• vom 18.08.2016, 18:00 Uhr

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Update: 14.11.2016, 14:26 Uhr

Soziologie

Soziales Leben als organischer Prozess




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Von Georg Witrisal

  • Erinnerung an den Wiener Soziologen Rudolf Goldscheid, der aufgrund seiner "biologistischen" Sichtweise zu einem Außenseiter in der Sozialwissenschaft wurde. Nicht ganz zu recht.

Rudolf Goldscheid (oben links) auf einem Bild in der "Vossischen Zeitung" aus dem Jahr 1930.

Rudolf Goldscheid (oben links) auf einem Bild in der "Vossischen Zeitung" aus dem Jahr 1930. Rudolf Goldscheid (oben links) auf einem Bild in der "Vossischen Zeitung" aus dem Jahr 1930.

Der Wissenschaftsbetrieb ist oft unerbittlich, gerade gegenüber seinen Randfiguren: Selbst wer mit pointierten und engagierten Beiträgen eine Zeit lang viel Aufmerksamkeit - und mitunter noch mehr Anfeindungen - auf sich zieht, darf nicht darauf vertrauen, auch in Zukunft noch ernsthaft gelesen zu werden. So erging es etwa Rudolf Goldscheid (1870-1931), einem der Gründerväter der deutschsprachigen Soziologie, dessen Werk zwar nicht ganz zu Unrecht keinen Eingang in den Kanon der klassischen sozialwissenschaftlichen Literatur gefunden hat, dessen frühe alternative soziologische Perspektive aber auch nicht leichtfertig marginalisiert oder gar übersehen werden sollte.

Für den Wiener Sozialphilosophen, Ökonomen, Friedens-, Menschenrechts- und Vereinsaktivisten war es - wie für viele seiner Zeitgenossen - ganz selbstverständlich, die evolutionär entstandenen psychosozialen und physiologischen Grundbedingungen der menschlichen Existenz im Nachdenken über das gesellschaftliche Zusammenleben zu berücksichtigen. Obwohl ihn dieses Interesse an bestimmten materiellen Voraussetzungen des Sozialgeschehens keineswegs als seriösen Wegbereiter der Soziologie disqualifiziert und er maßgeblich an ersten Institutionalisierungsbemühungen beteiligt war, wird Goldscheid im Diskurs unserer Tage, wenn überhaupt, zumeist nur mehr als wissenschaftlicher Außenseiter wahrgenommen. Tatsächlich brachte er es als unangepasster und gelegentlich recht rebellischer Querkopf trotz seiner stupenden Belesenheit nie zu einem Universitätsabschluss, aber als umtriebiger und vielgelesener Privatgelehrter fungierte er dennoch 1907 als Initiator der Wiener "Soziologischen Gesellschaft" und 1909 als der entscheidende Impulsgeber für die Gründung der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie".


"Menschenökonomie"
Die Ursache für das Schwinden von Goldscheids Ansehen in den Jahrzehnten nach seinem Tod ist vor allem in der wissenschaftstheoretischen Orientierung seines Werks zu suchen, das in auffälligem Kontrast zu Max Webers allgemein anerkannter Forderung nach "Wertfreiheit" wissenschaftlichen Arbeitens von ethischen Wertungen und davon abgeleiteten politischen Forderungen bestimmt ist. Diese treten insbesondere in dem als "Menschenökonomie" bezeichneten kulturdarwinistischen Modell zutage, das ganz im Sinne einer nicht nur von Positivisten und Neopositivisten, sondern in neuerer Zeit auch von vielen Vertretern der sogenannten "Lebenswissenschaften" geforderten "Einheit des Wissens" auf einer Synthese von Sozial- und Naturwissenschaften beruht. Das Kernanliegen der Menschenökonomie ist dabei der schonende Umgang mit dem "organischen Kapital" Mensch, um so eine fortwährende "Höherentwicklung" der Menschheit gemäß den "Gesetzmäßigkeiten" einer - höchst spekulativen - "Sozialbiologie" zu gewährleisten.

Aus soziologiehistorischer Perspektive ist Goldscheids Name also untrennbar mit dem sich ab 1909 intensivierenden Werturteilsstreit verbunden. Die methodischen bzw. wissenssoziologischen Differenzen zu der von Max Weber angeführten Konfliktpartei, die für einen konsequenten Verzicht auf politische Stellungnahmen und Handlungsanweisungen durch die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung plädierte, wären dabei durchaus überwindbar gewesen - denn dass Wissenschaft nie ohne persönliches Interesse und Hingabe an den Forschungsgegenstand stattfindet, und dass auch Wissenschafter ihre persönlichen Werthaltungen nie vollständig ausblenden können, wurde von keiner der beiden Seiten bestritten.

Unmöglich war eine Einigung jedoch in der Frage der prinzipiellen Ausrichtung der Soziologie. Goldscheid verstand es als die "Aufgabe der Sozialwissenschaft, die Zwecke menschlichen Gemeinschaftslebens objektiv zu bestimmen", um die oft unbefriedigenden Ergebnisse der quasi "natürlichen" historischen Ursachenverkettung zu durchbrechen und diese in eine bewusst gesteuerte "menschlich-teleologische" Entwicklung zu transformieren. So sollte eine regelrechte Höherentwicklung der menschlichen Spezies in kultureller, ethischer, intellektueller und sogar physischer Hinsicht ermöglicht werden.

Aber nicht allein aufgrund dieses überspannten Maximalziels gilt Goldscheids Sozialphilosophie heute als weitgehend diskreditiert. Ein ebenso charakteristischer wie problematischer Aspekt seines Denkens ist auch das erwähnte Bestreben, auf Grundlage der Naturwissenschaften die im Prozess der disziplinären Spezialisierung verlorengegangene "Einheit" der Wissenschaft wiederherzustellen und solchermaßen Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften durch Erkenntnisse der Biologie und der Physik anzureichern.

Nähe zu Lamarck
Weil jede gründlich betriebene Soziologie früher oder später an einen Punkt gelange, an dem "das Leistungsvermögen der statistischen wie der geisteswissenschaftlichen Methode zu Ende" sei und "allein die naturwissenschaftliche Methode fruchtbare Einsichten zu verschaffen vermag", sprach er sich dafür aus, das soziale Leben, "wie das Leben überhaupt", als einen "organischen Prozess" zu begreifen: "Die biologische Erforschung der gesellschaftlichen Phänomene ist darum eine ganz selbstverständliche Forderung, und ihr gegenüber von einem Einbruch der Naturwissenschaft in die Geisteswissenschaft reden, heißt das primitivste Verständnis für die Probleme, um die es sich hier handelt, vermissen lassen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-18 18:05:06
Letzte Änderung am 2016-11-14 14:26:26


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