• vom 14.03.2015, 10:00 Uhr

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Arbeitssucht

Tüchtig und süchtig




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Von Monika Spiegel

  • Der "Workaholic" wird viel mehr akzeptiert als andere Suchtkranke. Deswegen ist es schwierig, den schleichenden Übergang vom positiven Arbeitseifer zur problematischen Arbeitssucht zu bemerken.

Gefangen im Netz der Verpflichtungen.

Gefangen im Netz der Verpflichtungen.© C. J. Burton/ Corbis Gefangen im Netz der Verpflichtungen.© C. J. Burton/ Corbis

Zwischen 70 und 80 Stunden pro Woche verbringt Thomas C. (Name von der Autorin geändert) mit seiner Arbeit. Die Arbeit gibt ihm alles. Denn alles andere gibt es nicht mehr. "Ich denke nicht, dass die Arbeit an sich mehr Spaß macht als alles andere", erzählt Thomas C., "da aber alles andere zeitlich immer zu kurz kommt, ist es schwierig etwas anderes als die Arbeit so intensiv ausüben zu können, dass es Spaß machen würde."

Wettbewerbsdruck, der Zwang zu permanenter persönlicher Optimierung - in den letzten Jahren ist die Einstellung vorherrschend geworden, sich selbst als aktiven Gestalter seines Lebensweges zu sehen, als "Self-Entrepreneur", nicht mehr als Befehlsausführer.


Seriöse Zahlen dazu gibt es leider nur aus Deutschland. Nach einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) aus dem Jahre 2007 arbeiteten in Deutschland nur noch 13 Prozent der Beschäftigten zwischen 35 und 42 Stunden von Montag bis Freitag. Mehr als 40 Prozent arbeiten am Samstag, jeder Fünfte bereits am Sonntag. Besonders betroffen von der Mehrarbeit sind Selbstständige und Freiberufler, weil es keine fixen Arbeitszeiten gibt. Natürlich sind Jobs im Management auch betroffen, weil es dort die "nine to five"-Jobs kaum mehr gibt. Hier ist wohl die Suche nach Anerkennung und Bestätigung eine automatische Arbeitszeitverlängerung. Die Zahl der Arbeitenden mit traditionellen Bürozeiten von 9:00 bis 17:00 Uhr hat sich zwischen 1989 und 2003 halbiert.

Laut Kollektivvertrag ist die Bruttoarbeitszeit zwar vertraglich geregelt, dennoch finden Unternehmen Wege, dieses Übereinkommen legal zu umgehen. Überstunden sind im Dienstvertrag inkludiert und werden mit bekannten Überstundenpauschalen abgegolten. Dazu kommt auch die erhöhte Bereitschaft der Angestellten selbst, freiwillig mehr zu arbeiten. Die Akzeptanz gegenüber Mehrarbeit betrifft Führungskräfte in besonderem Maße: Die wenigen, die "noch besser sein wollen als alle anderen", müssen eben noch mehr arbeiten, um ihren Lebensplan zu realisieren.

"Bis zum Umfallen"
Thomas erzählt, dass ihn unerledigte Arbeiten gedanklich auch am Wochenende "verfolgen": "Das Gefühl, noch dringend etwas fertigstellen zu müssen, ist zum Teil sehr belastend und lässt kein Abschalten zu. Ich arbeite oft bis zum Umfallen, wobei ich das nicht körperlich meine, sondern psychisch, ich verspüre innere Leere, Emotionslosigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen."

Eine Arbeitswoche von 60 Stunden und mehr führt unweigerlich dazu, dass die Bereiche Arbeit und Privatleben sich stark überschneiden. Die permanente gedankliche Beschäftigung mit beruflichen Fragen ist ein Faktor der Arbeitssucht.

Zwar beteuern viele Führungskräfte, dass sie ihre Freizeit am liebsten mit der Familie verbringen würden, die Realität sieht aber anders aus. Tatsächlich sind sie sich des Problems bewusst, dass sie soziale Verpflichtungen vernachlässigen. Trotzdem ordnen sie den privaten Umgang ganz klar der Arbeit unter.

"Ein Sonntag ganz ohne Arbeit, auch ohne den Gedanken daran, endet tendenziell mit Unbehagen. Ein freier Tag ist keine Erleichterung. Ich nehme sogar Arbeit in den Urlaub mit. Das ist mit den neuen Kommunikationsmitteln gar nicht mehr vermeidbar", erzählt Thomas C.

Damit sind zwei weitere Diagnosekriterien erfüllt, die für eine Arbeitssucht sprechen: die Vernachlässigung sozialer Pflichten und die kontinuierliche Weiterführung des Verhaltens, trotz schädlicher Auswirkungen auf die eigene soziale Umwelt.

Zwanghaftes Verhalten
Von einer Arbeitssucht kann dann gesprochen werden, wenn im Zentrum der Gedanken der Beruf steht, ein innerlicher Zwang zum Arbeiten verspürt wird, wenn die persönliche Freizeit langfristig der Beschäftigung geopfert wird, soziale Verpflichtungen und Partnerschaft vernachlässigt werden und die Kontrolle über das eigene Handeln verloren geht.

Zwanghaftes Verhalten steht am Anfang der Arbeitssucht und wird mit der Zeit immer weniger kontrollierbar. Schließlich kommt die Unfähigkeit zur Abstinenz hinzu. Je mehr man arbeitet, umso höher werden die Chancen auf einen Top-Job, so die Grundannahme. "Perfektion ist leider sicherlich ein Thema. Auch Angst davor, Fehler zu machen. Dennoch trägt meine Arbeit nicht dazu bei, mein Lebensziel zu erreichen. Meine Arbeitssucht ist eher wie ein Spiel, aus dem auszusteigen eine große Hürde darzustellen scheint", sagt Thomas C. selbstkritisch.

Symptomatisch für die Arbeitssucht ist, dass der Beruf oft ein Mittel darstellt, mit dem sich die Betroffenen von anderen Problemen abzulenken versuchen. Die Parallele zur substanzgebundenen Sucht ist offensichtlich: Was dem Fixer sein Heroin, ist dem Workaholic die Arbeit. Noch ist derartiges Verhalten aber akzeptiert, bei Mitarbeitern, Wählern und Vorgesetzten sogar oft gerne gesehen. Viel Arbeitseinsatz bedeutet Engagement und ist löblich. Anders als bei den substanzgebundenen Süchten wird hier der Abhängige durch Anerkennung von Bekannten, Kollegen und Vorgesetzten noch weiter in seinem Verhalten bestärkt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-13 12:02:06
Letzte Änderung am 2015-03-13 15:35:15


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