• vom 05.03.2016, 11:00 Uhr

Vermessungen


Afrika

Erwachende Löwen




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Afrika war nicht wegen der Globalisierung arm, sondern weil der Welthandel am Kontinent vorbeifloss. Sein Anteil lag 1948 bei 7,4 %, sechzig Jahre später nur noch bei 2 %, ohne Nord- und der Republik Südafrika bei nur 0,8 %. Und Afrika war in der Rohstoff-falle gefangen: Einseitige Ressourcenschürfung hieß Bereicherung lokaler Eliten und wirtschaftliche Stagnation. Als Investitionsstandort war Afrika lange wenig attraktiv. "Ohne Arbeitsmöglichkeiten wandern die wenigen gut Ausgebildeten ab", klagt Liberias Präsidentin Johnson Sirleaf, "gerade in jene Länder, die am Welthandel teilnehmen".

Klar - Peking stillt seinen Rohstoffhunger, will Absatzmärkte schaffen und inszeniert sich als weise Weltmacht. Afrikaner nehmen die Angebote gerne auf, statt sich von Europas Vorschriften nerven zu lassen. Die Region schlug sich gut, als der Finanzkrise weltweit ein Rückgang internationaler Investitionen folgte: Zwischen 2000 und 2014 stiegen sie in Afrika von 4,7 auf 30,5 Milliarden Euro. Wenn China breit angelegt auch in Afrikas Industrie investiert, wittern Kritiker rasch neue Umweltdesaster, Lohndumping, Kinderarbeit. Doch Abschottung festigt archaische Strukturen.

Europa sei bei Afrikas Innovationsschub zu zögerlich, meint Christian Hiller von Gaertringen, Wirtschaftsredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Autor von "Afrika ist das neue Asien. Ein Kontinent im Aufschwung". Von deutschen Exporten 2013 in Höhe von 1,1 Billionen Euro landeten nur 2 % in Afrika, die Hälfte davon in Südafrika. Mit Anlagen und nachhaltigem Knowhow etwa bei Wasser, Abwasser, Müll, Energie hätten mitteleuropäische, auch österreichische Klein- und Mittelbetriebe mit ihrer Wertschätzung von Mitarbeitern und Kunden Riesenchancen.

"Ich bin traurig, dass Australien und Neuseeland, die so weit von Europa entfernt sind, jeweils mehr nach Europa exportieren als alle afrikanischen Länder zusammen. Dabei sind wir Nachbarn", ergänzt Monty Jones, afrikanischer Vertreter bei einem europäischen Wirtschaftsforum.

China ist der größte Akteur in Afrika, gefolgt von Brasilien, In-dien, der Türkei und Asiens Südosten. Unternehmen aus diesen Schwellenländern erarbeiten vor Ort innovative Software- und Kommunikations-Lösungen. Einstige Krisenstaaten wie Äthiopien, Mosambik oder Ruanda zählen zu den erfolgreichsten (siehe auch Artikel auf Seite 35). "Eine kritische Masse von Ländern hat die Wirren der Entkolonialisierung überwunden", sagt Hans Stoisser. Für Ghana, Äthiopien und Ruanda prognostiziert die OECD Wachstumsraten von 8 bis 10 % jährlich, wie in den Boom-Jahren der asiatischen Tigerstaaten. Junge afrikanische Löwen beginnen, die Tiger zu jagen.

"Silicon Savannah"

Lange verfemte Unternehmungsgründungen wurden leichter. "In vielen Ländern wurden One-Stop-Shops zur Erledigung der Anmeldeformalitäten geschaffen", beobachtet Stoisser. Neue Technologien überspringen eine Generation und "katapultieren afrikanische Gesellschaften in die Moderne". Afrika hat heute 700 Millionen Mobiltelefonanschlüsse, bei 900 Millionen Einwohnern - und drei Viertel verwenden die Geräte für neue Leistungen wie mobiles Bankwesen, das zum virtuellen "Schmieröl für Klein- und Mittelunternehmer in Afrika" werde.

Das vor Ort mitentwickelte Mobil-Zahlungssystem "M-Pesa" revolutionierte das Leben vieler Kenianer und wird zum Export-Hit. "M-Farm" bringt Informationen über Marktpreise in Echtzeit bis in die Dörfer. High-Tech-Städte entstehen, vernetzte Produktionsketten, konsumorientierte Mittelschichten. "Silicon Savannah" wird Kenias Tech-Hub genannt.

"Afrika hat das Potenzial, eine der dynamischsten Wirtschaftszonen der Welt zu sein. Sechs der zehn wachstumsstärksten Länder der Erde liegen in Afrika", meinen Andreas und Frank Sieren in ihrem fakten- und anekdotenreichen Buch "Der Afrika-Boom". Die Menschen seien jung und immer besser ausgebildet.

Cyber-Utopismus

Die Informationstechnologie sei zwar ein Beschleuniger, relativiert ein Weltbank-Bericht Anfang 2016 überschießenden Cyber-Utopismus, aber keine Abkürzung zur Entwicklung. Auch höchst dubiose Geschäftspraktiken werden erleichtert. Das Internet kann einen Industrialisierungsschub, Bildung und Institutionen nicht ersetzen. Neben Eigenverantwortung braucht Afrika vor allem saubere, durchsetzungsstarke Behörden.

Peking investiert in marode In-frastruktur. Das liegt im Interesse Afrikas, nicht nur seiner Eliten. Durch Erleichterung beschwerlicher Grenzübertrittsverfahren könnte auch der unterentwickelte innerafrikanische Warenaustausch wachsen: der Transport eines Containers vom kenianischen Mombasa nach Europa ist zehn Mal billiger als der Transport dieses Containers ins Nachbarland Uganda.

Längst läuft nicht alles rund. Es gibt sie weiter, von ethno-religiösen Konflikten zerrissene Regionen, von Mali über Nigeria, den Sudan bis nach Somalia. Die Krisenländer "repräsentieren nur mehr 8% der Wirtschaftsleistung Subsahara-Afrikas, sind aber für 90 % der Schlagzeilen in Europas Medien verantwortlich", meint Stoisser. Doch Rechtsunsicherheit und endemische Korruption bremsen auch andernorts den Aufschwung und fördern Ungleichheit. Fehlgeleitete Politik wie in Simbabwe schafft sogar neues Elend. "Trotz des Wachstums der letzten zehn Jahre", zitiert Afrika-Experte Georg Lennkh den britischen "Economist", "war es nicht möglich, genügend Arbeitsplätze in der formellen Wirtschaft zu schaffen".

Noch befeuert Peking die Weltwirtschaft. Doch die China- und Schwellenländer-Krise und der Rohstoffpreisverfall haben auch afrikanische Länder auf dem falschen Fuß erwischt: Exporte und Investitionen brechen ein. Bildungsrückstand, Gesundheit und sozialer Zusammenhalt sind weder durch Spenden noch durch ungezügelte Marktkräfte allein erreichbar. Statt nur Unternehmensgewinnstreben als Antrieb der Wirtschaft zu sehen, schreibt Stoisser, wäre wieder verstärkt der "Kundennutzen" in den Mittelpunkt zu rücken, zum Vorteil der Gesellschaft als Ganzes.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-04 14:05:09
Letzte Änderung am 2016-03-04 17:03:11


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