• vom 11.07.2015, 16:00 Uhr

Vermessungen


Ferieninsel

Ein Mythos versandet




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Von Günter Spreitzhofer

  • Die nordfriesische Insel Sylt kämpft um ihre Existenz. Sie wird von zunehmendem Rückgang der Landmasse bedroht.

Die Touristen auf Sylt lassen sich vom schleichenden Landschwund nicht stören.

Die Touristen auf Sylt lassen sich vom schleichenden Landschwund nicht stören.© Spreitzhofer Die Touristen auf Sylt lassen sich vom schleichenden Landschwund nicht stören.© Spreitzhofer

Sylt ist die größte Insel Nordfrieslands, die viertgrößte Deutschlands. Fast 40 km lang und manchmal nur 300 Meter breit, locken westwärts schier endlose Sandstrände. Ostwärts, bis zum bundesdeutschen Festland, sind es rund zehn Kilometer, seit 1935 fast alles Teil des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Hinüber, durchs Watt, kann man bisweilen sogar waten. Denn das Wattenmeer fällt bei Ebbe weitgehend trocken, von einigen Prielen abgesehen - und von ein paar vertieften Routen für die Adler-Fährschiffe, die an Wochenenden tausende Sonnensucher auf Sylt und seinen Nachbarinseln abliefern. Es gibt raschere Wege nach Sylt, als durch den Schlick zu stapfen, aber keine einzige Straße. So bleiben die Autozugverbindungen über den Hindenburg-Damm, die Fähre nach Remo (Dänemark) und die Privatjets für junge Möchtegerns.


Höhepunkte gibt es genug, neben der Uwe-Düne, mit 52 Metern der höchste Punkt der Nordfriesischen Inselwelt. Die meisten Besucher bleiben aber nicht mehr monatelang wie damals, als sich Westerland - der Hauptort der Insel - 1855 zum Seebad erklärte und auf die Heilwirkung des windigen Reizklimas pochte. Um 1900 kurten hier Großbürgertum und Adel zu Zehntausenden, die sich per Badekarren in die atlantische Brandung schoben und erst dort ihre Hüllen fallen ließen. Wahrscheinlich nur kurz, denn die Wassertemperatur übersteigt nur selten 17 Grad.

Sechzig Jahre später bröckelte kurz die Idylle aus reetgedeckten Friesenhäusern und wilhelminischen Bädervillen, als 15-stöckige Apartmentanlagen aus Beton Westerland allmählich ein neues, lärmendes Gesicht gaben, bald auch mit Windsurf-Worldcup und Kitesurf-Trophy, Oktoberfest und Techno-Partys und ähnlichen Belustigungen.

Ruheoase für Promis
Dabei ist es zumeist geblieben. Denn überall sonst wirkt es immer noch recht ruhig, mit Wattwandern und Strandlaufen und Strandreiten an der Ellenbogenspitze, Drachensteigen in Hörnum und Naturlehrpfaden in der Braderuper Heide. Wer Einsamkeit sucht, wird sie auch finden. Oder aber man macht sich schick für Galerien und Kabarett. Oder beides, nacheinander. Dazu vier Golfplätze, mitten drin in den blühenden Dünen der baumarmen Insel, wo sich kleine Pensionen ducken und es nirgends weit zum Meer ist. Reinhard Mey hat hier ein Häuschen. Theodor Storm und Emil Nolde liebten die Insel. Und Otto Waalkes stellt seine Bilder im alten Kurhaus aus.

"Die Reize dieser Insel sind keusch und karg und lenken den Sinn auf Grog", schrieb Thomas Mann 1927 über sein Feriendomizil in der Kampener Heide, das 1990 bereits an der Abbruchkante zur Nordsee stand und sich heute im Eigentum der Deutschen Bank befindet. Denn das Meer frisst sich landeinwärts, mit stetig wachsender Geschwindigkeit.

Die Insel Sylt existiert eigentlich erst seit 400 Jahren, auch wenn sie bereits nach 1100 so bezeichnet wurde - doch damals kam man bei Ebbe trockenen Fußes ans Festland, was sich in den folgenden Jahrhunderten verändert hat. Der schleichende Landschwund, vor allem an der Süd- und Nordspitze der langgezogenen Insel, gibt schon lange Anlass zur Sorge: Die nach Osten wandernden Dünen bedrohten bereits während der "Kleinen Eiszeit" des 18. Jahrhunderts Siedlungen und Kulturland, sodass gezielt Dünengras ("Strandhafer") angebaut wurde.

Seit 1870, mit Aufkommen der ersten Aufzeichnungen zur jährlichen Küstendegradation, ist der Rückgang der Landmasse nicht mehr zu verleugnen: Rund 50 cm jährlich fraß sich die Nordsee bis 1951 immer weiter in die Insel, seither fast schon einen Meter jährlich, von großen Sturmfluten ganz abgesehen. 1962 drohte Sylt auseinanderzubrechen, als die Südspitze bei Hörnum vom Rest der Insel kurzzeitig völlig abgeschnitten war. Und das kann jeden Herbst wieder passieren, wenn der "Blanke Hans" - so heißt hier der Nordseesturm, der Wellen von bis zu acht Metern auftürmen kann - in Form ist.

Als erste Schutzmaßnahme dienten Buhnen, die seit über hundert Jahren - früher aus Holz, später aus Stahlbeton - rechtwinkelig ins Meer gebaut wurden, um Erosion durch Querströmungen zu verhindern, jedoch ohne messbaren Erfolg, weshalb die meisten davon heute wieder entfernt wurden. In den 1960ern folgten Tetrapoden, tonnenschwere vierfüßige Betonelemente, allerdings zu schwer für den Sylter Sand und zudem optisch wenig tourismusförderlich, sodass sie vielfach ebenfalls weitgehend abgebaut wurden.

Seit den 1970ern kommen die sogenannten "Hopperbagger" zum Einsatz, Schiffe, die aus küstenfernen Zonen Sand aufnehmen und ein Wasser-Sand-Gemisch durch spezielle Rohrleitungen an den Strand spülen, das dort durch Planierraupen verteilt wird. Ziel ist der Ersatz des erodierten Sandbestandes, um die Küstenlinie zu erhalten: Fast 40 Millionen Kubikmeter Sand in 42 Jahren wurden auf diese Weise neu aufgeschüttet und verteilt.

Kostspielige Erhaltung
Der Bedarf von rund zehn Millionen Euro jährlich wird aus bundesdeutschen und aus EU-Mitteln gedeckt, die den Lebensraum in strukturschwachen Gebieten zu erhalten helfen sollen. Sylts Lage ist wohl peripher, etliche Siedlungen an der Westseite sind durch Sandflug längst verweht und verlassen, der finanzielle Aufwand bleibt jedoch nicht unumstritten. "Hätte Sylt nicht das Image einer attraktiven Ferieninsel, gäbe es den Küstenschutz in der bestehenden Form gewiss nicht", ließ die Studie "Klimafolgen für Mensch und Küste am Beispiel der Nordseeinsel Sylt" schon 1995 keinen Zweifel an der allgemeinen Skepsis gegenüber den Baustellen auf Zeit - LKW-Ladungen von Rohren, Pumpenlärm und Strandbagger sind zudem nicht urlaubsförderlich.

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Dokument erstellt am 2015-07-10 14:47:05


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