• vom 18.07.2015, 10:00 Uhr

Vermessungen


Lothar Rübelt

Die Kunst des Augenblicks




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Von Anton Holzer

  • Lothar Rübelt war der bekannteste österreichische Fotojournalist des 20. Jahrhunderts. Wer sich mit seinem Schaffen befasst, begegnet einem großen, aber politisch fragwürdigen Fotografen.

Ein Bild aus Rübelts erster großer Fotoreportage: "Die Giftmörderinnen", 1929 beim Gerichtsprozess in der ungarischen Stadt Szolnok aufgenommen. - © ÖNB/Wien, Lothar Rübelt

Ein Bild aus Rübelts erster großer Fotoreportage: "Die Giftmörderinnen", 1929 beim Gerichtsprozess in der ungarischen Stadt Szolnok aufgenommen. © ÖNB/Wien, Lothar Rübelt

Lothar Rübelt: Fußball-Länderkampf Österreich gegen Deutschland, Wien 1931. ÖNB/Wien, Lothar Rübelt.

Lothar Rübelt: Fußball-Länderkampf Österreich gegen Deutschland, Wien 1931. ÖNB/Wien, Lothar Rübelt. Lothar Rübelt: Fußball-Länderkampf Österreich gegen Deutschland, Wien 1931. ÖNB/Wien, Lothar Rübelt.

"Das Telephon schrillt. Eine kurze Meldung jagt durch den Draht. Apparat und Platten, stets griffbereit, werden gefaßt, hinunter aufs Motorrad und davon. Von weitem schon zeigt eine dichte Menschenmenge den Tatort an. Das Rad dient als Tribüne. Ein Blick für die Lichtverhältnisse, einige sichere Griffe an der Kamera, der Verschluß schnurrt, die erste Aufnahme ist erledigt. Rasch noch einige wesentliche Einzelheiten, wobei das Platzschaffen das Problem ist (hier hilft nur taktvolle Unverfrorenheit), dann geht es in fliegender Eile zurück in die Dunkelkammer, wo der Abgesandte der Klischeeanstalt schon auf die nasse Kopie wartet."

Der rasende Reporter
Als der Wiener Fotojournalist Lothar Rübelt 1929 diese Zeilen schrieb, musste er sich nicht lange nach Vorbildern umsehen. Er inszeniert sich selbst als Paradebeispiel des rasenden Fotoreporters. Es war ein Image, das er jahrzehntelang kultivierte. 1948 wurde er in einem Zeitungsbeitrag ausdrücklich als der "rasende Photoreporter" bezeichnet.


Lothar Rübelt war ein hervorragender Fotograf und ein talentierter Vermarkter seiner Bilder. Er war aber auch, das zeigt unser Beispiel, ein überaus findiger Öffentlichkeitsarbeiter in eigener Sache. So ist es nicht verwunderlich, dass er bereits Ende der 1920er Jahre zum ersten Starreporter Österreichs avancierte. Ein halbes Jahrhundert lang, von den frühen 1920er bis in die 1960er Jahre, dominierte Rübelt die fotojournalistische Szene im Land.

Renate Hansluvka, Europameisterin im Wasserskispringen, 1959. ÖNB/Wien, Lothar Rübelt.

Renate Hansluvka, Europameisterin im Wasserskispringen, 1959. ÖNB/Wien, Lothar Rübelt. Renate Hansluvka, Europameisterin im Wasserskispringen, 1959. ÖNB/Wien, Lothar Rübelt.

Seine Karriere hat er kurz nach dem Ersten Weltkrieg als Sportfotograf begonnen, um 1930 wurde er zum Allrounder, der alles fotografierte, was sich verkaufen ließ. Seine Erfolge in der Ersten Republik setzte er im Ständestaat und schließlich im Nationalsozialismus fort. Er huldigte Hitler und seiner Politik - und profitierte als Fotograf von der NS-Diktatur.

Nach 1945 setzte er seine Karriere unbeirrt und ohne Unterbrechungen fort - als international anerkannter Sportreporter, aber auch als gefragter Begleiter österreichischer Nachkriegspolitiker. Wenn man einen Fotografen nennen müsste, der wie kein anderer das fotografische Bild Österreichs im 20. Jahrhundert geprägt hat, es wäre Lothar Rübelt. Er, der eigentlich die deutsche Staatsbürgerschaft besaß - seine Mutter stammte aus dem Elsaß -, wurde zum österreichischen Bildchronisten eines halben Jahrhunderts.

Schnell und flexibel

Porträt von Lothar Rübelt, der vor 25 Jahren, am 4. August 1990 starb.Unbekannter Fotograf

Porträt von Lothar Rübelt, der vor 25 Jahren, am 4. August 1990 starb.Unbekannter Fotograf Porträt von Lothar Rübelt, der vor 25 Jahren, am 4. August 1990 starb.Unbekannter Fotograf

Rübelt ist eine widersprüchliche Figur: als Fotograf war er überaus begabt, technische und ästhetische Neuerungen hat er rasch aufgenommen. In seinen politischen Haltungen war er flexibel bis opportunistisch. Seiner Karriere hat diese Biegsamkeit nicht geschadet, im Gegenteil.

Wer war dieser Lothar Rübelt? Geboren 1901 in Wien, begann er bereits als Jugendlicher während des Ersten Weltkriegs zu fotografieren. Nach Kriegsende trieb sich der begeisterte Leichtathlet auf den Wiener Sport- und Fußballplätzen herum; die Kamera hatte er stets dabei. Bald nach dem Krieg schickte er erste Sportfotos an die Zeitungen, die diese prompt druckten. 1919 begann er an der Technischen Hochschule Maschinenbau und Elektrotechnik zu studieren. Er schloss sein Studium freilich nicht ab, sondern wurde zum professionellen Fotojournalisten.

Die Konjunktur für einen angehenden Sportfotografen war in den 1920er Jahren günstig. Fußball war in der Zwischenkriegszeit der beliebteste Publikumssport in Österreich. Die Sportberichterstattung wurde ausgebaut, neue Zeitungen schossen aus dem Boden, immer öfter brachten die illustrierten Wochenzeitungen Fotografien von Sportereignissen.

Einige Jahre arbeitete Rübelt eng mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Ekkehard zusammen, der ebenfalls fotografierte. Gemeinsam bauten sie eine eigene Fotoagentur auf. Ein gemeinsamer Film über eine Motorradreise in die Dolomiten entstand 1926. Im selben Jahr verunglückte Ekkehard Rübelt tödlich. Lothar Rübelt arbeitete nun allein weiter. Er fotografierte schon längst nicht mehr nur Leichtathletik, sondern alles, was sich an die Presse verkaufen ließ. Er dokumentierte Boxkämpfe ebenso wie Ski-, Wasser- und Autosportereignisse, er fotografierte Eislauf- und Tenniswettbewerbe - und natürlich Fußballspiele.

Dynamische Ästhetik
Praktisch jedes Wochenende war Rübelt unterwegs. Schon früh erkannte er, dass Geschwindigkeit im Vertrieb alles ist. 1924 hatte er sich zusammen mit seinem Bruder ein Motorrad angeschafft, um die Abzüge rascher in die Redaktionen bringen zu können. In seinen Bildern setzte er auf eine neue, dynamische Ästhetik. Er suchte mit seiner Kamera nicht den distanzierten Überblick, nie nahm er beim Fußball das Spielfeld als Ganzes in den Blick. Vielmehr rückte er nahe an die Szenen und die Spieler heran. Er hielt bewegte Szenen fest: Zweikämpfe, Torschüsse, Tore. Gelegentlich positionierte er seinen Apparat unmittelbar auf der Torlinie, um die Augenblicke vor dem Tor, die Momente zwischen Sieg und Niederlage, in dramatischen Ausschnitten festzuhalten.

Früher als andere Fotografen setzte Rübelt auf kleine handliche Apparate. Schon Anfang der 1920er Jahre, als die anderen Pressefotografen noch mit schwerem Gerät und Stativ unterwegs waren, fotografierte er mit einer kleinen 9 x 12 cm Klappkamera. Ab Mitte der 1920er Jahre arbeitete er mit der kleinformatigen, aber lichtstarken Ermanox der Dresdner Firma Ernemann. 1929 ergänzte er diese um die Leica. Der Rollfilm mit 36 Negativen im Kleinbildformat ermöglichte es ihm nun, mehrere Bilder unmittelbar hintereinander zu belichten, ohne umständlich die Platten wechseln zu müssen. Nun entstanden immer öfter Bildserien.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-07-16 14:14:09
Letzte Änderung am 2015-07-17 12:21:53


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