• vom 03.02.2018, 09:00 Uhr

Vermessungen

Update: 04.02.2018, 10:50 Uhr

Politische Geschichte

Der neue Bürgerkrieg




  • Artikel
  • Kommentare (11)
  • Lesenswert (42)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Hämmerle

  • Österreich, wieder in zwei Lager gespalten, steht ohne verbindende Erzählung für eine gemeinsame Zukunft da.

- © WZ-Collage (apa/Scheriau, reu/Ebenbichler)

© WZ-Collage (apa/Scheriau, reu/Ebenbichler)

Die gute Nachricht lautet: Der alte Bürgerkrieg, der einst zwischen Schwarz und Rot mit Waffen und später noch mit heißen Worten ausgetragen wurde, ist Geschichte. Die schlechte Nachricht ist: Ein neuer Bürgerkrieg ist im Gang.

An dessen Anfang steht das Aufkommen einer neuen Moral. Diese führt in einem ersten Schritt zur Entstehung der Grünen. Das Gegenstück bildet die Neuerfindung der FPÖ ab 1986. Seitdem steht die Frage unserer Identität wieder im Zentrum der Auseinandersetzung. Beide neuen Lager geben darauf entgegengesetzte Antworten. Die Flüchtlingskrise hat diesen Konflikt nicht verursacht, aber sehr wohl zusätzlich verschärft und zugespitzt. Die Frage nach unserer Identität hat bereits zuvor das Land gespalten.



Information

Nebenstehender Text ist ein Auszug aus dem Buch "Der neue Kampf um Österreich. Die Geschichte einer Spaltung und wie sie das Land prägt" von Walter Hämmerle, dem interimistischen Chefredakteur der "Wiener Zeitung", das dieser Tage im Wiener Verlag edition a erscheint.
Das Buch wird am Freitag, 16. Februar, um 19.00 Uhr in der Thalia-Buchhandlung Wien-Mitte, 3. Bezirk, Landstraßer Hauptstraße 2a/2b, präsentiert.

Jetzt, gerade rechtzeitig zum hundertsten Jahrestag der Gründung der Republik, ist der neue Bürgerkrieg in allen Köpfen angekommen. Es ist dies ein Konflikt, von dem sich alle voll betroffen fühlen, selbst wenn sie es faktisch kaum sind. Damit einher geht eine verbale Aufrüstung. Jede Seite verwandelt Debatten in öffentliche Demonstrationen der eigenen Überlegenheit und Interviews in Glaubensbekenntnisse. Nicht nur Politik, auch das Reden und Schreiben darüber nimmt quasi-religiöse Züge an. Wer das für Übertreibung hält, muss nur die Selbstverliebtheit, die Gewissheit gepaart mit Verbissenheit betrachten, mit der öffentlich gestritten wird: im Nationalrat, in Talkshows, auf Demonstrationen, sogar im privaten Bereich.

Archaischer Rückfall

Natürlich überlassen Parteien und Politiker wenig dem Zufall. Vieles, ja fast alles ist im Vorhinein geplant und inszeniert. Doch in diesem Fall ist der zugrunde liegende Konflikt echt: Es prallen tatsächlich zwei politische Glaubensbekenntnisse aufeinander, die mit ihrer "Zunge gleichsam als Trompete des Krieges und des Aufruhrs" kämpfen, wie es Thomas Hobbes, der Theoretiker des modernen Bürgerkriegs, im 17. Jahrhundert beschreibt. In diesem Sinne ist auch der Begriff des neuen Bürgerkriegs zu verstehen:

Auf jeder Seite gibt es Glaubenskrieger , die bereit sind, für ihre politische Religion in die Schlacht um die öffentliche Deutungshoheit zu ziehen. Wie hier bei einem Aufmarsch der Identitären Bewegung - und einer Gegendemonstration 2016 in Wien.

Auf jeder Seite gibt es Glaubenskrieger , die bereit sind, für ihre politische Religion in die Schlacht um die öffentliche Deutungshoheit zu ziehen. Wie hier bei einem Aufmarsch der Identitären Bewegung - und einer Gegendemonstration 2016 in Wien.© apa/Hans Punz Auf jeder Seite gibt es Glaubenskrieger , die bereit sind, für ihre politische Religion in die Schlacht um die öffentliche Deutungshoheit zu ziehen. Wie hier bei einem Aufmarsch der Identitären Bewegung - und einer Gegendemonstration 2016 in Wien.© apa/Hans Punz

Der Konflikt dreht sich um politische und soziale Identitäten. Widerspruch wird nicht geduldet, Pardon weder gewährt noch erbeten. Und die mächtigste Waffe, die dabei zum Einsatz kommt, ist die Sprache als Mittel der Propaganda. Dieser archaisch anmutende Rückfall in eine vermeintlich überwundene Ära der Glaubenskriege hat Folgen für unsere Demokratie. Immerhin, es gibt noch Grenzen: Das Prinzip der unbedingten Gewaltlosigkeit ist unbestritten, jedenfalls im Zentrum der Politik.

Trotzdem ist der neue Bürgerkrieg nicht gewaltfrei. Vor allem an den Rändern, wo die Leidenschaft am heißesten lodert, franst dieses Prinzip aus. Die Verbitterung, die Wut und der Hass haben jederzeit das Potenzial, sich in körperliche Gewalt zu entladen. Notorisch zählt hier der rechtsextreme Rand zu den üblichen Verdächtigen. Gewalt ist aber auch dem Linksextremismus nicht fremd. Und die Empörung ist verlässlich am größten, wenn die Gewalttäter beider Seiten miteinander auf eine Stufe gestellt werden.




weiterlesen auf Seite 2 von 6




11 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-01 16:50:27
Letzte Änderung am 2018-02-04 10:50:05


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Geheime Verständigung
  2. Der doppelte Aufbruch
  3. "Das Theater ist mir zu theatralisch"
  4. Bollwerk gegen die Tristesse
  5. "Kontraste fördern die Erholung"
Meistkommentiert
  1. "Das Theater ist mir zu theatralisch"

Werbung




Werbung