit sechs sowjetischen Wostoks und mit ebenso vielen US-amerikanischen Mercury-Kapseln. Doch die Zeit der Einsitzer ist nun vorbei: Im Osten zeichnet man das dreisitzige Sojus-Schiff aufs Reißbrett; es soll die Kosmonauten zum Mond bringen. Die NASA entwirft dafür die Apollo. Zuvor möchten die US-Amerikaner das Manövrieren und Andocken im Orbit üben sowie Langzeitflüge ausprobieren. Die dafür entwickelte, zweisitzige Gemini wird aber erst im kommenden Jahr einsatzfähig sein. 1964 hebt kein einziger Amerikaner ab.

Der neue Zweisitzer
In der Sowjetunion erwartet man die Fertigstellung der Sojus zunächst ebenfalls für das Jahr 1965. Chefkonstrukteur Sergei Koroljow will die Lücke bis dahin füllen und weitere Premieren setzen. Regierungschef Nikita Chruschtschow ermuntert ihn dazu: Wenigstens in der Raumfahrt ist man dem Westen voraus. Daher wird die alte, einsitzige Wostok (russ., "Osten") modifiziert und zum Zweisitzer umgebaut. Unter dem neuen Namen Woschod ("Sonnenaufgang") soll sie bis zu neun bemannte Missionen ermöglichen und eine Art Brücke zur künftigen Sojus schlagen.


Um Platz in der nur 2,3 Meter weiten Stahlkugel zu schaffen, entfernt Koroljow zunächst den vertrauten Schleudersitz. Er hatte die Wostok-Piloten kurz vor der äußerst harten Landung aus dem Gefährt katapultiert und sie an separaten Fallschirmen zu Boden sinken lassen. Die neuen Sitze sind fest verankert. Das Lebenserhaltungssystem muss leistungsfähiger werden: Es versorgt die Insassen mit Atemluft und Wasser, regelt aber auch die Kabinentemperatur. Koroljow schreibt einen inoffiziellen Wettbewerb unter seinen Konstrukteuren aus: Als Preis winkt ein Flug ins All.

Weil die Woschod zwar nicht größer, aber deutlich schwerer als die originale Wostok ist, braucht man auch eine stärkere Variante der Trägerrakete. Man testet die neue Konfiguration im Oktober 1964, und zwar ohne Besatzung. Der verschleiernde Name "Kosmos 47" lässt bloß an einen Forschungssatelliten denken. Schon eine knappe Woche später zwängen sich Kosmonauten in die Woschod-1. Es sind aber nicht zwei, sondern gleich drei. Damit eilt man der NASA vier Jahre voraus. Das ist der Zweck der Übung.

Als Kommandant des himmlischen Trios fungiert der 37-jährige Moskauer Jagd- und Testflieger Wladimir Komarow. Der Bordarzt Boris Jegorow soll die rätselhafte, oft auftretende "Weltraumkrankheit" untersuchen. Dass ausgerechnet er zum Einsatz kommt, hat mit den Beziehungen seines Vaters zu Mitgliedern des Politbüros zu tun. Den internen Konstrukteursbewerb hat der Ingenieur Konstantin Feoktistow für sich entschieden. Somit reisen nach Walentina Tereschkowa wieder Zivilisten ins All - zum Ärger der Luftstreitkräfte.

Technische Mängel
Die Crew bricht am 12. Oktober 1964 auf, zum ersten Mal ohne Druckanzüge. Dem Westen soll so die Verlässlichkeit sowjetischer Weltraumtechnik vorgegaukelt werden. In Wirklichkeit bleibt dafür angesichts der Überbelegung aber schlicht kein Platz mehr. An Bord der Woschod sind andere Kostbarkeiten: Ein Porträt von Karl Marx aus dem Besitz von Lenin, ein Foto Lenins mit der Parteizeitung "Prawda" ("Wahrheit") in Händen sowie ein Banner der Pariser Kommune.

Wladimir Komarow starb 1967 beim Sojus-Jungfernflug.

Wladimir Komarow starb 1967 beim Sojus-Jungfernflug.© Bild: Pinter Wladimir Komarow starb 1967 beim Sojus-Jungfernflug.© Bild: Pinter

Kaum im Orbit angelangt, beginnt Jegorow mit den medizinischen Untersuchungen. Feoktistow testet ein neues System zur Lageregelung des Schiffs. Nach nur einem Tag wird schon das Bremstriebwerk gezündet; die Woschod taucht in die Erdatmosphäre ein. Trotz ihres Fallschirms würde sie mit etwa 27 km/h am Boden aufschlagen. Deshalb muss die in den Fallschirmleinen montierte Feststoffrakete das Gefährt im allerletzten Augenblick "hochreißen". Herabbaumelnde Sonden lösen das Manöver bei ihrem Bodenkontakt aus; ein riskantes Novum. Doch "Rubin 1" - so Komarows Funkzeichen - schweigt. Niemand weiß, ob die Mannschaft noch lebt. Endlich sieht ein Flugzeugpilot die Kapsel und drei winkende Männer daneben.

Für sowjetische Nachrichtenagenturen ist dieser Flug ein "Prototyp wissenschaftlicher Expeditionen der Zukunft". Er habe neue Maßstäbe gesetzt, auch weil die Kosmonauten erstmals keine Schutzanzüge trugen. Doch die Drei-Mann-Mission bleibt ein Strohfeuer. Die kommenden Woschods werden nur noch für Duos adaptiert. Dafür ist, als neuerliche Premiere, der Ausstieg eines Menschen ins freie All geplant.

Der erste Aussteiger
Hierbei darf man nicht einfach die Luke der Kapsel öffnen - denn nach dem Ausströmen der Luft bliebe die Bordelektronik ohne jede Kühlung zurück. Also wird eine beim Start zusammengefaltete Luftschleuse angebaut. Wieder testet man das veränderte Gefährt unbemannt, diesmal unter dem Namen "Kosmos 57". Dieser Satellit untersuche die obere Atmosphäre, heißt es offiziell.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-09 18:56:15
Letzte ─nderung am 2014-10-10 12:41:30



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