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Update: 30.05.2016, 08:27 Uhr

Zeitungsgeschichte

Kaiser, Sex and Crime




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Von Anton Holzer

  • Jahrzehnte war "Das interessante Blatt" Österreichs größte Wochenillustrierte.

Ein Blick in die Zeitungsdruckerei im Jahr 1897. - © Archiv Anton Holzer

Ein Blick in die Zeitungsdruckerei im Jahr 1897. © Archiv Anton Holzer

Seit über 130 Jahren stehen die großformatigen Bände im Regal. Hinter den festen Pappdeckeln verbergen sich tausende, ja zehntausende Zeitungsseiten, fein säuberlich nach Tag und Jahr geordnet.

Hier sieht man die Auslieferung des "Interessanten Blattes" im der Wiener Schulerstraße im Jahr 1884.

Hier sieht man die Auslieferung des "Interessanten Blattes" im der Wiener Schulerstraße im Jahr 1884.© Archiv Anton Holzer Hier sieht man die Auslieferung des "Interessanten Blattes" im der Wiener Schulerstraße im Jahr 1884.© Archiv Anton Holzer

Nehmen wir einen der Folianten zur Hand, sagen wir aus dem Jahr 1908, und blättern hinein in die Zeitung mit dem für heutige Ohren merkwürdigen Titel "Das interessante Blatt". Wir begegnen dem österreichischen Kaiser und seiner Entourage. Wir stoßen auf Berichte von Unglücksfällen und Katastrophen, lesen von spektakulären Raubüberfällen und Morden. Berichtet wird über Festlichkeiten und Sehenswürdigkeiten, über Sportler und ihre Wettkämpfe, über Bühnenstars und Adabeis.

Information

Anton Holzer, geboren 1964, Fotohistoriker, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte", lebt in Wien. Zuletzt erschien im Primus Verlag, Darmstadt, sein Buch: "Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus". www.anton-holzer.at

Im hinteren Teil jeder Ausgabe werden auf den Reklameseiten allerlei Wundermittel, Rezepturen und Alltagsprodukte angepriesen: Lederhosen, billige Bettfedern, Haarwuchsmittel, Haarentfernungsmittel, "Gummiprodukte" für den Herrn, Magen- und Hustensäfte, Bücher und Briefmarken, Werkzeuge und Grabsteine, Wäsche und Korsetts, Nervenmittel, Harmonikas , Grammophone und vieles andere mehr. So haben wir uns die Boulevardberichterstattung anno 1908 vorzustellen.

Kulturgeschichte in Bildern

Sollen wir die Zeitung gleich wieder zumachen und die schweren Bände zurück ins Regal stellen? Nein, bloß nicht! Allzulange haben die Historiker naserümpfend die Boulevardpresse und erst recht die fotografische illustrierte Bilderpresse links liegen lassen, wenn es darum ging, die Kulturgeschichte vergangener Tage zu rekonstruieren.

Das weit über Österreich hinausreichende Interesse an "Wien um 1900" etwa beschränkte sich häufig auf die Entwicklungen der Hochkultur. Im Blick waren vor allem Musik und Literatur, Kunst und (ehrbarer) Journalismus, Architektur und Philosophie, Theater und Psychoanalyse. Aber lassen sich manche gesellschaftliche Entwicklungen vergangener Jahre, etwa das Verhältnis der Geschlechter oder die Faszinationen der Massen für den Sport, nicht viel besser vom Boulevard weg rekonstruieren?

Können nicht auch die Berichte über aufsehenerregende Raubüberfälle, laszive Vergnügungen im Prater oder frühe Automobilrennen am Semmering spannende kulturhistorische Hinweise bieten? Wenn das so ist, dann kommen wir an der Populärberichterstattung des "Interessanten Blattes" nicht vorbei.

Wieso? Weil die 1882 gegründete und 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, eingestellte Zeitung die am längsten erscheinende, auflagenstärkste und bei weitem wichtigste Wochenillustrierte der Monarchie und der Ersten Republik war. In ihren Texten und vor allem Bildern bietet dieses Blatt erstaunliches, bisher allzu wenig beachtetes Anschauungsmaterial zur Geschichte und Alltagsgeschichte Österreichs.

Als ich vor einigen Jahren in einem Forschungsprojekt die Geschichte des österreichischen Fotojournalismus untersuchte, verbrachte ich viel Zeit in den Lesesälen der Österreichischen Nationalbibliothek. Monatelang beschäftigte ich mich auch mit dem "Interessanten Blatt", das für Generationen von Fotojournalisten das unumstrittene Flaggschiff der österreichischen Bilderpresse darstellte. Im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek sind alle Bände der Wochenillustrierten aufbewahrt. Eine so wichtige Zeitung, möchte man meinen, sollte man auch in zahlreichen anderen Bibliotheken finden. Dem ist allerdings nicht so.

Es ist wohl der Geringschätzung der Boulevardpresse insgesamt zu verdanken, dass das "Interessante Blatt" - so wie viele andere illus-trierte Zeitungen auch - sehr oft leichtfertig entsorgt wurde. Daher finden wir es heute in nur sechs öffentlichen Bibliotheken Österreichs, in Deutschland gar nur in zwei. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Auflage des Blattes bereits vor 1900 in die Zehntausende ging.

Wer heute in den Seiten des "Interessanten Blattes" und anderer österreichischer Zeitungen blättern will, muss seinen Schreibtisch freilich nicht mehr verlassen. Der digitale Zeitungslesesaal ANNO (AustriaN Newspapers Online: http://anno.onb.ac.at/) der Österreichischen Nationalbibliothek ermöglicht es, bequem und kostenlos von zu Hause aus in historischen Zeitungen und Zeitschriften zu blättern, unter anderem auch im "Interessanten Blatt". Inzwischen sind auf ANNO mehr als 15 Millionen Zeitungseiten online zugänglich.

Aufschwung der Boulevardpresse

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts befand sich die Zeitungswelt in Wien, aber auch in anderen europäischen und amerikanischen Metropolen im Umbruch. Neben den klassischen Tageszeitungen tauchten nun neuartige, populär aufgemachte Zeitungen auf, die sich an ein breites Massenpublikum wandten. Diese billigen, in hohen Auflagen gedruckten Blätter finanzierten sich großteils über Anzeigen.

Trendsetter waren die amerikanischen Massenblätter "New York Herald" oder "New York Tribune", die bereits ab den 1860er Jahren enorme Auflagensteigerungen verzeichneten. Die "New York World", das Tabloidblatt des aus Ungarn stammenden Joseph Pulitzer, brachte es um 1900 auf eine Auflage von 1,5 Millionen. Zum Vergleich: 1870 wurden in den USA täglich 2,6 Millionen Zeitungen verkauft, bis 1900 schnellte der Absatz auf über 15 Millionen hoch.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-05-27 13:32:10
Letzte Änderung am 2016-05-30 08:27:48


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