• vom 14.01.2018, 09:00 Uhr

Vermessungen


Politik

Der musealisierte Nationalstaat




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Oliver Kühschelm

  • Weder Staat noch Nation, wie wir sie heute kennen, werden sich rasch verflüchtigen. Trotzdem sollte man beginnen, über sinnvolle Alternativen nachzudenken.

Selbstbeschau des Nationalstaats im "Haus der Geschichte" in St. Pölten, das 2017 eröffnet wurde.

Selbstbeschau des Nationalstaats im "Haus der Geschichte" in St. Pölten, das 2017 eröffnet wurde.

Der Nationalstaat bleibe das beste Vehikel, um das Leben der Menschen zu verbessern, erklärte US-Präsident Trump, als er im September vor der UNO sprach. Die FPÖ ließ schon 1992 "unser" Pendant zu Trumps Kampagnenslogan plakatieren: "Österreich zuerst". Das Motto hat sie beibehalten, verändert hat sich hingegen der politische Raum, in dem sie agiert.

Einer mit dem Nationalstaat identifizierten Heimat wird weithin neue Dringlichkeit zuerkannt und ihre "Sicherheit" als politische Aufgabe in den Vordergrund gestellt. Bekanntlich hielt auch Peter Pilz, als er noch offensiv politisch agierte, die Devise "Österreich zuerst" für einen geeigneten Ansatzpunkt von Politik. Trotz aller Kautelen dient das Nationale so als eine Brücke, die sich von Links nach Rechts und umgekehrt begehen lässt, ohne dass man aber - entgegen der üblichen Funktion einer Brücke - je an einen Ort käme, der nicht die Na-
tion ist. . .

Dominantes Modell

Für die politische Verwertung der Nation scheint die Anhänglichkeit vieler Menschen an nationale Identifikationsmuster zu sprechen, ebenso die Kraft des Faktischen, die vom Nationalstaat als einem dominanten Modell staatlicher Herrschaft ausgeht. Die entscheidende Frage ist trotzdem, ob sich die Nation für eine im weitesten Sinn progressive Politik besetzen lässt; oder ob man sich mit einem solchen Versuch nicht in einen Käfig der Borniertheit sperrt.

Information

Oliver Kühschelm ist Historiker am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.


Kann es also einen progressiven Nationalismus geben, der individuelle Freiheit und soziale Emanzipation vorantreibt? In Österreich und Deutschland hat man gute, historische Gründe zur Skepsis, was dessen prinzipielle Möglichkeit und politische Wahrscheinlichkeit betrifft. Ohne Beispiel ist ein solcher Nationalismus jedoch selbst in Zentraleuropa nicht. Die Nation der Schweizer überwand ethnische und konfessionelle Spannungen durch eine liberalkonservative Vorstellung bürgerlicher Freiheit.

Auch die Auflösung der Habsburgermonarchie schuf keineswegs nur Spielwiesen für auto-
ritäre Nationalismen. Die tschechische Nationalbewegung, die 1918 zu ihrem Staat kam, orientierte sich in wesentlichen Teilen liberal und demokratisch. Das global sichtbarste Beispiel für ein Amalgam aus Nationalismus und staatsbürgerlichen Rechten boten aber seit ihrer Gründung die USA. In einer ihrer dominanten Linien verstand sich die nationale Idee "Amerika" als liberaldemokratischer Patriotismus.

Diese Beispiele haben indes ihre Fehler. Die Grenzen zwischen Patriotismus und nationalistischer Engstirnigkeit sind notorisch unscharf. So propagiert seit 2008 die Tea Party-Bewegung ihre Version von US-Verfassungspa-triotismus, die mit einem xenophoben Ressentiment einhergeht. Die amerikanische Nation wurde außerdem auf dem Rücken einer afroamerikanischen Unterklasse errichtet. Daran hat sich bis heute sozial und ökonomisch wenig geändert. Das ist nur einer der augenfälligsten Makel der "shining city upon a hill", die gleichermaßen nationales Projekt und universales Modell sein wollte.




weiterlesen auf Seite 2 von 3




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-12 15:59:12
Letzte Änderung am 2018-01-12 16:19:46



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Als Kind sah ich mich als Priester oder Papst"
  2. Israel entstand in Österreich
  3. Was für eine Geschichte!
  4. "Meine Sichtweise ist für viele eine Provokation"
  5. Beifallsdonner und Lorbeerkränze
Meistkommentiert
  1. Was für eine Geschichte!
  2. Israel entstand in Österreich
  3. "Als Kind sah ich mich als Priester oder Papst"
  4. "Meine Sichtweise ist für viele eine Provokation"

Werbung




Werbung


Werbung