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Update: 27.02.2016, 12:40 Uhr

Geschichte

Kassandras vergebliche Rufe




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Von Robert Schediwy

  • Nach riskanten politischen und militärischen Entscheidungen kommen warnende Stimmen in der Regel zu spät.



Evelyn De Morgan: "Die verzweifelte Kassandra", 1898.

Evelyn De Morgan: "Die verzweifelte Kassandra", 1898.© De Morgan Centre London/ wikimedia Evelyn De Morgan: "Die verzweifelte Kassandra", 1898.© De Morgan Centre London/ wikimedia

Information

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien. Er arbeitet zur Zeit an einem Buch zur Geschichte der vergeblichen Warnungen.

Im Jahr 1811 verabschiedete Zar Alexander I. den scheidenden Botschafter Napoleons mit einem denkwürdigen Gespräch. Armand de Caulaincourt gegenüber eröffnete der Zar seine Strategie in dem beiderseits erwarteten Krieg:

"Wenn der Kaiser Napoleon mir den Krieg erklärt", sagte der Zar, "so ist es möglich, sogar wahrscheinlich, dass er uns schlagen wird; aber das wird ihm nicht den Frieden verschaffen. Die Spanier sind oft geschlagen worden, und doch sind sie weder besiegt noch unterworfen . . . Wir werden nicht leichtsinnig alles auf eine Karte setzen. Wir haben Raum und werden uns eine gut organisierte Armee bewahren. Man kann sogar seinen Besieger zum Frieden zwingen. Der Kaiser braucht schnelle Erfolge, so schnell, wie seine Gedanken. Wenn das Waffenglück gegen mich sein sollte, zöge ich mich lieber bis Kam-tschatka zurück, als dass ich Provinzen abträte und in meiner Hauptstadt einen Vertrag abschlösse, der nur ein Waffenstillstand wäre. Unser Klima, unser Winter werden für uns kämpfen. Wunder geschehen bei euch nur dort, wo der Kaiser steht. Er kann aber nicht überall sein, er kann nicht jahrelang von Paris fernbleiben".

Napoleon war also gewarnt. Dennoch entschied er sich für den fatalen Angriff auf Russland, der zur Vernichtung seiner großen Armee und letztlich zu seinem Sturz führen sollte.

Macht der Torheit

Es handelt sich hier um keinen Einzelfall. Auch im täglichen Leben ist der Weg in die Katastrophe häufig mit vergeblichen Warnungen gepflastert. Torheit und Selbstüberschätzung führen zu tödlichen Wetten und Mutproben. Touristen ignorieren offizielle Lawinensperren oder schlagen mahnende Worte erfahrener Hüttenwirte in den Wind. Nach Überschwemmungen, Hangrutschungen, Dammbrüchen, Erdbeben, Lawinenabgängen und ähnlichen Naturkatastrophen erinnert man sich der vorherigen Warnungen von Experten, die gerade an diesen Orten lange schon für besiedlungsfreie Zonen oder wenigstens besondere Vorsichtsmaßnahmen plädiert hatten.

In der Botschaft des Zaren an den Kaiser der Franzosen sehen wir den erfolglosen Warner in der Extremposition des potentiell übermächtigen Feindes, der aber mit einer Art Loyalität, ja Bewunderung dem Gegner die Folgen seiner extrem risikoreichen Absichten vor Auge führt. Unabhängigkeit des Denkens und eine gewisse Loyalität spielen beim Phänomen der vergeblichen Warnung generell eine wesentliche Rolle.

Die großen Übeltäter der Geschichte üben eine eigentümliche Faszination aus. Adolf Hitler oder Josef Stalin werden von den Me-dien immer noch in zahllosen Dokumentationen "ausgeschlachtet". Diejenigen hingegen, die es besser wussten, die vor den unvernünftig hohen Risiken und der wahrscheinlichen Sinnlosigkeit der zu erwartenden Opfer warnten, werden hingegen kaum erinnert. Sie gehörten meist zur "zweiten Reihe" der Entscheidungsträger und Meinungsmacher, überschauten jedenfalls das Geschehen aus einer gewissen Distanz. Ihre Vorbehalte wurden abgetan, ihre Anträge in Kriegsräten niedergestimmt. Es entspricht aber einem gewissen Sinn für Gerechtigkeit, sich einiger dieser erfolglosen Warner zu erinnern.

Die Figur der Kassandra, der Tochter des Priamos und Schwester des unglückseligen Paris, der durch seinen Raub der schönen Helena den Trojanischen Krieg auslöst, entstammt dem Umfeld der homerischen Epen - aber sie berührt uns bis heute. Die Seherin, die alles Unheil kommen fühlt, aber mit dem Fluch belegt ist, mit ihren Warnungen kein Gehör zu finden, beeindruckt durch ihre ausweglose Tragik.

Ebenfalls im Umfeld der homerischen Epen hat sich die Erzählung von Laokoon entwickelt, dem Warner vor dem Holzpferd, das die griechischen Belagerer Trojas bei ihrem scheinbaren Abzug vor der Stadt zurückgelassen haben. In Schillers freier Übersetzung aus dem zweiten Buch der Vergilschen "Äneis" lautet die zentrale Stelle wie folgt:

"Wenn in dem Rosse nicht versteckte Feinde lauern,
So droht es sonst Verderben unsern Mauern,
So ist es aufgetürmt, die Stadt zu überblicken,
So sollen sich die Mauern bücken
Vor seinem stürzenden Gewicht.
So ist’s ein anderer von ihren tausend Ränken,
Der hier sich birgt. Trojaner, trauet nicht!
Die Griechen fürchte ich, und doppelt, wenn sie schenken."

Spannend an dieser Darstellung ist die Gegenüberstellung von selbstbewusster und rationaler Argumentation und unbelehrbarer, verblendeter Fehlentscheidung.: Hierin liegt ein sehr moderner Aspekt. Das Motiv der göttlichen Bestrafung dagegen, wie wir es auch von den biblischen Propheten her kennen, ist für uns heute ins Märchenhafte gerückt. Es ist seit der Aufklärung obsolet - im Wesentlichen seit Voltaires berühmter Polemik gegen eine solche "Erklärung" des großen Erdbebens von Lissabon (1755).

"Cluster" von Warnern

Betrachten wir die Gegebenheiten der neueren Geschichte, begegnen wir häufig "Clustern" von Warnern, etwa Personen der zivilen Staatsverwaltung, die Vorstellungen der Militärhierarchie kritisieren - und umgekehrt. Vor allem die Vorgeschichte der beiden Weltkriege bietet reichliches Anschauungsmaterial.

Der japanische Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 wurde von mehreren amerikanischen Admirälen vorausgesagt, doch blieben ihre Warnungen wirkungslos.

Der japanische Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 wurde von mehreren amerikanischen Admirälen vorausgesagt, doch blieben ihre Warnungen wirkungslos.© Corbis Der japanische Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 wurde von mehreren amerikanischen Admirälen vorausgesagt, doch blieben ihre Warnungen wirkungslos.© Corbis


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-26 13:23:06
Letzte Änderung am 2016-02-27 12:40:43


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