• vom 04.02.2017, 16:00 Uhr

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Stadtporträt

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Von Thomas Leitner

  • Nizza, das im vergangenen Jahr Schauplatz eines grauenhaften Attentats war, ist eine wahrhaft europäische Stadt, die sich nun um die Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe bemüht.

Das Meer, die "Promenade des Anglais" und die Altstadt. - © Thierry Monasse/Corbis News/Getty Images

Das Meer, die "Promenade des Anglais" und die Altstadt. © Thierry Monasse/Corbis News/Getty Images

Zuweilen entsteht der Eindruck, als hätten die mörderischsten Narren im politischen Geschehen unserer Zeit paradoxerweise ein besonders sicheres Auge dafür, wo Europa als kontinuierlich gewordene Identität am empfindlichsten zu treffen ist. So auch, als der Terrorist, der am 14. Juli auf Nizzas Promenade des Anglais in die feiernde Menge zur Fête nationale raste und 85 Menschen tötete. Ort und Zeit waren infam präzise gewählt - ist doch die Grafschaft um die seit Jahrhunderten sich entwickelnde Hauptstadt des Tourismus erst nach einer Volksabstimmung 1860 vom Königreich Sardinien-Piemont an Frankreich abgetreten worden. So stellt dieser völkerrechtliche Akt den Abschluss im Werden der französischen Nation dar.

Die Geschichte Nizzas und seiner einzigartigen Uferpromenade zeigt andererseits, dass es ein wahrhaft europäisches Zusammenspiel war, das zu den sich stets wandelnden Strukturen dieses faszinierenden Ganzen aus vitaler Urbanität und mondänem Tourismus führte.

Information

Thomas Leitner, geboren 1953, Jura- und Philosophiestudium in Paris und Wien (Assistent für Europäische Rechtsgeschichte), führte Wiens französische Buchhandlung und ist Literaturkritiker

In einer sorgfältig aufgebauten, hervorragend dokumentierten Initiative betreiben die städtischen Institutionen seit einigen Jahren die überfällige Aufnahme der Promenade des Anglais in die UNESCO-Liste des geschützten Weltkulturerbes. Die dazu gegründete "Mission" wird von prominenten Kulturpolitikern geleitet; wie Jean-Jacques Aillagon, ehemals französischer Kulturminister, und François Laquièze, der in Wien als langjähriger und erfolgreicher Leiter des französischen Kulturinstituts bekannt ist.

Kultur und Landschaft

Dabei beruft man sich vor allem auf drei der sechs Kriterien, die für die Unterschutzstellung durch die UNESO gefordert werden und auf Nizza besonders zutreffen. Die zu schützenden Güter sollen

1. ein bedeutender Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf die Entwicklung von Architektur (. . .), Städtebau oder Landschaftsgestaltung sein;

2. einen besonderen Typus von architektonischen Ensembles in einem wichtigen Abschnitt der Geschichte versinnbildlichen;

3. in diesem Zusammenhang mit überlieferten Lebensformen von universeller Bedeutung verknüpft sein.

Was in diesen offiziellen Formulierungen etwas penibel und schwerfällig klingt, lässt sich in Nizza lebendig zeigen. Im vergangenen Jahr fand eine Reihe von Ausstellungen statt, die dies illustrieren sollten, der dazu erschienene, reich bebilderte Begleitband legt davon Zeugnis ab ("Promenade(S) des Anglais", Lienart éditions).

Begonnen hat diese singuläre Entwicklung, wie der Tourismus allgemein, natürlich mit den Engländern. Seit der Renaissance waren Bildungsreisen in aristokratischen Zirkeln durchaus üblich gewesen, in der Aufklärung und dem damit erwachenden Interesse an fremden Kulturen war in England "Le Grand Tour" endgültig zu einem fixen Bestandteil des adeligen Lebens geworden.

Dabei wuchs allmählich auch die Empfänglichkeit für landschaftliche Reize und klimatische Annehmlichkeiten. So entdeckten die vornehmen Travellers nach und nach die Attraktivität des mediterranen Winters, und gleichzeitig entstand in ihren Köpfen das landschaftliche Ideal der "Riviera" - bezeichnenderweise ein so nur im Englischen vorkommendes Kunstwort mit romanischen Wurzeln: ein blühender Küstenstreifen, gerahmt von lieblichen Hügeln, ja im Idealfall Berggipfeln, im Winter schneebedeckt.

All das bot die Bucht von Nizza. Noch dazu gab es hier ein sich im aufgeklärten Absolutismus der savoyardischen Dynastie entfaltendes, überschaubares Gemeinwesen, dessen oberste Behörde den klingenden Namen Consiglio d’Ornato trug. Gleich mehrere Vorzüge kamen so zusammen. Dem Namen der Obrigkeit Rechnung tragend, geschah die Stadtentwicklung unter durchaus ästhetischen Gesichtspunkten; trotz des gebirgigen Hinterlandes war im Schwemmland der Paillon-Mündung reichlich Platz für urbane Erweiterung vorhanden - und, auch nicht ganz unwesentlich im Rahmen nationaler Sympathien und Antipathien: das Ganze war nicht französisch.

So wurden denn schon im 18. Jahrhundert aus Reisenden allmählich Touristen. Und aus Touristen Überwinternde (die Winter setzte man von Oktober bis Mai). Das zunächst ausschließlich britische Publikum mietete sich mit der ganzen Familie bei einheimischen Adeligen ein. Nach und nach entstanden zu diesem Zweck immer mehr Villen und Palazzi: das Stadtviertel New Borough nahm Konturen an. Man konnte all das, was man an der Küste in und um Brighton eben erst entwickelt hatte, in eine klimatisch (noch) freundlichere Umgebung verpflanzen. Englische Privatinitiative war es denn auch, die hier etwas ganz Neues schuf: einen Weg, der nirgends hin führte, sich allein Zweck war.

Dieser Camin dei Angles, wie die Einheimischen ihn in ihrem bis heute noch bestehenden Idiom des Nissart nannten, war zunächst nichts als ein Saumpfad, in Nähe der noch ungestalteten Küste, parallel zur Straße nach Frankreich. Sein Schöpfer, ein englischer Pastor, besaß Charity-Erfahrung genug, diese Konstruktion als Akt der Wohlfahrt auszugeben. Die in Wintern nach schlechten Erntejahren notleidenden Tagelöhner sollten die Möglichkeit erhalten, sich ein Zubrot zu verdienen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-03 13:09:05
Letzte Änderung am 2017-02-03 13:15:21


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