• vom 25.03.2017, 16:11 Uhr

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Mitteleuropa

Werden die Karten neu gemischt?




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Spaltung Europas

Dass Großbritannien, der einzige Partner Frankreichs im historischen Ringen gegen die deutsche Hegemonie, auf dem Wege ist, die EU zu verlassen, macht die Sache nicht leichter - im Gegenteil. Vor diesem Hintergrund bleiben Paris lediglich zwei Optionen: Entweder Frankreich akzeptiert seine neue Rolle als Juniorpartner und trägt den Gaullismus, der das Land bisher zusammengehalten hatte, zu Grabe, oder es kommt tatsächlich zum Frexit, dem Austritt aus der EU und dem Euro.

Wahrscheinlich ist wohl Zweiteres. Die Konsequenz wäre eine Spaltung Europas: Einerseits würden die ebenfalls unter der deutsch-europäischen Sparpolitik leidenden Staaten Spanien, Italien und Griechenland wohl bald dem Beispiel Frankreichs folgen und ihr Heil in einer "Mittelmeer-
union" suchen. Andererseits könnten auch die skandinavischen Staaten eine größere Distanz zur EU einnehmen und sich in Rückbesinnung auf die gute alte EFTA von der Rest-Union emanzipieren.

Politiker Friedrich Naumann.

Politiker Friedrich Naumann.© Friedrich-Naumann-Stiftung, Archiv des Liberalismus Politiker Friedrich Naumann.© Friedrich-Naumann-Stiftung, Archiv des Liberalismus

Was von der EU bliebe, wäre eine Art zentraleuropäische Union unter deutscher Führung, die sich vom Baltikum bis zum Balkan erstreckt. Tatsächlich ist die Idee, den mittel- bis osteuropäischen Raum zu einer gemeinsamen Zoll- und Wirtschaftsunion zusammenzufassen, nicht neu - erinnert sie doch frappant an das "Mitteleuropa"-Konzept, das der deutsche Theologe und liberale Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann (1860-1919) im Jahr 1915 vorgelegt hat und das damals in der deutschen, aber auch in der österreichisch-ungarischen Bevölkerung große Resonanz gefunden hatte. Was dem Pastor vorschwebte, war ein vereintes, von Berlin aus regiertes "Mitteleuropa", das neben dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz auch die östlichen Nationen Polen, Serbien, Montenegro, Rumänien und Bulgarien umfassen sollte.

Was Naumann hier im Lichte deutscher Kriegszielpolitik konzipierte, könnte also in naher Zukunft auf friedlichem Weg Wirklichkeit werden. Zurufe aus den Nachbarländern gab und gibt es bereits: "Ein intensives Engagement der USA in die Sicherheit Europas kann seit langem nicht mehr gesichert werden, die Niederlande sind also wie nie zuvor an einem starken Deutschland interessiert", erklärte beispielsweise der holländische Außenminister Bert Koenders im Vorjahr. "Ich würde sagen, dass die Niederlande ausgerechnet Deutschland helfen sollten, die Verantwortung für seine führende Rolle in der EU zu übernehmen."

Noch deutlicher fiel der Appell seines polnischen Amtskollegen Radosław Sikorski 2011 aus: "Ich appelliere an die Deutschen, helft der EU überleben und sie erhalten. Euch ist es doch bewusst, niemand kann es besser machen. Ich bin wahrscheinlich der erste polnische Außenminister, der das sagt, aber hier ist es: Ich habe weniger Angst vor deutscher Macht, als ich anfange, mich vor deutscher Inaktivität zu fürchten. Die Deutschen sind für Europa ein unentbehrliches Volk geworden." (Diese Grundhaltung ist bis heute Teil der polnischen Politik. So hatte zwar Regierungschef Jarosław Kaczynski erst vor wenigen Tagen vor einem Europa der "zwei Geschwindigkeiten" gewarnt, gleichzeitig aber festgestellt, dass eine Lösung der europäischen Schuldenkrise ohne führende Rolle Berlins nicht möglich sein würde.)

Sikorski jedenfalls wusste, was er sagt. Dass er hier nicht Frankreich, das immerhin über Jahrhunderte ein enger Verbündeter Polens war, sondern Deutschland in die Verantwortung nimmt, bezeugt nicht nur den Niedergang der französischen Hegemonie am Kontinent, sondern hat vor allem einen altbekannten Hintergrund: Angst vor Russland. Es ist dies eine Angst, die Polen heute mit den meisten Staaten Osteuropas, die einst Satelliten der Sowjetunion waren und nun unter den Schirm der EU geflüchtet sind, teilt.

Ein Auseinanderfallen Europas würde diese Länder nicht nur wirtschaftlich treffen, sondern auch politisch. Immerhin ist die Gefahr, erneut unter den Einfluss Moskaus zu fallen, keine Theorie mehr - wie die Beispiele Ukraine und Georgien zeigen. Dessen war sich auch Friedrich Naumann bewusst. "Jetzt oder nie entsteht die Einheit zwischen Ost und West", notierte er, "entsteht Mitteleuropa zwischen Russland und den Westmächten." Es sieht danach aus.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-23 16:12:07
Letzte Änderung am 2017-03-23 18:20:55


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