• vom 17.04.2015, 14:00 Uhr

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Update: 23.04.2015, 16:08 Uhr

Genozid

Das Trauma der Vergangenheit




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Das lange Schweigen

Armenische Selbstironie: Noahs Arche mit Papierflieger. Levon Abrahamian/ Association of Caricaturists of Armenia (Hg.): Armenian Cartoon 2005.

Armenische Selbstironie: Noahs Arche mit Papierflieger. Levon Abrahamian/ Association of Caricaturists of Armenia (Hg.): Armenian Cartoon 2005. Armenische Selbstironie: Noahs Arche mit Papierflieger. Levon Abrahamian/ Association of Caricaturists of Armenia (Hg.): Armenian Cartoon 2005.

Der Genozid an den Armeniern wurde zur Zeit der sowjetischen Herrschaft unter dem Vorwand, die Freundschaft zwischen den Völkern nicht gefährden zu wollen, tabuisiert. Überlebende des Genozids hatten zwar das Recht, sich in Sowjet-Armenien niederzulassen; über das vorangegangene Geschehen durfte in der Öffentlichkeit dennoch nicht gesprochen werden. Erst im Jahr 1967 wurde auf Druck der Zivilbevölkerung auf der Jerewaner Schwalbenfestung (armenisch: Zizernakaberd) ein Mahnmal errichtet. In seinen Grundrissen ähnelt dieses einer kubistisch-abstrakten, christlichen Kirche. Daneben befindet sich das Gebäude des "Armenian Genocide Museum Institute", das eine Dauer-Ausstellung zum Genozid beherbergt. Architektonisch ist dieses wie ein begehbares Grab angelegt: die Ausstellungshalle ist mit zu Fenstern umfunktionierten Marmorsteinen in Kreuzform ausgekleidet, die als Lichtquellen im Raum dienen.

Die Dauer-Ausstellung baut zu weitern Teilen auf visuellen Quellen mit nur wenigen schriftlichen Hinzufügungen auf. Die verletzten und misshandelten Körper von deportierten Frauen und Kindern stehen im Mittelpunkt einer Repräsentationspolitik, die den Zentren armenischen Lebens vor dem Genozid nur in zwei Bereichen der Ausstellung Bedeutung beimisst.

Inmitten der leinwandgroßen Fotografien findet sich auch ein Bild, das nicht auf die faktische Evidenz des Gewesenem verweist: ein Filmstill aus dem 1919 in den USA produzierten Spielfilm "Ravished Armenia", der auf den Erinnerungen der Genozid-Überlebenden Aurora Madiganian beruht. Auf diesem Kinobild sind die an Kreuzen hängenden, nackten Körper von armenischen Frauen zu sehen.

Die wenigen Fälle von Zivilcourage seitens der türkischen, kurdischen und syrischen Bevölkerung, die armenische Familien versteckte, zu Waisen gemachte Kinder großzog, ihnen zur Ausreise verhalf, sind ebensowenig Teil der Ausstellung wie die unmittelbaren Nachwirkungen des Genozids - heute leben mehr als eine Million Armenier und Armenierinnen in der Diaspora - und seine historische Aufarbeitung. So zeigt sich ein noch junger Staat, der sich auch als christliches Opfer "islamischer Barbaren" zu inszenieren weiß.

Das "Armenian Genocide Museum Institute" ist die einzige Institution auf armenischem Terrain, die derzeit mit der Erforschung des Genozids beschäftigt ist. Folglich hat diese ein Monopol auf die Produktion eines Gedenk-Diskurses, der nicht frei von hagiografischen Darstellungen ist.

Noahs lachende Erben
Abseits der dazugehörigen, ins Register der politischen Theologie verlagerten Genozid-Repräsenta-tion gibt es in Armenien jedoch auch Diskurse des Erinnerns, in deren Rahmen die Motive einer christlichen Ikonografie anders verwendet werden. So etwa hat sich der armenische Zeichner Levon Abrahamian das Bild der Arche Noah aus ironischer Distanz angeeignet. Dieses ist mit dem Gründungsmythos des armenischen Staates verbunden, der der biblischen Erzählung zufolge am Fuße des Berges Ararat von einem direkten Nachkommen Noahs - Hayk, dem ersten Armenier - instituiert worden sein soll. Die Arche über dem Berg Ararat fungierte während der Zeit der öffentlichen Tabuisierung des Genozids auch als Bild für eine verlorene Heimat, die heute auf türkischem Territorium liegt.

In Abrahamians Zeichnung wird Noahs Boot zu einem Vehikel, dessen Insassen einer in Gestalt eines Papierflugzeuges ins Bild hineinragenden Nachricht mit Skepsis begegnen. Dabei könnte es sich durchaus um eine frohe Botschaft handeln: Die Zeit des Exodus ist vorbei und das Tor zur neuen Welt für die Bewohner und Bewohnerinnen der alten Arche längst geöffnet.

Barbara Eder studierte Soziologie und Philosophie in Wien und Berlin. Von 2013- 2014 war sie an der W.-Brjussow-Universität in Jerewan tätig. Derzeit arbeitet sie an dem Erzählband "Warten auf Archen".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-04-16 17:44:20
Letzte Änderung am 2015-04-23 16:08:03


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