• vom 04.01.2015, 10:00 Uhr

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Fotografiegeschichte

Poet mit der Kamera




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Von Anton Holzer

  • Der Fotograf Richard Träger, der vor 120 Jahren geboren wurde, war ein Pionier der österreichischen Avantgarde und ein Dokumentarist des Alltäglichen, der die Welt in überraschenden Nahaufnahmen einfing.

Richard Träger: "Stammgäste", um 1930.

Richard Träger: "Stammgäste", um 1930.© Archiv Holzer Richard Träger: "Stammgäste", um 1930.© Archiv Holzer

Es gibt Lebensläufe, die in hellstem Licht leuchten. Derartige Menschen, denen der Erfolg zu Füßen liegt, werden oft Persönlichkeiten genannt. Und dann gibt es die, die stets im Schatten stehen. Ihr Name hat, auch wenn sie Besonderes leisten, keinen klingenden Ton. Und sind sie einmal abgetreten, geraten sie alsbald in Vergessenheit.

Vor ein paar Jahren bin ich auf einen vergessenen Namen gestoßen: Richard Träger. Nie gehört? Kein Wunder, denn er hat kaum Spuren hinterlassen. Seine Leidenschaft galt der Fotografie. Ein paar wenige Aufnahmen, die er Ende der 1920er, Anfang der 30er Jahre gemacht hatte, sind mir untergekommen und haben mich in ihren Bann geschlagen.

Information

Zum Autor: Anton Holzer, geboren 1964,
Fotohistoriker und Ausstellungskurator, lebt in Wien. 2014 erschien sein Buch: "Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus. Primus Verlag, Darmstadt.


Reizvolle Details
Da ist etwa dieses faszinierende Stillleben, aufgenommen in einem Wiener Kaffeehaus um 1930. Im Vordergrund stehen auf einem Tablett zwei Gläser Wasser, beide sind voll. Im Hintergrund sind zwei Zeitungen aufgespannt, nur die Hände, die sie halten, sind durch den Spalt zwischen den beiden Blättern zu sehen. Sonst nichts. Eine wunderbare Nahaufnahme. Sie verdankt ihren Reiz und ihre Qualität unscheinbaren Details. Die Spannung des Bildes ergibt sich aus der aufmerksamen Beobachtung des Naheliegenden. Ich versuche zumindest einen Titel auf der Zeitungsseite zu entziffern, es will mir nicht gelingen. Scharf sind nur die beiden Gläser im Vordergrund, der Hintergrund ist verschwommen. Der Fotograf hat dem Bild einen einfachen Titel gegeben: "Stammgäste" (siehe Abbildung rechts oben).

Gläser, um 1928.

Gläser, um 1928.© Archiv Holzer Gläser, um 1928.© Archiv Holzer

Eine andere Aufnahme: wiederum Gläser, die auf einem Tisch stehen. Auch hier: Reduktion auf das Minimum. Das Sonnenlicht verfängt sich im Rund der Gläser und verleiht ihnen einen gleißenden Anschein. Es gibt bei diesem Bild wenig zu entziffern. Die einfache Sachaufnahme kommt ganz ohne Botschaft aus. Zu sehen ist die Welt im Detail, Objekte des alltäglichen Lebens, nicht mehr.

Hinter dem Bild verbirgt sich keine geschliffene Werbebotschaft, kein Geheimnis eines Produkts, das Käufer sucht. Der Fotograf hat nichts anderes im Sinn, als die Wirklichkeit, so wie er sie sieht, festzuhalten. Sachlich im besten Sinne des Wortes sind diese Aufnahmen. In den 1920er Jahren wurde für diese Richtung in der Fotografie der Begriff "Neue Sachlichkeit" geprägt.

Wer war Richard Träger? In den Nachschlagewerken zur Fotografiegeschichte taucht der Name entweder gar nicht auf, oder, wenn sich doch ein knapper Eintrag findet, beschränkt sich dieser auf dürre Angaben: Wiener Amateurfotograf, tätig in der Zwischenkriegszeit, fotografierte im Stil der "Neuen Sachlichkeit". Sonst nichts. Es sollte doch möglich sein, dachte ich mir, diesem talentierten Fotografen, der außer einigen Bildern offenbar nur wenige Spuren hinterlassen hat, ein Gesicht zu geben. Jahrelang habe ich versucht, die spärlichen Informationen über seine Fotografien zu ergänzen, weitere Aufnahmen zu entdecken. Die Recherchen haben nur wenige Früchte getragen.

Immerhin: Zumindest die nackten Lebensdaten ließen sich ermitteln. Träger wurde, so ist in den historischen Meldeunterlagen des Wiener Stadt- und Landesarchivs nachzulesen, am 16. Jänner 1895 in Wien geboren. Es ist auch vermerkt, dass er "römisch-katholisch" war und von Beruf "Feinmechaniker". Seit dem 19. Dezember 1926 war er mit Elisabeth Pfeifer, geboren am 12. November 1898 in Wien, verheiratet. Die beiden lebten in der Moßbachergasse 22-24/3/11. Das ist alles. Und noch eine Information findet sich in den Akten. Träger starb in jungen Jahren, am 30. 11. 1933 in seiner Wohnung. "Laut Totenschaubefund starb Richard Träger an einem Unfall durch Leuchtgasvergiftung." Vergiftung? Ein Unfall? Oder beging er Selbstmord?

Und der Fotograf Träger? Was ich über ihn in Erfahrung bringen kann, passt auf eine halbe DIN-A4-Seite. Seit 1919 fotografierte er. Die Kamera, so wird berichtet, habe er von seinem Vater erhalten. In den 1920er Jahren wurde er Mitglied bei der Arbeiterfotografengruppe des Volksheims Ottakring. Diese war, neben den Meidlinger Naturfreundefotografen, die bekannteste Arbeiterfotogruppe Wiens. Am Ludo-Hartmann-Platz 7 verfügte die "photographische Fachgruppe", so nannte sie sich, über ein gut ausgestattetes Labor: Fünf Dunkelkammern, Vergrößerungs- und Kopierapparate, ein eigener Aufnahmeraum mit Glasdach, und eine Fachbibliothek, listet ein stolzer Bericht aus den späten 1920er Jahren auf.

Ab 1924 stand die Ottakringer Fotogruppe für einige Jahre unter der Leitung von Karl Irribauer. Sein Nachfolger Karl Ender setzte ab 1928 dessen Aktivitäten fort. Fast wöchentlich fanden Veranstaltungen statt: Lichtbildervorträge, Kurse, Fotoausflüge. Jährlich im September fand eine Ausstellung statt.

Die Mitglieder der Fotogruppe waren keine revolutionären Arbeiterfotografen, sie verfolgten ein gemäßigt-modernes Programm, das sich nicht allzu sehr von den bürgerlichen Amateuren unterschied. Zu den bekanntesten Lichtbildnern der Gruppe gehörten Otto Dobrowolny, Philipp Fanta, H.E. Zischka, Willy Rybarik, Karl Ender, Josef Hammer, Franz Katolicky, Alexander Niklitschek, Ludwig Helly, Eugen Sladky, Josef Schramek, Hans Balek und als eine der wenigen weiblichen Vortragenden und Fotografinnen in der Gruppe: Cécile Machlup.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-12-30 16:26:08
Letzte Änderung am 2014-12-30 17:27:43


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