• vom 12.04.2015, 10:00 Uhr

Vermessungen


Fotografie

Körper statt Kommunismus




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Anton Holzer

  • Von der Propaganda zur eigenständigen Kunstform: Die österreichische Kulturwissenschafterin Ingrid Fankhauser präsentiert in einem Studienband die Geschichte und Gegenwart der kubanischen Fotografie.


© Cirenaica Moreira: Abajo estoy despierta (2003-2006) © Cirenaica Moreira: Abajo estoy despierta (2003-2006)

Im Dezember 2013 war der amerikanische Präsident Barack Obama zur Trauerfeierlichkeit Nelson Mandelas nach Südafrika gereist. Am 10. Dezember dieses Jahres entstand eine denkwürdige Aufnahme, die um die Welt ging: Der amerikanische Präsident schüttelte am Rande der Veranstaltung dem kubanischen Präsidenten, Raúl Castro, kurz die Hand. Nach fünf Jahrzehnten der Feindschaft war dies ein erstes, äußeres Zeichen der Annäherung.

Fast genau ein Jahr später, am 17. Dezember 2014, verlautbarte Barack Obama, die Beziehungen zu Kuba normalisieren zu wollen. "These 50 years have shown that isolation has not worked", war der zentrale Satz seiner Rede. Die Ankündigung Obamas kam einem politischen Erdbeben gleich. Die über fünf Jahrzehnte währende Gegnerschaft der beiden Länder begann zu bröckeln. Nach monatelangen Geheimverhandlungen war eine Freilassung von politischen Gefangenen vereinbart worden. Die Öffnung des Landes und der zögernde Beginn einer Zusammenarbeit zeichnen sich (trotz des nach wie vor geltenden Embargos) ab.

Information

Ingrid Fankhauser: Mi cuerpo es mi país. Der
Körper als Schauplatz in der aktuellen kubanischen Fotografie. LIT
Verlag, Wien, Berlin 2014, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, 24,90 Euro.



© Yanahara Mauri: La Dama del Tulipán (2010) © Yanahara Mauri: La Dama del Tulipán (2010)

Politische Ikone Che
Der tiefe Einschnitt in den amerikanisch-kubanischen Beziehungen ist ein guter Anlass, das gesellschaftspolitische Experiment in der Karibik Revue passieren zu lassen. Genau das hat die Kulturwissenschafterin und Kubaspezialistin Ingrid Fankhauser in einer neuen Publikation gemacht. "Mi cuerpo es mi país", so der Titel ihre Studie, widmet sich nicht der Geschichte Kubas als Ganzem, sondern der Rolle der Fotografie, die diese seit den Jahren der Revolution eingenommen hat.


Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die jüngeren Vertreter der kubanischen Fotoszene und die künstlerische Fotografie der Gegenwart. Das Buch, das Ende 2014 erschien, trägt der jüngsten epochalen Wende in den amerikanisch-kubanischen Beziehungen noch nicht Rechnung. Das tut dem Wert der Publikation freilich keinen Abbruch: denn sie bietet, genau an der Schwelle zu einer neuen Epoche, einen differenzierten Rückblick auf die wechselvolle Kultur- und Fotogeschichte des Landes.

Es gibt ein Foto, das wie kein anderes stellvertretend für die kubanische Revolution steht: Alberto Kordas Aufnahme des Revolutionsführers Ernesto Che Guevara: Hoch geschlossene Jacke, das Gesicht vom Bart, dem wallenden Haar und der Baskenmütze umrahmt. Der Blick Ches ist in die Ferne gerichtet. Diese Aufnahme, die der Fotograf 1960 während einer Trauerfeier im Hafen von Havanna aufnahm, entwickelte ein allseits bekanntes Nachleben.

Als der Fotograf den Abzug in den 1960er Jahren dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli schenkte, der Sympathien für die revolutionäre Linke hatte, konnte er von der bevorstehenden massenhaften Verbreitung des Motivs noch nichts ahnen. Seit dem frühen Tod des Revolutionärs, der 1967 in Bolivien erschossen wurde, begann das Motiv weltweit zu zirkulieren. Zunächst als Plakat, das Feltrinelli in Umlauf brachte, bald in millionenfacher Vervielfältigung als Ikone der linken und alternativen Bewegungen in den 1970er und 80er Jahren - und später als politisch entleertes Signet, das T-Shirts und allerlei Souvenirs zierte.

Dieses Foto freilich verstellt den Blick auf die kubanische Fotografie eher als dass es sie erhellt. Denn Korda war, wie Fankhauser zeigt, keineswegs der einzige wichtige Fotograf, der das Bild der kubanischen Revolutionszeit prägte. Als er 1956 zusammen mit einem weiteren Fotografen in Havanna das Fotoatelier "Korda Studios" gründete, war die politische Revolution noch nicht in Sicht. Korda orientierte sich an den großen kubanischen Fotografen der Zwischen- und Nachkriegszeit, etwa an Constantino Arias Miranda, der mit seinen Reportagen im sachlichen Dokumentarstil die Entwicklung und Veränderung des Landes festgehalten hatte.

Revolutions-Fotografie
In der Silvesternacht des Jahres 1958 hatte der kubanische Diktator Fulgencio Batista unter dem Eindruck militärischer Erfolge der Revolutionäre das Land fluchtartig verlassen. Am 8. Jänner 1959 zogen die Führer des Aufstandes, Fidel Castro und Che Guevara, mit ihren siegreichen Truppen in Havanna ein. Die Revolution hatte gesiegt. Der Versuch einer militärischen Invasion der USA in der sogenannten "Schweinebucht" wurde im April 1961 zurückgeschlagen.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Regimes wurde, so Fankhauser, die Fotografie als Teil einer kulturellen und politischen Aufbruchsbewegung und als populäres, "volksnahes" Medium gesehen. Fotografen wie Alberto Korda, Raúl Corrales oder Osvaldo und Roberto Salas trugen dazu bei, den revolutionären Führern des jungen Regimes ein heldenhaftes fotografisches Gesicht zu verleihen.

Auf diese bildlichen Hymnen auf das Personal der Revolution folgte in den 1970er Jahren die stärkere Hinwendung zu Themen des Alltags. Nun wurde von Fotografen wie Enrique de la Uz, Ivan Cañas oder José A. Figueroa dem einfachen "Volk", das in der offiziellen Lesart die Revolution getragen hatte, ein Denkmal gesetzt, indem einzelne Vertreter, ihre Arbeit und ihr Alltag in Sozialreportagen geschildert wurden.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-04-10 11:20:10
Letzte Änderung am 2015-04-10 15:56:45


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein fast perfekter Mord
  2. Der alte Goethe, der Göthé hieß

Werbung




Werbung