• vom 23.04.2016, 12:00 Uhr

Vermessungen


Literatur

Träumer und Grübler




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief





Dennoch entstehen Theaterstücke ja nicht aus Fragen, sondern aus dramatischen Konflikten, die von Akteuren auf der Bühne ausgetragen werden. Gerade der Theaterpraktiker Shakespeare hatte ein untrügliches Gespür für wirkungsvolle Rollen. (Das könnte man, nebenbei bemerkt, als Argument dafür ins Feld führen, dass er seine Dramen selbst geschrieben hat.) Seine Stücke sind gespickt mit witzigen, berührenden, mitreißenden Auftritten, in denen gute Schauspieler und Schauspielerinnen zeigen können, wozu sie fähig sind. Viele Shakespeare-Rollen bleiben im Gedächtnis, als ob sie lebendige Menschen wären: der feiste Angeber Falstaff, die lieblich sterbende Ophelia, die verliebten Kinder Romeo und Julia, der weise resignierende Zauberer Prospero und manche mehr.

Geflügelte Hamlet-Worte

Ein Shakespear’scher Charakter überragt aber wohl doch alle anderen, und das ist Hamlet, der Prinz von Dänemark. Auch wer seine Tragödie noch nie auf der Bühne gesehen hat, wird schon einmal gehört haben, dass "im Staate Dänemark" "etwas faul" sei, oder dass es bei einer bestimmten Frage um "Sein oder Nichtsein" gehe, dass "Reifsein alles" und "der Rest Schweigen" sei.

In solch "geflügelten Worten" lagern sich weltliterarische Texte im Alltagsbewusstsein ab, und es trägt durchaus zum Verständnis eines Dramas bei, wenn man auf der Bühne wiederhört, was man in ganz anderem Kontext zuvor schon in der Zeitung gelesen hat.

Was aber ist faul im Staate Dänemark? Hamlet, der in Wittenberg studiert, kehrt an den dänischen Königshof zurück, weil sein Vater gestorben ist, und seine Mutter sehr bald nach dem Tod den Bruder des Verstorbenen geheiratet hat. Hamlet vermutet, dass sein Vater vom neuen Herrscherpaar umgebracht wurde, und eine nächtliche Erscheinung bestätigt seinen Verdacht: Der tote Vater selbst tritt als Geist auf, berichtet von seiner Ermordung und bittet seinen Sohn, das Verbrechen zu rächen, aber die Mutter dabei zu schonen.

Hamlet gelobt Rache, zögert aber jede Aktion durch ständiges Grübeln und wunderliches Betragen hinaus. Es gehört zu den großen Künsten Shakespeares, dass er, als Meister der Widersprüche, imstande ist, ein spannendes Rachedrama um einen Haupthelden herum zu bauen, der vor allem darüber nachdenkt, warum er sich nicht zu einer Tat aufraffen kann. Und so scharfsinnig Hamlet auch räsoniert, so rätselhaft bleibt doch seine Passivität für alle anderen.

Es ist auch keineswegs gesagt, dass er sich selbst ganz und gar versteht. Aber gerade diese Unergründlichkeit macht die Rolle zur Herausforderung für Darsteller und Regisseure: Die berühmtesten und begabtesten Schauspieler (und seit dem 19. Jahrhundert auch zunehmend Schauspielerinnen) haben sich mit der Rolle des geheimnisvollen Prinzen beschäftigt, und damit eine der markantesten Theatergestalten kreiert, die unter anderem jene berühmte "To be or not to be"-Überlegung über das Weiterleben nach dem Tod deklamiert, in der es in Erich Frieds Übersetzung unter anderem heißt:

"[ . . .] Wer trüg die Last,

Und stöhnt’ und schwitzt’ unter der Müh des Lebens,

Wenn nicht das Graun vor etwas nach dem Tod,

Dem unentdeckten Land, aus dem kein Wandrer

Zurückkommt, unsern Willen ratlos machte,

So dass wir lieber unsre Übel tragen,

Als fliehn zu anderen, die wir nicht kennen?

So macht Bedenken jeden von uns feige" [. . .]

"Thus conscience does make cowards of us all" - so heißt der letzte Satz im englischen Original. Aber Hamlet ist nicht nur durch zitierfähige Sätze berühmt, sondern auch durch seine tragische Handlungshemmung, mit der sich viele Individuen, aber auch ganze Nationalkulturen identifizieren konnten. Wie das 2014 erschienene "Hamlet Handbuch" ausführlich dokumentiert, bot der melancholische Prinz, der die Niederträchtigkeit des Herrschers durchschauen, aber nicht bekämpfen kann, gerade den Intellektuellen ein bedenkenswertes Role Model für die eigene Lage.

So brachte der Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath die gedrückte Stimmung Deutschlands 1844 auf die Formel "Deutschland ist Hamlet", und Vergleichbares findet sich auch in anderen Sprachen. Wir haben es beim "Hamlet" also mit einem Kunstwerk zu tun, dessen Wirkungen weit über den theatralischen Raum hinausreichen. Besseres lässt sich über ein Stück Literatur kaum sagen.

Der Dramatiker Shakespeare hat auch formvollendete Sonette geschrieben, aber ein nennenswerter Prosatext aus seiner Feder ist nicht bekannt. Cervantes hingegen versuchte sich zwar gelegentlich als Dramatiker, ist aber - schon seinen Zeitgenossen und erst recht der Nachwelt - vor allem als Prosaist ein Begriff. Seine "Exemplarischen Novellen" ("Novelas ejemplares") gelten bis heute als Musterbeispiele der Gattung Novelle, und dass sein "El Ingenioso Hidalgo Don Quixote de la Mancha" den Beginn der modernen Romanliteratur markiert, ist in der Literaturwissenschaft unumstritten: Teils lustig, teils tiefsinnig und durchwegs höchst kunstvoll bereitet der Roman so gut wie alle Erzähltechniken der Moderne auf seine Weise vor.

Ritterlicher Zweikampf

Der Romanist Hans-Jörg Neuschäfer hat in einem instruktiven Aufsatz über das Buch angemerkt: "In der Tat ist die Meisterschaft, mit der Cervantes all das bereits ins Spiel bringt, was der heutigen Literarästhetik teuer ist - Autoreflexivität, Intertextualität, Dialogizität, ironisch gebrochene Beglaubigungsstrategien, komplexe Erzähltechniken -, schier unglaublich."

Wenigstens ein Kunststück des eleganten literarischen Spielers Cervantes sei kurz vorgestellt: Der Erzähler arbeitet mit der Fiktion, er habe die Geschichte des Don Quijote nicht erfunden, sondern in alten Schriften gefunden. Das ist die von Neuschäfer erwähnte "Beglaubigungsstrategie".




zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-22 14:35:09
Letzte Änderung am 2016-04-22 14:42:21


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Worin Stephan Schulmeister irrt
  2. Tragödie am Genfersee
  3. Waren, die an Wert gewinnen
  4. Endlose Gier
  5. "Mein Motto: Der Weg entsteht im Gehen"
Meistkommentiert
  1. Tragödie am Genfersee
  2. Waldhüter und Korallengärtner
  3. Endlose Gier
  4. Waren, die an Wert gewinnen
  5. Worin Stephan Schulmeister irrt

Werbung




Werbung