• vom 26.08.2017, 12:00 Uhr

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Von Hermann Schlösser

  • Zahlreiche Übungen und Trainingsprogramme versprechen eine Optimierung des Gedächtnisses. Bei allen Unterschieden haben diese aktuellen Verfahren eines gemeinsam: ihren Ursprung in der antiken Mnemotechnik. Ein kurzer Rückblick auf eine lange Geschichte.

Das Gedächtnistheater des Guilio Camillo Delminio aus dem 16. Jahrhundert gehört zu den ambitioniertesten Zeugnissen der Mnemotechnik.

Das Gedächtnistheater des Guilio Camillo Delminio aus dem 16. Jahrhundert gehört zu den ambitioniertesten Zeugnissen der Mnemotechnik.



Der griechische Poet Simonides von Keos war bekannt für seine Preis- und Ruhmeslieder, die er gegen Bezahlung zum Lob des Auftraggebers anfertigte. Einmal rühmte er während eines Festes den Skopas, einen reichen Mann und erfolgreichen Faustkämpfer.

Er schmückte dabei nach Dichterart das Gesagte aus und besang zugleich die "Dioskuren", also das mythologische Zwillingspaar Castor und Pollux. Skopas meinte daraufhin verärgert, er werde dem Dichter nur die Hälfte des vereinbarten Honorars zahlen, für den Rest sollten Castor und Pollux aufkommen. In diesem Augenblick wurde Simonides nach draußen gerufen, weil zwei unbekannte Jünglinge nach ihm verlangten. Kurz nachdem er das Haus des Skopas verlassen hatte, stürzte es ein und erschlug alle Anwesenden. So zahlten die Dioskuren dem Dichter ihr Honorar.

Information

Hermann Schlösser, geboren 1953, ist Literaturwissenschafter und "extra"-Redakteur.

Literaturhinweise:
Frances A. Yates: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Aus dem Englischen, Übersetzer nicht genannt. Akademie Verlag, Weinheim 1990.

Nicolas Pethes/Jens Ruchatz (Hrsg.):Gedächtnis und Erinnerung.Ein interdisziplinäres Lexikon. Rowohlt, Reinbek 2001.

Harald Weinrich:Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens.Beck Verlag, München 2000.

Die Pointe dieser rätselhaften Geschichte folgt allerdings erst später: Die Leichen derer, die von dem einstürzenden Gebäude getötet worden waren, hatten derart entstellte und zerstörte Gesichter, dass sie nicht mehr eindeutig zu erkennen waren. Simonides hatte sich während seines Vortrags jedoch genau eingeprägt, wer welchen Platz an der Festtafel innegehabt hatte, und indem er sich an diese Plätze erinnerte, konnte er als Einziger die Toten identifizieren.

Wenn man der Überlieferung glauben will, entstand aus dieser Leichenschau die Mnemotechnik. Das Wort, das problemlos als "Gedächtniskunst" eingedeutscht werden kann, weist auf griechische Ursprünge hin: mneme ist das altgriechische Wort für Gedächtnis, und techne bedeutet Kunst, Fähigkeit, "Technik". Oft war und ist auch von der ars memoriae die Rede, denn die Römer griffen das griechische Erbe auf und entwickelten es weiter.

Feiner Unterschied

Aber ob nun griechisch, deutsch oder lateinisch bezeichnet - gemeint ist auf jeden Fall ein Verfahren, das dem Gedächtnis mit künstlichen (oder künstlerischen) Mitteln zu Hilfe kommt. Dafür gibt es verschiedene Methoden, die aber allesamt von der Voraussetzung ausgehen, ein gutes Gedächtnis sei nicht einfach angeboren, sondern könne durch bewusste Übungen trainiert werden.

Marcus Tullius Cicero, einer der bedeutendsten Theoretiker der Gedächtniskunst.

Marcus Tullius Cicero, einer der bedeutendsten Theoretiker der Gedächtniskunst.© Uffizien/Ullstein Marcus Tullius Cicero, einer der bedeutendsten Theoretiker der Gedächtniskunst.© Uffizien/Ullstein

Diese Voraussetzung versteht sich keineswegs von selbst: Dass die Fähigkeit, sich zu erinnern, jedem Menschen von Geburt an mitgegeben ist, wurde auch von den antiken Erfindern der Mnemotechnik nicht bezweifelt. Also stellte (und stellt) sich die Frage, was dann eigentlich noch gelernt werden kann oder muss. Um dieses Problem genauer zu begreifen, empfiehlt es sich, zwischen "Erinnerung" und "Gedächtnis" zu differenzieren.

Schon Aristoteles hat versucht, die genauen Unterschiede zwischen Erinnerung und Gedächtnis zu erfassen, und seitdem streiten sich die Gelehrten aller Disziplinen darüber. Im Lichte der neuesten Hirnforschung erweist sich dieser Streit zwar als ein eher theoretisches Unternehmen, denn in der Biologie des menschlichen Gehirns sind Erinnerung und Gedächtnis durchaus nicht so trennscharf voneinander unterschieden, wie es die Philosophen gerne hätten.

Dennoch kann es dem Verständnis zugute kommen, wenn man sich eine gängige Unterscheidung klar macht: "Erinnerung" wurde und wird gern als ein Prozess verstanden, der unwillkürlich einsetzt und nicht völlig der bewussten Kontrolle unterliegt. Sein Hauptziel besteht darin, (subjektiv erlebte) vergangene Ereignisse oder Empfindungen dem Vergessen zu entreißen. Dabei ist eine psychische Energie im Spiel, die jedem Menschen zur Verfügung steht, also nicht eigentlich gelernt werden muss (auch wenn es - etwa in der Literatur oder der Psychoanalyse - Methoden gibt, Erinnerungen zu mobilisieren).

Denkerische Disziplin

Die Leistung des "Gedächtnisses" hingegen besteht darin, (intersubjektiv vorgegebene) Sachverhalte oder Formulierungen so exakt zu speichern, dass sie gar nicht mehr vergessen werden können. Das ist ein bewusster, rationaler Akt, der sehr viel leichter kontrolliert werden kann als das Erinnern und der deshalb auch bis zu einem gewissen Grad lernbar ist.

Das bedeutet nicht, dass die Gedächtnisleistung deshalb auch einfacher zu erbringen wäre - es gibt genügend Menschen, die sich mühelos daran erinnern können, was es vor zwanzig Jahren bei Tante Helenes 80. Geburtstag zu essen gegeben hat, während es ihnen unmöglich ist, im Gedächtnis zu behalten, wann die Schlacht am Lechfeld stattgefunden hat. Aber wie auch immer sich das im Einzelnen verhält - der Mnemotechnik geht es jedenfalls um das "Gedächtnis", und nicht um das komplexere, schwerer zu fassende Phänomen der "Erinnerung" - auch wenn unbestreitbar ist, dass beide Fähigkeiten nur zwei Aspekte derselben Sache sind.

Ein klassisches Lehrbuch der Gedächtniskunst trägt den Titel "De Oratore" ("Über den Redner"). Darin erklärt der römische Schriftsteller und Politiker Marcus Tullius Cicero, was ein guter Redner kennen und können muss. Zu den wichtigsten Fähigkeiten zählt Cicero das umfassende Gedächtnis (lateinisch memoria) für Dinge und für Wörter.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-24 16:45:08
Letzte Änderung am 2017-08-25 15:24:57


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