• vom 20.03.2015, 14:00 Uhr

Vermessungen

Update: 14.05.2018, 23:20 Uhr

Geschichte der Raumfahrt

Tête-à-Tête im Weltraum




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Wieder im Schiff, versucht White die Luke zu schließen. Vergeblich. Den Wiedereintritt würde man so nicht überleben; entsprechend verbissen mühen sich die Astronauten mit dem störrischen Teil ab. Endlich ist wieder alles dicht. Auf ein nochmaliges Öffnen der Luke wird verzichtet. Die NASA will das Glück nicht überstrapazieren.

Als erstes Raumschiff der Welt verfügt die Gemini 4 über einen Bordcomputer. Der hilft beim Navigieren, Steuern und Landen. Allerdings fällt der Rechner im 48. Umlauf aus - weshalb die Kapsel satte 80 Kilometer fern des vorgesehenen Orts wassert.

Trotz des abermals starken Pogo-Effekts kommt auch die Gemini 5 am 21. August 1965 wohlbehalten in den Orbit. Im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums schießen Gordon Cooper und Charles Conrad hochauflösende Fotos der Erdoberfläche. Dabei überfliegen sie auch Kuba, China und Vietnam, wie man in Moskau sehr wohl registriert.

Um das neue Radargerät zu überprüfen, setzen die Astronauten einen 35 kg schweren Testsatelliten aus. Dann versuchen sie, ihm mit dem Schiff zu folgen. Doch das Manöver muss nach Problemen mit der Energieversorgung abgebrochen werden. Die Gemini verfügt erstmals über Brennstoffzellen. Sie nützen die chemische Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff zur Stromerzeugung; ein willkommenes Nebenprodukt ist Trinkwasser. Diese Erfindung soll Langzeitflüge möglich machen. Aber jetzt, bei der Premiere, sinkt der Druck im kleinen "Bordkraftwerk". Das führt zu einer Energiekrise. Die Männer frieren.

Im Kontrollzentrum
Bis zu 370 Messwerte der Gemini werden überwacht und nach Houston, Texas, übertragen. Dort laufen die Daten über die rund 30 Konsolen des neuen Kontrollzentrums. Die Techniker vor den Schirmen melden jede Abweichung dem Flight Director (kurz "Flight" genannt). Während die Astronauten alle 90 Minuten einen neuen Sonnenaufgang erleben, ist das Tageslicht aus dem Kontrollraum ausgesperrt; auch die normale Uhrzeit besitzt hier keine Gültigkeit. Man lässt die Uhren lieber ab dem Start der Rakete laufen. Drei Teams wechseln einander hier ab. Jedes arbeitet zehn Stunden lang, wobei die ersten und die letzten 60 Minuten der Übergabe dienen. Wie sich der legendäre "Flight" Gene Kranz erinnert (im Filmdrama "Apollo 13" wird er vom US-Schauspieler Ed Harris verkörpert), riecht es nach Zigarettenstummeln, kaltem Kaffee und Pizzaresten. Überall kullern die Aluminium-Büchsen des fast antiquiert wirkenden Rohrpostsystems herum. Es dient der Kommunikation zwischen den drei Stockwerken.

Die Teammitglieder nächtigen auch im Kontrollzentrum. Wer nach getaner Arbeit nicht abschalten kann, dem empfehlen die Militärärzte zwei Schuss Whisky. Wer nicht trinkt, erhält Schlaftabletten. Wer auch die verweigert, dem bleibt das "Schäfchenzählen" - erzählt Kranz.

Der Flugzeitrekord stammt aus dem Jahr 1963. Die sowjetische Wostok 5 blieb damals 119 Stunden oben. Die Crew der Gemini 5 bekommt ihr Energieproblem in den Griff und hält ganze 191 Stunden durch. Conrad spricht später von "acht Tagen in einer Mülltonne".

Cognac in Athen
Um die Kongressabgeordneten bei Laune zu halten, werden die Astronauten immer wieder auf Tour durch die USA geschickt. Bis zu drei Vorträge pro Tag stehen auf dem Programm - ein ungeliebter Job. Nach außen hin gibt sich das Astronauten-Corps harmonisch. Hinter vorgehaltener Hand spricht man allerdings von "freundschaftlichen" Rivalitäten zwischen den Air Force- und den Navi-Piloten.

Die russischen Kosmonauten erfahren von den Erlebnissen der US-Amerikaner aus der Presse. Im September 1965 lernen sich die Konkurrenten persönlich kennen, beim 16. internationalen astronautischen Kongress in Athen: Dort treffen Alexei Leonow und Pawel Beljajew (beide flogen mit der Woschod 2) auf Conrad und Cooper, die gerade von ihrer Gemini 5-Mission heimgekehrt sind. Die Verständigung ist schwierig; es wird heftig gestikuliert. Gemeinsam trinkt man Cognac und verbringt einen Tag auf Onassis‘ Jacht.

Die ehemaligen Test- und Kampfpiloten aus Ost und West stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Sie empfinden Verbundenheit. "Als wir uns trennten, fühlte sich das an, als wären wir alle Mitglieder einer Crew", notiert Leonow. Am 30. September klagt sein Ausbildungsleiter Nikolai Kamanin über die mangelnde Unterstützung durch die staatliche Führung: Die sowjetische Raumfahrt sei daher bereits ins Hintertreffen geraten, vertraut er seinem Tagebuch an.

Das Rendezvous
Nähert man sich einem anderen Objekt gezielt, um dann kontrolliert Abstand zu halten, spricht man von einem "Rendezvousmanöver". Die hohe Kunst aber ist das Andocken. Für die Gemini 6 soll eine unbemannte Atlas-Agena Rakete das "Objekt der Begierde" spielen. Doch die plumpst in den Atlantik.

Deshalb wird der Start der Gemini 6 verschoben, und zwar auf den 12. Dezember. Walter Schirra und Thomas Stafford fiebern dem Ende des Countdowns entgegen. Die Triebwerke donnern pünktlich los, hüllen alles in Rauch ein. Doch nach 1,2 Sekunden schalten sie wieder ab. Die vollbetankte, 136 Tonnen schwere Titan-II erbebt. Alles hält den Atem an. Wird sie auf die Rampe zurückfallen, auseinanderbrechen und detonieren?

In derart geringer Höhe gerieten selbst die Schleudersitze zur Todesfalle. Ein raketenbestückter Rettungsturm an der Kapselspitze könnte die Gemini jetzt wegreißen; doch auf ihn wurde aus Gewichtsgründen verzichtet. Zum Glück hat der kurze Schub gerade nicht zum Abheben der Rakete gereicht. Als der Rauch verzogen ist, wird klar: Die Titan steht noch fest auf dem Rampentisch.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-20 11:20:16
Letzte Änderung am 2018-05-14 23:20:33


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