• vom 11.07.2015, 09:00 Uhr

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Griechische Mythologie

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Von Christian Pinter

  • Schön wie Adonis, scharfsichtig wie Argus: Viele unserer Begriffe und geflügelten Worte entstammen der griechischen Mythologie.

Mythische Figuren bereichern nicht nur die Sprache, sondern auch die Städte. Dieses schöne Paar (Nymphe und Triton) zeigt sich zum Beispiel auf dem Wiener Maria Theresienplatz. Pinter

Mythische Figuren bereichern nicht nur die Sprache, sondern auch die Städte. Dieses schöne Paar (Nymphe und Triton) zeigt sich zum Beispiel auf dem Wiener Maria Theresienplatz. Pinter Mythische Figuren bereichern nicht nur die Sprache, sondern auch die Städte. Dieses schöne Paar (Nymphe und Triton) zeigt sich zum Beispiel auf dem Wiener Maria Theresienplatz. Pinter

Der schönste der unsterblichen Götter, so schreibt Hesiod, war Eros. Fürs Liebesbegehren zuständig und anfangs als strahlender Jüngling mit goldenen Flügeln dargestellt, schrumpfte er später zur Bubengestalt zusammen. Eros, von den Römern "Amor" genannt, schießt Pfeile auf die Menschen ab. Taucht er sie in Gold, verlieben sich die Getroffenen. Steckt er sie in Blei, folgt Abneigung. Der griechische Gott überlebte im Wort "Erotik": Es steht für die sinnliche Liebe.

Gemälde zeigen Eros gern in Gesellschaft der Aphrodite ("Venus" bei den Römern). Die Liebesgöttin weckte ebenfalls Sehnsüchte, bei Göttern und bei Menschen. Ihr Name findet sich im Aphrodisiakum wieder, das die sexuelle Lust steigern soll. Ein Sohn der Aphrodite war der Fruchtbarkeitsgott Priapos. Man stellte ihn gern mit überlangem Penis dar, weshalb eine krankhafte und schmerzhafte Dauererektion fachlich Priapismus heißt. Sie muss behandelt werden, da sie sonst ins beständige Gegenteil umschlägt.


Zu Aphrodites Verehrern zählte der zarte, junge Mann Adonis. Von bildhübschen Liebhabern sagt man bis heute, sie wären "schön wie Adonis". Einer Erzählung nach soll er vom prächtigen Apollon getötet worden sein. Gerade weil Prinz Eugen "kein Apoll" war und ihm jede "apollonische Schönheit" fehlte, ließ er sich gern in Gestalt dieses Gottes verewigen. Apollo(n) stand für das Licht, die Kunst, die Weissagung und, ungefragt, letztlich auch fürs US-Mondflugprogramm. Sein berühmtester Orakelort lag in Delphi, am Fuße des Parnass-Gebirges. Von diesem Orakel erfuhr Laios, der König von Theben, dass ihn dereinst sein eigener Sohn ermorden würde. So ließ er den Säugling im Gebirge aussetzen. Zuvor durchbohrte er ihm die Fersen, weshalb der Kleine bald Oidipous ("Schwellfuß") genannt wurde. Später begegnete Ödipus seinem Vater, ohne diesen zu erkennen. Er tötete ihn im Streit.

Die Fragen der Sphinx
Vor Theben lauerte die Sphinx: ein seltsames Mischwesen mit Frauenkopf und geflügeltem Löwenleib. Sie würgte alle hinunter, die ihr Lieblingsrätsel nicht lösen konnten: Welches Wesen besitzt eine Stimme und erscheint zuerst vier-, dann zwei- und dann dreibeinig? Nur Ödipus wusste die Antwort: Das ist der Mensch als krabbelnder Säugling, als aufrecht stehender Erwachsener und als Greis mit Gehstock. Rätselhafte, schwer ergründliche Menschen vergleicht man daher noch immer gerne mit der Sphinx. Da der schlaue Ödipus Theben von der Sphinx befreit hatte, kürte man ihn zum König. Als Nachfolger des Laios heiratete er nichtsahnend die verwitwete Königin - und damit seine eigene Mutter. Sigmund Freud benannte bekanntlich einen Komplex und eine Entwicklungsphase nach ihm.

Die homerischen Epen "Ilias" und "Odyssee", die "Theogonie" des Hesiod, die Bibliothek des Apollodor oder die "Metamorphosen" des Ovid - sie alle hielten griechische Mythen lebendig. Daraus entsprangen zahlreiche Begriffe und Redensarten, die wir noch heute gebrauchen. Manche wurden zum "geflügelten Wort", so als erreichte uns die Botschaft damit auf Schwingen.

Die griechische Göttin der Eintracht hieß bezeichnenderweise "Harmonia", jene der Zwietracht "Eris". Bei einer königlichen Hochzeit in Thessalien war die Eris aus naheliegenden Gründen nicht eingeladen, die zwölf Götter des Olymp hingegen schon. Verärgert warf Eris einen goldenen Apfel in die Runde. Seiner Aufschrift nach war er "der Schönsten" gewidmet.

Natürlich geriet er sofort zum Zankapfel: Die Göttinnen Aphrodite, Athene und Hera stritten sich darum. Der Sohn des trojanischen Königs sollte entscheiden. Das Urteil des Paris fiel zu Gunsten der Aphrodite aus, zumal ihm diese die reizendste aller sterblichen Frauen versprochen hatte: Leider war die schöne Helena schon mit dem Sparta-König Menelaos verlobt. Also entführte Paris seine Geliebte nach Troja.

Die französische Hauptstadt hat mit dem Prinzen Paris nichts zu tun. Allerdings wurde der dortige flache Hügel Montparnasse nach dem griechischen Parnass getauft. In diesem mächtigen Gebirge spielte der erwähnte Apollon mit der Lyra - ein Zupfinstrument, auf das Begriffe wie "Leier" oder "Lyrik" zurückgehen. Er begleitete damit den Gesang der neun Musen, die auch als Schutzgöttinnen für die Künste fungierten: die Thalia etwa für die Komödie, die vielstimmige Polyhymnia für den Gesang, die Urania für die Himmelskunde. Im 17. Jahrhundert huldigten Pariser Studenten den Musen am linken Ufer der Seine ausgiebig, daher der Name "Montparnasse".

Die Musen selbst hinterließen ebenfalls etymologische Spuren, etwa in den Wörtern "Musik" oder "leichte Muse". Ein berühmter historischer Musentempel war das Museion, die antike Hochschule Alexandrias. Von ihr leitet sich wiederum unser "Museum" ab - als Hort von Sammlungen.

Kassandrarufe
Die Entführung der Helena soll den Trojanischen Krieg verursacht haben. Da sie die Stadt nicht erobern konnten, zogen die Griechen (in den homerischen Epen "Danaer" genannt) zum Schein wieder ab. Sie ließen ein hölzernes Riesenpferd als vermeintliche Opfergabe zurück. Die Trojaner zogen es in ihre Stadt, wenngleich die Seherin Kassan-dra davor warnte. Sie wurde einst von Apollon verehrt und daher mit der Gabe der Weissagung bedacht. Doch weil sie den Gott nicht erhören wollte, bestrafte er sie: Niemand sollte ihren Prophezeiungen fortan Glauben schenken. So blieben alle Kassandra- rufe ungehört.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-07-09 17:11:04
Letzte Änderung am 2015-07-10 12:07:07


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