• vom 14.05.2017, 10:00 Uhr

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Iran

Ein schleichender Exodus




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Seit 2008 gilt auch gesetzlich, dass der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion mit dem Tod bestraft werden kann: Der Abfall vom islamischen Glauben (Apostasie) ist Hochverrat. Gleich zwei Ministerien haben ein waches Auge auf religiöse Aktivitäten. Da kann es zu spürbaren Einschränkungen kommen.

Viele Angehörige religiöser Minderheiten - heimatliebende Iranerinnen und Iraner - sind angesichts dieser Umstände bereits ausgewandert, darunter auch viele junge Gläubige: weil es für sie nicht zuletzt zunehmend schwer wird bzw. unmöglich ist, Ehepartner zu finden, ohne mit dem islamischen Recht in Konflikt zu geraten. Der Exodus geht weiter.

Verlässliche Zahlen über die Zugehörigkeit zu den kleinen Religionsgemeinschaften gibt es kaum. Die Angaben zu den Zoroastriern schwanken zwischen 25.000 und 30.000, wobei große Teile der Glaubensgemeinschaft bereits seit dem Vordringen des Islam nach Indien ausgewandert und dort als Parsen bekannt sind.

Mit der Islamischen Revolution 1979 hat sich die Lebenssituation der Anhänger dieser alt-persischen Religion deutlich verschlechtert. Zoroastrier erleiden als Nicht-Muslime zahlreiche berufliche Benachteiligungen. Für sie ist es schwer, einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst zu finden, für höhere Bildungsabschlüsse werden sie oft nicht zugelassen.

Lebten in den siebziger Jahren noch rund 100.000 Juden im Iran, werden es heute etwa 10.000 sein. Der Vorwurf, Spione für Israel und sein "zionistisches Regime" zu sein, hat zu massiven Abwanderungen geführt. Die feindselige Stimmung hat nicht zuletzt Mahmut Ahmadinejad mit seiner Holocaust-Leugnung geschürt. Die Juden sind zwar als Religionsgemeinschaft anerkannt, aber trotzdem keine gleichberechtigten Bürger.

Präsident Hassan Rohani, der sich seit seinem Amtsantritt im August 2013 immer wieder von den anti-israelischen Äußerungen seines Vorgängers Ahmadinejad distanziert hat, hat auch Zeichen guten Willens gesetzt: Dem jüdischen Krankenhaus in der Hauptstadt Teheran hat er 2014 - anlässlich des 35. Jahrestages der Islamischen Revolution - umgerechnet knapp 150.000 Euro gespendet. Rohani wollte damit ein Zeichen gegen religiöse Diskriminierung in seinem Land setzen. In dem Krankenhaus werden auch Nichtjuden behandelt und viele Mitarbeiter sind Muslime.

Die Zahl der Christen - darunter nach vatikanischen Angaben 6000 Katholiken - wird auf rund 107.000 geschätzt, von Konvertiten, die in Hauskirchen im Untergrund leben müssen, gibt es nicht einmal Dunkelziffern. Klar: Denn die Verfassung sieht für Muslime keine Möglichkeit vor, ihre religiöse Überzeugung nach eigener Vorstellung zu wählen, zu konvertieren oder aufzugeben. Protestantische Gläubige und Evangelikale Bewegungen sind durch diese Rahmenbedingungen ebenso unter Druck, immer bedroht, bespitzelt oder verraten zu werden. Es ist ein Leben in ständiger Angst. Vielen Konvertiten bleibt keine andere Wahl, als das Land zu verlassen.

Der sunnitische Islam, dem vor allem Turkvölker und Kurden angehören, wird einigermaßen respektiert und den Anhängern steht es frei, ihre Glaubensform zu praktizieren. Allerdings haben die iranischen Behörden etwa keine sunnitischen Moscheebauten in Teheran erlaubt. Offensichtlich soll der schiitischen Staatsreli-
gion auch keine islamische "Konkurrenz" erwachsen.

Die "Abgefallenen"

Daher ist auch die Bahai-Religion selbst im privaten Bereich in ihrem Ursprungsland gänzlich verboten, weil die Anhänger dieser monotheistischen Offenbarungsreligion - eigentlich die größte religiöse Minderheit im Iran - als "Abgefallene" vom Islam gelten. Diese Religion ist im 19. Jahrhundert aus dem schiitischen Islam hervorgegangen und wurde in Teheran gegründet. Da sie jedoch nach dem Tod des Propheten entstanden ist, wird ihr keinerlei Existenzberechtigung zuerkannt und ihre Anhänger werden diskriminiert und unterdrückt.

Schließlich: Über die Jesiden im Iran sucht man vergeblich gesicherte Angaben. Sie müssen ihre Religionszugehörigkeit mehr oder minder geheim halten und leben ihren Glauben - vieles deutet darauf hin, dass er aus der persischen Mythologie, speziell aus dem Mithraskult, hervorgegangen ist - in Anonymität. Durch ihre strikte Endogamie, also Eheschließung nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft, ist der Weiterbestand als Glaubensgemeinschaft, die ausschließlich auf mündlicher Überlieferung beruht und die nicht missioniert, im Iran gefährdet. Im Irak haben bekanntlich die Massaker der Terroristen des Islamischen Staates der Existenz der zumeist nordkurdisch sprechenden jesidischen Minderheit schon 2014 schwer zugesetzt.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-12 16:15:06
Letzte Änderung am 2017-05-12 16:26:22


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