• vom 11.06.2016, 17:00 Uhr

Vermessungen

Update: 13.06.2016, 16:06 Uhr

Kunst der Moderne

Mysterien im Hauptbahnhof




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Joseph Beuys war im späten 20. Jahrhundert einer der bekanntesten Künstler. Was ist - 30 Jahre nach seinem Tod, 95 Jahre nach seiner Geburt - von der Faszination seiner Kunst geblieben?



Er sagte nie von sich, er sei ein Kunstschamane, sehr wohl aber verwendete er in Interviews den Begriff "Hasomane" und agierte mit Tieren in seinen Fluxus-Aktionen. Auch mit Gesten und seinem eine Kopfverletzung schützenden Hut arbeitete er - genau, wie es die Wissenschaft für die Schamanen beschreibt: Joseph Heinrich Beuys (1921-1986) beunruhigte die Gemüter in Europa um 1970. Dreißig Jahre nach seinem Tod, zu seinem 95. Geburtstag, stellt sich die Frage, was von dem Revolutionär geblieben ist, der locker, passend zu seiner Zeit, aussprach: "Jeder Mensch ist ein Künstler" und "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt".

Information

Brigitte Borchhardt-Birbaumer ist freie Kunsthistorikerin und -kritikerin, Kuratorin, Lektorin an der Akademie der bildenden Künste und am Reinhardt-Seminar.

Die Preise seiner Kunstwerke schwanken stark, und auch der Streit um den Neuaufbau seiner Installationen wütet heftig. Manche meinen, keine Rekonstruktion käme an seine Vorgaben heran, noch die beste bliebe seelenlos. Sein früherer Wegbegleiter Bazon Brock verlangt radikal die Entsorgung aller Relikte, die der charismatische Performer Beuys hinterlassen hat. Dann blieben nur mündliche Überlieferung, Fotos und Filme, auch viele Zeichnungen skizzieren die Grundideen seiner Kunsterweiterung als "soziale Plastik". Das Wegwerfen scheint aber doch maßlos übertrieben, denn es gibt nicht nur wunderbare Papierarbeiten des Künstlers, sondern auch viele Bespiele für neue, arme Materialien in der Kunst nach 1945, die für Generationen entscheidend waren.

Schwellenkunst

Die postkoloniale wie die postfeministische Kunsttheorie bezichtigt Beuys heute, er habe mit seinen Amazonen- und Schamanenmotiven aus dem Osten traditionelle Motive des Anderen konstruiert und sie in aktuelle Ästhetik transferiert. Doch sind seine Arbeiten keine Mogelpackungen, sie stehen zwischen klassischer Moderne und Nachmoderne. Wächter auf Schwellen zwischen den Welten waren ehedem die Schamanen, dessen war sich Beuys bewusst. Sein Superstarkult hatte mehr Macho-Züge als der von Andy Warhol, aber seine Vorstellung, die Kunst könne einen negativen in einen positiven Führer verwandeln und damit zur Gesellschaftsreform beitragen, weist viele Brüche auf, sodass sie keinerlei rassistische oder andere Stereotypen fortschreibt.

Beuys hat nie verleugnet, bei der Hitlerjugend und in der Wehrmacht als Funker und Kampfflieger tätig gewesen zu sein; jedoch hat er in den dreißiger Jahren auch Bücher Thomas Manns, Carl von Linnés und einen Katalog mit Werken von Wilhelm Lehmbruck vor der Verbrennung bewahrt und auf der Krim sein theosophisches Kräuterwissen für die Speisung aller eingesetzt.

Neueste Biografien werfen ihm den Verkauf von Werken an Sammler vor, die wie er mit dem Nationalsozialismus taktierten, und bezweifeln seine künstlerische Biografie. Besonders verlogen erscheint sein Bericht über seinen Absturz als Kampfflieger der Wehrmacht: Die Tataren hätten ihn gerettet und seine Schädelverletzung im Winter durch Einwickeln seines Körpers in Fett und Filz geheilt.

Künstlerische Freiheit steht aber gerade Beuys zu, den Verbote der Nationalsozialisten ebenso wenig erreichten wie deren Auffassung von "Entarteter Kunst". Lehmbruck war als fiktiver Lehrer für ihn wichtiger als Ewald Mataré, der ihn ab 1948 in Bildhauerei an der Düsseldorfer Akademie unterrichtete.

Beuys’ Mythen entsprechen nicht den "individuellen Mythologien", von denen Harald Szeemann sprach, doch seine Vielstimmigkeit machte ihn für alle Großausstellungen unentbehrlich. Er sah sich als Anarchist - ähnlich dem Baron Jean Baptiste Cloots aus Kleve, der sich als führender Kopf in der Französischen Revolution nach einem der sieben Weisen der griechischen Antike, Anacharsis Cloots nannte. Diesem von Robespierre geköpften Denker eines Staates für das Menschengeschlecht widmete Beuys 1976 auf der Biennale in Venedig sein Hauptwerk "Straßenbahnhaltestelle", eine komplexe Installation, die durch Erdaushub unterirdisch Kleve und Venedig verbinden sollte.

Sympathien für Karl Marx, Rudolf Steiner und Otto Muehls Kommune sind zeitbedingt - einer gewissen Rückwärtsgewandtheit von Gesellschaftsmodellen stehen ahnungsvolle Blicke in die Zukunft gegenüber, entsprechend seinem Spruch von 1980: "Man soll nie zu weit in die Geschichte hineinschauen, nie mehr als 500 Jahre in die Zukunft". Regression ist somit immer auch Progression, Beuys bleibt ein Meister der Ambiguität, die in der nachmodernen Kunst bis heute regiert.

Kult und Gegenwart

Es waren tausende Jahre, prähistorische Höhlenzeichnungen und keltische, auch auf Skythen und Tataren erweiterte Sonnen-, Baum- und Tierkulte, die Beuys in seine Aktionen, Zeichnungen und Vitrinen integrierte und mit aktuellen Ereignissen in Europa und den USA konfrontierte. Den Fall der Mauer erlebte er nicht mehr, doch sein ironischer Vorschlag von 1964, diese um fünf Zentimeter wegen besserer Proportion zu erhöhen, spricht für sich.

Thomas Zaunschirm hat auf das Multiple "Cosmos und Da-
mian" hingewiesen, das die beiden Stahltürme des World Trade Center in New York wegen ihrer kapitalistischen Kälte mit Margarinefett überzogen zeigt, darüber geschrieben die Namen zweier christlicher Märtyrer und Heiler aus dem ehemaligen Bulgarien. (Den richtigen Namen "Cosmas" hat Beuys bezeichnenderweise in "Cosmos" geändert.) Ein Vierteljahrhundert vor 2001 ist das von nicht geringer Brisanz.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-10 16:50:10
Letzte Änderung am 2016-06-13 16:06:48


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein fast perfekter Mord
  2. Der alte Goethe, der Göthé hieß

Werbung




Werbung