• vom 07.07.2017, 12:00 Uhr

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Update: 07.07.2017, 15:08 Uhr

Kulturgeschichte

Mythos Wald




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Ist der Wald für Thoreau ein Ort des unmittelbaren Erlebens, der Naturbeobachtung, doch auch ein Ort, der die Produktion gepflegter philosophischer Gedanken fördert, die zuweilen sehr tief sein können, wohlformuliert und teilweise von berückender Poesie, zuweilen hingegen die biedermeierliche Betulichkeit von Kalendersprüchen streifen, so ist der Wald für Jünger neben aller zugrundeliegender Erlebnishaftigkeit (Jünger war leidenschaftlicher Naturbeobachter und Insektenkundler) vor allem ein theoretisches, ein philosophisches Konstrukt, das sich auch auf übertragene Phänomene beziehen kann.

Zivilisationskritik

Der Wald kann etwa der sogenannte "Großstadtdschungel" sein, kann überhaupt jeder Ort sein, der dem Individuum erlaubt, sich aus einer komplett verwalteten Welt in regellose, anarchische Situationen zu begeben, die die Möglichkeit bieten, die Karten grundsätzlich neu zu mischen. Er ist jedenfalls die Zuflucht dessen, der sich gejagt und ausgestoßen weiß, der Rückzugsort des Partisanen, des heimlichen Gegners eines herrschenden Systems - und Jünger weist darauf hin, welcher Doppelsinn diesem deutschen Wort "heimlich" innewohnt, welches im Heimlichen vertraut Heimisches und verstörend Unheimliches, Verborgenes mitschwingen lässt.

Aber für beide, Thoreau wie Jünger, ist der Wald der Ort des Heraustretens aus dem Gewohnten, das ganz Andere, der absolute Gegenpol zu den Zwängen einer wie immer gearteten Gesellschaft, der Ort des Archaischen, des Anti- oder vielmehr Vor-Zivilisatorischen, der grundsätzlichen Zivilisationskritik.

Konsequent zu Ende gedacht und ins Bösartige gewendet, kann so geartete Kritik auch in Zivilisationsfeindlichkeit umschlagen und pathologische Züge annehmen, wie etwa im Falle des als "Una-Bomber" bekannt gewordenen Ted Kaczynski. Dieser - hochintelligent und als Hochschulprofessor der Mathematik selbst ein Produkt der ihm im Laufe seiner Entwicklung immer verhasster werdenden Wissenschafts-Gesellschaft - richtete seinen Zorn vor allem auf deren technische Errungenschaften, bis er sich in eine einsame Blockhütte in den Wäldern zurückzog, um endgültig mit der Welt "da draußen" zu brechen.

Hier geriet er immer tiefer in allgemeinen Menschenhass und eine ins Krankhafte gesteigerte Aggression, bastelte (sein technisches Wissen und Geschick erlaubte dies schließlich) raffinierte Briefbomben und begann, diese an herausragende Protagonisten des einschlägigen Hochschulbetriebs zu versenden, bis man ihn schließlich aufspürte und verhaftete. Der Mythos Wald kann also auch Destruktion, Verirrung und Verstörung beinhalten, tiefe Ambivalenzen, die aber vielleicht in diesem Spannungsverhältnis gerade dessen Lebendigkeit und unerschöpfliche Fruchtbarkeit ausmachen.

Ist Thoreau ein später Nachzügler der europäischen Romantik mit einem Menschenbild, das jenem Rousseaus verpflichtet ist und so wenig Staat wie möglich einfordert, um das Individuum in seinem postulierten Naturzustand so wenig wie möglich zu behelligen und einzuschränken, so ist Jünger in diesem Punkt weit schwieriger einzuschätzen. Sein Menschenbild ist jedenfalls sehr viel pessimistischer, geht nicht vom zivilisationsfernen und deswegen "edlen" Wilden aus, es ist der Vorstellung Thomas Hobbes’ vom Menschen als dem "Wolf des Menschen" wesentlich näher, ohne jedoch dessen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Ausnahmemensch

Auch Jünger ist daran gelegen, den Wirkungsbereich des Staates so weit wie möglich einzuschränken, aber nicht zugunsten und im Sinne allgemeiner Gleichheit, sondern indem er sich eindeutig für die bestimmende Kraft des in jeglichem Sinne herausragenden Ausnahmemenschen ausspricht. Ein aristokratisches Ideal also, nicht unähnlich dem Entwurf des von Nietzsche propagierten Übermenschen. Wie Nietzsche ist Jünger, anders als Thoreau, kein Pazifist, mit der Implikation, Gewalt, wenigstens als äußerstes Mittel, zu bejahen.

Der gegenwärtig herrschende Zeitgeist wird und muss daran Anstoß nehmen, zumal Jüngers Verhältnis zum Humanen im Laufe seines Lebens etliche Metamorphosen durchlief, und vor allem in seinen jüngeren Jahren nicht frei von Zwiespältigkeit war. Es lässt sich sogar aufgrund seines damaligen Ideals des unbürgerlich-aristokratischen Soldatentums zeitbedingt eine geradezu aggressive Ablehnung des Humanismus feststellen.

Anders als Thoreau ist Jünger kein Romantiker, auch wenn seine Sprache, der "hohe Ton", vielleicht dahingehend missverstanden werden könnte. Das Schwärmerische, ja Verstiegene in manchen Sequenzen seines Textes ist vielmehr in einem strengen, allerdings zuweilen anachronistisch wirkenden Sinne hymnisch und verliert dessen klare Strenge auch dann nicht, wo er, auf einem schmalen Grat balancierend, ständig von der Gefahr des Absturzes bedroht scheint.

Jüngers weltanschauliche Position ist wiederum wesentlich schwieriger dingfest zu machen als jene des amerikanischen Autors, der im Verlauf seines ziemlich kurzen Lebens von einmal getroffenen Positionen nie wirklich abwich, sondern vielmehr sein Bestreben darauf richtete, diese fortlaufend zu vertiefen und ihnen die eine oder andere Facette hinzuzufügen, weswegen er auch im Gesamten eindeutiger wirkt und als Identifikationsfigur für "naiv Suchende" auch viel geeigneter ist als sein deutscher Schriftstellerkollege.

In den Anfängen des Nationalsozialismus war Jünger ohne Zweifel anfällig für dessen Verführungen. Er erhoffte sich, in völliger Verkennung dessen ex-trem destruktiven Kerns, eine tiefgreifende, revolutionäre Erneuerung, eine bis ins Metaphysische reichende positive Umwälzung aller Werte, potenziell weit über Deutschland hinausreichend.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-07 14:00:11
Letzte Änderung am 2017-07-07 15:08:42


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