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Update: 30.01.2015, 12:38 Uhr

Sprache

Choreografie der Sonderzeichen




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Von Ingrid Thurner

  • "Binnen-I"-Debatte, nächstes Kapitel: Es scheint, als ob der umfassenden Verweiblichung der Gesellschaft bei kreativem Einsatz typografischer Möglichkeiten kaum noch etwas im Wege stünde.

Das Beispiel der US-Sängerin P!nk führte zu der Idee, die feministische Sonderzeichen-Sippe durch ein Rufzeichen zu bereichern: W!r und !hr und !hnen . . .

Das Beispiel der US-Sängerin P!nk führte zu der Idee, die feministische Sonderzeichen-Sippe durch ein Rufzeichen zu bereichern: W!r und !hr und !hnen . . .© Foto: Andrew Snook/Corbis Das Beispiel der US-Sängerin P!nk führte zu der Idee, die feministische Sonderzeichen-Sippe durch ein Rufzeichen zu bereichern: W!r und !hr und !hnen . . .© Foto: Andrew Snook/Corbis

Unlängst lud das Gleichstellungsbüro der Universität Hannover zur öffentlichen Podiumsdiskussion in die Messestadt an der Leine. Es ging um Geschlechtersensibilität in Wort und Schrift, vulgo Gendern, um "gerechte Sprache, ihre Notwendigkeit und die Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung", um Stilmittel, die alle Geschlechtsidentitäten gleichermaßen zu repräsentieren in der Lage sind.

"Die Sprachen sind der beste Spiegel des menschlichen Geistes", sagte Gottfried Wilhelm Leibniz, Namenspatron der ehrwürdigen Lehrstätte, und es stand der Veranstaltung gut an, dass sie diesen Leitgedanken wählte. Ich war aufs Podium geladen und durfte über die Situation in Österreich berichten, wo geschlechtersymmetrischer Sprachgebrauch inzwischen zum Politikum verkommen ist, seit Rechtsaußen und Boulevardzeitungen mittels "Genderklamauk" die Stammtische bei Laune halten.


Wer mit Buchstaben neue Wirklichkeiten schaffen will, bedient sich bekanntlich aus der Großfamilie der Sonderzeichen. Bisher kennen wir Klammern, Schrägstrich, Majuskel-I, Asterisk, Unterstrich, hochgestellte feminine Suffixe, wir kennen Doktor(in), Doktor/in, DoktorIn, Doktor* (Plural: Doktor**), Doktor_in, Doktorin.

Neue Suffixregeln
Aus diesem unverbindlichen Angebot wird gewählt, was gerade gefällt, denn alle Normierungsversuche scheinen zum Scheitern verurteilt. Die Möglichkeiten sind aber noch nicht ausgeschöpft und der antisexistische Elan ist ungebrochen. So nutzte die AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin den Spielraum und legte im Frühjahr 2014 einen Leitfaden vor, "die Frucht einer intensiven Zusammenarbeit über Jahre".

Diese Frucht, sie mutet ein wenig exotisch an und so, als ob sie nicht ohne weiteres von den wohligen Höhen einer Universität in den rauen deutschsprachigen Alltag zu verpflanzen wäre. Und ein bisschen abgehoben wirkt, dass sich unter den Verantwortlichen kein männlicher Vorname findet.

Endlich soll also dem Mehrgeschlechtlichen sprachlich gerecht zum Durchbruch verholfen werden: Man beschließe die Wörter mit einem geschlechtsneutralen x oder a oder wahlweise auch einem @, an Stelle der bisherigen Endungen. Natürlich stießen diese fortschrittlichen Ideen in den Redaktionen gleich auf große Beachtung, und seither drehen dx Professx, dx Doktox und unsa Lautsprecha ihre Runden durch die deutschsprachigen Medien.

Außer den neuen Suffixregeln enthält das Papier weitere nützliche Tipps zur Entmännlichung der Sprache, etwa dynamische Unterstriche: Sie wandern dynamisch durch ein Wort, können überall stehen, nur nicht dort, wo sie bisher standen, nämlich zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, dann ist es nämlich ein statischer Unterstrich.

Die Anmutung solch schwungvoller Schriftbilder möge quasi nebenbei eine assoziative Wirkung erzeugen, die nachhaltig aufs Unbewusste strahlt und den resistenten, nicht nur männlichen Gehirnen durch Wiederholung einbläut, dass allen Geschlechtern gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleiche Löhne zustehen. So die feministische Hoffnung. Auf diesen sprachlichen Wegen soll gesellschaftlich erzwungen werden, was längst gesetzlich verankert ist.

Damit nicht genug. Bei der Diskussion in Hannover sagte die sprachfeministische Vordenkerin Luise Pusch zwar kurzfristig krankheitshalber ab, aber sie glänzte auch in Abwesenheit. Ihr Skript wurde vorgelesen. Sie kennt eine Sängerin namens P!nk, und das führte zu der Idee, die feministische Sonderzeichen-Sippe durch ein Rufzeichen zu bereichern. Ganz leicht kann man nunmehr auch Pronomina gendern: W!r und !hr und !hnen und s!e.

Man kann das weiterspinnen: Auch das egoistische !ch kann hinfort sprachsensibel umgesetzt werden. Das hilft keineswegs nur jenen, die sich ihrer Geschlechtsidentität noch nicht bewusst sind oder denen, die sich noch nicht geoutet haben. Ohnedies haben wir ja sowohl männliche wie weibliche Hormone. Wer kennt schon immer so genau den aktuellen Hormonstatus? Es könnte ja das Testosteron gerade schwächer vertreten sein.

Entmännlichungsritual
Auch beim d!e könnte man noch überlegen, sowohl beim Artikel wie auch beim Relativpronomen, das Nebensätze einleitet, ob es nicht sinnvoll wäre, dieses auch zu genusdeklinieren. Unweigerlich lenkt das Rufzeichen den Blick auf die strukturellen Ungleichheiten, denen Frauen ausgesetzt sind, die Anmutung des Schriftbildes lagert sich ein im Gehirn, siehe oben und flugs - die Welt wird wieder um ein Stück objektiver.

Schon lange befürchte ich, dass ich demnächst gendersensible Post erhalte, in der jemand, um mir einen Gefallen zu tun, meinen Namen einem Entmännlichungsritual unterzieht. Da werde ich dann heißen: Thurnerin (mäßig originell, so nannten sie mich schon in der Volksschule) oder ThurnerIn (betont den femininen Aspekt in mir. Aber wie, eigentlich, kann das phallische I für das Weibliche stehen?), Thurner(in) (bezweifelt ein bisschen mein Geschlecht, könnte ja alles sein), Thurner_in (bietet mir Wahl-Möglichkeiten an), Thurnerin (woher nimmt der Absender, bestimmt ein Mann, die Gewissheit, dass ich weiblich bin? Und dann das Feminine, zwar hochgestellt, aber in Kleinbuchstaben! Das ist Diskriminierung im Gewand der Antidiskriminierung und besonders perfide - der Wolf im Schafspelz, sozusagen).

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-01-29 16:38:06
Letzte Änderung am 2015-01-30 12:38:45


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