• vom 19.08.2017, 12:00 Uhr

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Werte-Diskussion

Was sind Werte wert?




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Von Michael Mary

  • Nicht Werte, sondern Interessen und dadurch geleitete Handlungen sind der Klebstoff der Gesellschaft. - Eine Anleitung, worauf man in Werte-Diskussionen zu achten hat.

In jeder Hinsicht gilt: Augen auf beim Werte-Kauf! - © WZ-Illustration Martina Hackenberg

In jeder Hinsicht gilt: Augen auf beim Werte-Kauf! © WZ-Illustration Martina Hackenberg



Werte sind Masken . . .

Werte sind Masken . . .© Heinz Ortner Werte sind Masken . . .© Heinz Ortner

Werte sind in aller Munde. Sie werden beschworen und aufgeblasen, man beruft sich auf sie oder verschanzt sich hinter ihnen. Es wird sogar behauptet, unsere Gesellschaft beruhe auf ihnen; und zu allem Überfluss wird auch noch geglaubt, Werte wären ethische Imperative und würden als solche Handlungsziele vorgeben. Nichts davon trifft zu.

Was ist ein Wert? Zunächst einmal eine Vorstellung, die sich in Begriffen wie "Gerechtigkeit" oder "Gleichheit" oder "Solidarität" oder "Freiheit" oder "Menschenwürde" zeigt. Wer nun behaupten wollte, unsere Gesellschaft würde auf Vorstellungen beruhen, und ebenso würden die Handlungen der Einzelnen von Vorstellungen angeleitet, würde sich geradezu der Lächerlichkeit preisgeben.

Information

Michael Mary lebt und arbeitet als Paarberater in Hamburg. Es ist Autor erfolgreicher Sachbücher zu Themen wie Beziehung und Partnerschaft, unter anderem "Lebt die Liebe, die ihr habt", "5 Lügen die Liebe betreffend" und "Wie Männer und Frauen die Liebe erleben".

Eine Gesellschaft wird durch die gegenseitige Abhängigkeit der Individuen zusammengehalten, durch die Notwendigkeit, im Namen von Bedürfnisbefriedigung eigene Interessen zu vertreten. Schließlich können alle grundlegenden Bedürfnisse - wie nach Nahrung, Liebe, Sinn, Identität - nur im Verbund mit anderen Menschen befriedigt werden. Daher sind nicht Werte, sondern Interessen und dadurch geleitete Handlungen der Klebstoff der Gesellschaft. Diese beruht auf verbalem und nonverbalem Austausch von Menschen, sie entsteht durch aufeinander bezogene Handlungen, kurzum, sie beruht auf Kommunikation. Und Kommunikation hat stets das Ziel, andere in die eigene Interessenlage einzubinden.

Das Buch zum Thema:Michael Mary: Das Kartenhaus der Werte. Was sind Werte wert? Reihe Soziale Fitness – Band 1. Henny Nordholt Verlag, 2017 (als E-Book oder Print erhältlich)

Das Buch zum Thema:

Michael Mary: Das Kartenhaus der Werte. Was sind Werte wert? Reihe Soziale Fitness – Band 1. Henny Nordholt Verlag, 2017 (als E-Book oder Print erhältlich)

Das Buch zum Thema:

Michael Mary: Das Kartenhaus der Werte. Was sind Werte wert? Reihe Soziale Fitness – Band 1. Henny Nordholt Verlag, 2017 (als E-Book oder Print erhältlich)


Man kann die Gesellschaft daher getrost als eine riesige Veranstaltung zur gegenseitigen Manipulation bezeichnen.

Eindruck der
Rücksichtnahme

Beim Thema Manipulation kommen Werte ins Spiel. Denn um eigene Interessen durchsetzen zu können, muss man ein Kunststück vollbringen. Man muss in der Kommunikation den Eindruck der Rücksichtnahme erwecken. Dieser Eindruck wird am ehesten erzeugt, indem man sich Anderen gegenüber auf etwas scheinbar Gemeinsames beruft und hofft, sie auf diese Weise von den eigenen, egoistischen Beweggründen abzulenken.

Die grundlegendste aller Gemeinsamkeiten, auf die man sich berufen kann, ist die von jedem Einzelnen verinnerlichte Vorstellung, der gleichen Gesellschaft anzugehören. Die Vorstellung, in einem gemeinsamen Boot zu sitzen und Teil eines großen Ganzen, eines großen Wir zu sein. "Wir sind doch alle Menschen, Europäer, Deutsche, Österreicher, ein Volk, eine Kultur. . . Wir wollen doch alle das Gleiche: Gerechtigkeit - Freiheit - soziale Marktwirtschaft - Rechtsstaatlichkeit - Gesundheit - Ehrlichkeit - Verlässlichkeit - Toleranz - Wohlstand - Sicherheit!"

Man könnte viele Fragezeichen an solche Vorstellungen hängen. Unabhängig davon stellt sich heraus: Werte appellieren! Werte sind nicht mehr (aber auch nicht weniger!) als raffinierte Appelle an vermeintliche Gemeinsamkeiten. Sie dienen der Vernebelung selbstbezogener Absichten. In dieser Vernebelungsaufgabe von Unterschieden besteht das faszinierendste Merkmal und die wesentlichste Aufgabe von Werten.

Werte fungieren als Gemeinsamkeitsunterstellungen. Das heißt, Werte sind für die Kommunikation gedacht und eben nicht für Handlungen. Sie sind zwar in aller Munde, aber auf der Handlungsebene wird man vergeblich nach verlässlichen Werten und durch sie vermittelte Orientierung suchen.

Wenn es stimmen würde, dass Werte bestimmte Handlungen vorgäben, dann wäre es unvorstellbar, diesen Werten widersprechende Handlungen auszuführen.

Wie verträgt es sich beispielsweise mit dem hohen Wert der Nächstenliebe, ganz zu schweigen vom Wert der Feindesliebe, Kriegsgerät zu verkaufen oder gar zu segnen? Wie ist es christlichen Priestern möglich, Kinder sexuell zu missbrauchen, was bekanntlich weltweit geschieht, wenn Handlungen von Werten vorgegeben werden? Gibt es "schlechte" Werte? Wie lassen sich angesichts des "unveräußerlichen" Wertes der Menschenwürde Hinrichtungen durchführen oder im Namen der Gerechtigkeit Menschen jahrelang ohne jeden Kontakt zur Außenwelt ohne Verurteilung einsperren, wie es in zahlreichen, über die Welt verstreuten Geheimgefängnissen geschieht, die von zumeist westlichen Staaten betrieben werden. Unmöglich wäre es unter Berufung auf den Wert der Menschlichkeit auch, an der Börse an Lebensmittelspekulationen teilzunehmen. Welche Werte stehen hinter dem Lebensmittelexport nach Afrika, der dort zur Armutsflucht beiträgt? Und so weiter und so fort.

Werte lassen sich nicht in bestimmbare Handlungen überführen. Man kann Werte nicht leben. Das geht schon deshalb nicht, weil man, sobald man einem Wert Vorrang gibt, augenblicklich anderen Werten widerspricht.

Leistung oder
Chancengleichheit?

Ein Beispiel: Nehmen wir an, man habe zwei Kinder. Diese will man gleich behandeln, dessen ist man sich absolut sicher. Da eines der beiden Kinder aber etwas weniger hell im Kopf ist als das andere, bekommt es Nachhilfeunterricht.

Damit verstößt man gegen das selbst auferlegte Gebot der Gleichbehandlung und rechtfertigt das mit dem Hinweise auf Chancengleichheit, schließlich muss man die ungleiche Verteilung der Begabungen aufheben. Als Nächstes erhält das Kind, das von beiden die besseren Noten vorweisen kann, eine Belohnung, beispielsweise ein Lächeln, ein gutes Wort oder eine Taschengelderhöhung. Damit fördert man die Leistung, verhält sich aber ungerecht, schließlich ist das andere Kind nicht absichtlich dümmer, und es hätte auch gerne eine Belohnung für seine Anstrengungen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-17 16:43:12
Letzte Änderung am 2017-08-17 16:58:55


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