• vom 10.10.2014, 12:40 Uhr

Vermessungen

Update: 14.05.2018, 21:17 Uhr

Geschichte der Raumfahrt

Mit Marx und Lenin ins Weltall




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Zehn Jahre nach seinem ersten "Weltraumspaziergang" traf Woschod-Kosmonaut Alexei Leonow (stehend, rechts) die einstigen Konkurrenten im Orbit: beim Apollo-Sojus-Testprojekt.

Zehn Jahre nach seinem ersten "Weltraumspaziergang" traf Woschod-Kosmonaut Alexei Leonow (stehend, rechts) die einstigen Konkurrenten im Orbit: beim Apollo-Sojus-Testprojekt.© Foto: NASA Zehn Jahre nach seinem ersten "Weltraumspaziergang" traf Woschod-Kosmonaut Alexei Leonow (stehend, rechts) die einstigen Konkurrenten im Orbit: beim Apollo-Sojus-Testprojekt.© Foto: NASA

Tatsächlich entfaltet sich die Schleuse im Orbit programmgemäß und ragt nun übermannshoch ins All hinaus. Vor dem Wiedereintritt muss man sie aber wieder loswerden, da eine asymmetrische Kapsel in der Atmosphäre allzu schnell rotieren könnte; der Fallschirm würde sich nicht richtig öffnen. Zwei Bodenstationen senden den Funkcode fürs Absprengen der Schleuse leider gleichzeitig: Das unbeabsichtigte Doppelsignal wird von der Woschod-Bordautomatik als Befehl zum vorzeitigen Zünden des Bremstriebwerks interpretiert. Damit die unbemannte Kapsel nicht auf dem Territorium neugieriger Feinde landet, aktiviert sich der Selbstzerstörungsmechanismus und sprengt sie noch im All in Hunderte von Stücken.

Von den 45 möglichen Funkkommandos könnten vier zu derartigen Fehlern führen, stellt die Untersuchungskommission fest. Das gibt zu denken, zumal entscheidende Flugmanöver per Fernsteuerung vom Boden aus eingeleitet werden - und nicht etwa von Kosmonautenhand.

Für einen weiteren Test steht keine Kapsel zur Verfügung. Am Morgen des 18. März 1965 steigen zwei Männer in die einzige gerade fertige Woschod ein: Alexei Leonow wollte eigentlich Künstler werden, entschied sich dann jedoch für die Luftwaffe. Er hat Buntstifte und einen Zeichenblock dabei. Sein Freund, der Kampfpilot Pawel Beljajew, kommandierte einst eine Jagdstaffel; nun führt er das Kommando über die Woschod-2.

In Höhen bis zu 475 Kilometer rasen die beiden Männer gen Osten. Rasch wird die Luftschleuse mit Sauerstoff geflutet. Sie ist nun 2,5 Meter lang und 1,2 Meter breit. Leonow schlüpft hinein. Sein Kamerad verschließt die Bordluke hinter ihm. Nachdem man das Gas aus der Schleuse gelassen hat, öffnet sich deren Außenluke. Leonow drückt sich ins All hinaus. Der "Klimatornister" am Rücken versorgt seinen Druckanzug mit Sauerstoff. Das Gas kühlt auch seinen Körper, führt Feuchtigkeit und Kohlendioxid ab.

Koroljow hatte den Kosmonauten angewiesen, einfach nur aus- und dann wieder einzusteigen. Doch der Blick auf die tiefblaue Erde überwältigt Leonow. Sie liegt vor ihm da wie eine riesige Landkarte. Er fühlt sich winzig wie eine Ameise und gleichzeitig doch enorm mächtig. Das Schiff glänzt vor ihm golden im Sonnenlicht. Als er sich davon abstößt, schlägt er unfreiwillig Purzelbäume. Ein fünf Meter langer Kabelstrang verhindert, dass er verloren geht. Sein Ausstieg wird in Fernsehen und Radio übertragen, sicherheitshalber aber mit ein paar Minuten Verzögerung. Leonid Breschnew gratuliert über Funk.

Als Beljajew wieder zum Einstieg mahnt, fühlt sich Alexei in Kindertage zurückversetzt - als ihn die Mutter just während des Spielens ins Haus zurück rief.

Der "Weltraumspaziergang" endet allerdings mit einem Überlebenskampf über Ostsibirien. Leonows Schutzkleidung basiert auf jenem Druckanzug, den die Wostok-Piloten innerhalb der Schiffskabine trugen. Offiziell bläht er sich im Vakuum nur wenig auf und behindert den Kosmonauten kaum. Tatsächlich ist er aber zum "Ballon" geworden. Füße und Hände des Kosmonauten rutschen aus den Stiefeln und den Handschuhen, die Anzugsgelenke sind steif. Jede Bewegung gerät ihm zur übermenschlichen Anstrengung. Hitzewellen schießen durch seinen Körper, Schweiß rinnt ihm übers Gesicht, sein Herz rast.

Die TV-Übertragung ist längst beendet, als Leonow vergeblich versucht, ins Schiff zurückzukehren. Schließlich öffnet er das Ventil seines Schutzanzugs, lässt Druck ab. Nur diese höchst riskante Aktion rettet ihm das Leben. Wieder an Bord hält der völlig erschöpfte Leonow die Eindrücke des zwölfminütigen Ausstiegs in Worten und Zeichnungen fest.

Beim Absprengen der Luftschleuse beginnt die Kapsel zu rollen. Sonne und Erde jagen ums Schiff, dreimal pro Minute. Beljajew könnte das irritierende Ringelspiel stoppen; doch er will den knappen Treibstoff des Lageregelungssystems lieber für den Wiedereintritt aufsparen. Außerdem schließt die Luke offenbar nicht mehr richtig. Um den Kabinendruck zu stabilisieren, schickt das Lebenserhaltungssystem vermehrt Sauerstoff in die Kapsel. Die Brandgefahr steigt dramatisch. Im sowjetischen Radio erklingt Mozarts Requiem, ohne jeden Kommentar.

Landung in der Wildnis
Jetzt sollte sich das Schiff automatisch ausrichten, damit das Bremstriebwerk losfeuern kann. Doch nichts geschieht. Also geht es nochmals um den ganzen Globus, 90 Minuten lang. Dann peilt Beljajew den Erdhorizont mit der Visiereinrichtung am Fenster an, dreht die Kapsel per Handsteuerung in die korrekte Lage. Vor dem manuellen Zünden des Triebwerks müssen die beiden Männer ihre Plätze einnehmen, damit auch der Schwerpunkt stimmt. Das dauert länger als gedacht. Sie schießen rund 400 Kilometer übers Ziel hinaus. Die Bodenkontrolle erfährt das nicht.

Die angeschlossene Versorgungseinheit wird plangemäß von der Kapsel abgesprengt, doch eine einzelne Kabelverbindung widersetzt sich: Nun schleppt die Woschod den gefährlichen Ballast beim Ritt durch die Lufthülle hinter sich her. Sie wird arg herumgewirbelt. Äderchen in Leonows Augen platzen. Erst 100 Kilometer über Grund schmilzt das Kabel durch. Die Männer gehen im Ural nieder, in zwei Meter tiefem Schnee. Als sie die Luke wegsprengen, umfängt sie Eiseskälte. Der Blick fällt auf ein endloses Meer aus Tannen und Birken.

Ein Transportflugzeug fängt Morsesignale der Gestrandeten auf. Die groß angelegte Suchaktion beginnt. Ein Hubschrauber wirft trockene Kleidung und Vorräte ab, doch vieles bleibt in den Wipfeln hängen. Eine andere Maschine lässt die Motoren aufheulen, um ein nahes Wolfsrudel zu vertreiben. An eine Landung darf des dichten Waldes wegen aber kein Pilot denken. Die Raumfahrer harren die Nacht über in der geöffneten Kapsel aus - bei minus 30 Grad C. Am nächsten Morgen trifft ein erstes Rettungsteam bei ihnen ein. Ein anderes schlägert neun Kilometer entfernt Bäume, schafft eine weite Lichtung für den Helikopter. Den erreichen die Kosmonauten schließlich auf Skiern, allerdings erst nach einer weiteren Nacht in der Taiga.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-09 18:56:15
Letzte Änderung am 2018-05-14 21:17:19


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