• vom 28.01.2017, 14:00 Uhr

Vermessungen

Update: 14.05.2018, 23:26 Uhr

Geschichte der Raumfahrt

Katastrophenjahr der Raumfahrt




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Eigentlich müsste jetzt schon die nächste Sojus hochsteigen, und zwar mit drei Kosmonauten an Bord. Die Schiffe sollen im Orbit aneinander ankoppeln. Dann werden zwei Passagiere der Sojus 2 aussteigen und in Komarows Sojus 1 überwechseln. Ein derartiges Umsteigemanöver wäre eine Premiere, ja eine Sensation - und Voraussetzung für spätere sowjetische Mondlandungen. Doch angesichts der Pannen, mit der Komarow zu kämpfen hat, sagt man den Start der baugleichen Sojus 2 ab; vorgeblich wegen starken Regens. Das wird zumindest deren Besatzung vor dem Schlimmsten bewahren.

Bloß runter!

Jetzt gibt es nur noch ein einziges Ziel: Die Sojus 1 rasch wieder auf den Erdboden bringen. Komarow richtet das Schiff abermals an der Sonne aus. Während er in die Nacht hinein fliegt, halten Gyro-skope die Lage des Schiffs stabil. Komarow zündet das Bremstriebwerk. Dann taucht seine Sojus in die Lufthülle ein. Sie schießt auf Orsk zu, unweit der Grenze zu Kasachstan.

In etwa zehn Kilometern Höhe löst ein Drucksensor die dreiteilige Fallschirmsequenz aus. Der erste Schirm soll den zweiten, der zweite den noch größeren dritten aus dem Behälter ziehen. Doch Schirm Nummer 2 scheitert an seiner Aufgabe. Der Hauptfallschirm verharrt im Container. Da die Kapsel zu rasch fällt, aktiviert die Automatik den Reservefallschirm, 5500 Meter über Grund. Doch der entfaltet sich nicht, weil ihm die Leinen des gescheiterten Schirms Nummer 2 in die Quere kommen.

So schlägt die Sojus mit etwa 130 km/h in den Boden ein. Ihre kleinen Bremstriebwerke explodieren dabei. Das arg zusammengestauchte Gefährt brennt. Augenzeugen eilen herbei und bewerfen es mit Erde, um die Flammen zu ersticken. Rasch ist das Bergungsteam zur Stelle. Zunächst findet man Komarow nicht. Doch dann stößt man im Wrack auf einen unregelmäßig geformten schwarzen Klumpen, etwa 30 mal 80 cm klein. Der Kosmonaut ist beim Aufprall getötet wurden, als erster Mensch während eines Raumflugs. Man setzt seine Asche in der Kremlmauer bei.

Wie die Untersuchungen ergeben, war wohl der Fallschirmcontainer beim Aufbringen des Hitzeschilds nicht korrekt abgedeckt gewesen. Harzpartikel verklebten seine Wände und machten sie rau. Die erhöhte Reibung reichte, um das Ausfahren des Hauptfallschirms zu vereiteln. Das Behältnis wird daraufhin vergrößert; seine Wände poliert. Juri Gagarin erhält Flugverbot: Diese Ikone ist zu wertvoll, um sie Risiken auszusetzen. Bemannte Weltraummissionen ruhen weitere 18 Monate.

Die NASA hat mittlerweile den Umbau ihrer Apollo-Schiffe in Auftrag gegeben. Kostenpunkt: 75 Millionen US-Dollar. Die neue Luke geht nach außen auf. Sie lässt sich von der Schiffsbesatzung binnen zehn Sekunden öffnen. Die erste bemannte Apollo wird aber erst am 11. Oktober 1968 aufsteigen, mit 20 Monaten Verspätung. Zwei Wochen danach bringt die Sowjetunion endlich auch ihre zweite bemannte Sojus ins All.

Treffen in Paris

Schon im Mai 1967 begegnen einander sowjetische und amerikanische Raumfahrer auf der Pariser Luftfahrtschau - und zwar informell. Zunächst spazieren die Amerikaner am sowjetischen Pavillon vorbei. Sie werden von ihren russischen Kollegen erkannt und sofort willkommen geheißen.

Um dem Medienrummel zu entfliehen, zieht man sich in einen Jet vom Typ Tupolew Tu-104 zurück. Einer der vier Männer ist der Gemini-8-Pilot David Scott; er war lange Zeit auch in der Ersatz-Crew von Apollo 1 gewesen. Scott genießt die ungezwungene Atmosphäre und die herzlichen Gespräche mit den Russen. Technische Fragen werden aber nur vorsichtig angesprochen. Niemand will als allzu neugierig gelten.

Auch die Umstände der beiden Unfälle sind kein Thema. Man erkundigt sich lediglich nach dem Befinden der Witwen. Dann stoßen die Raumfahrer, so Scott, "auf die Hoffnung an, dass es auf beiden Seiten keine weiteren Unfälle mehr geben werde". Sie erfüllt sich nicht. Zwischen 1971 und 2014 sterben noch 18 weitere Menschen an Bord von Raumfahrzeugen.


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Dokument erstellt am 2017-01-27 13:48:14
Letzte Änderung am 2018-05-14 23:26:42


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