• vom 10.02.2018, 15:00 Uhr

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Comics

Übersetzung von Wirklichkeit




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Während die Migrant Image Research Group in "Lampedusa" eine brillante Arbeit im Bereich fotografischer Analyse vorlegt, verbindet sie diese mit Comics, die eine andere, reflektierte Art der Annäherung an das Thema ermöglichen. Ein verbindendes Element dieser Comics von Emilie Josso, Haitham und Mohammed El-Seht besteht in der Einbeziehung der Zeichner selbst samt ihrer Irritationen. Die deutsche Zeichnerin Paula Bulling hingegen hat im Comic "Wege einer Ware" (Text von Anne König) die Geschichte eines Holzstücks dargestellt, das als Teil einer finnischen Fichte nach einer Odyssee auf dem Bootsfriedhof in Lampedusa landet und später, infolge einer Imagekampagne, in den Räumen der Facebookzentrale.

"Der Riss" ist dagegen in anderer Hinsicht spannend: Der Comic besteht durchgehend aus Fotos, derart bearbeitet, dass sie nicht mehr glänzen, sondern in matten, sandigen Farben erscheinen. Ende 2013, nach dem Bootsunglück vom 3. Oktober, als 366 Flüchtende vor Lampedusa ertrunken waren, erhielten die Journalisten von "El País Semanal" den Auftrag zu einer Fotoreportage über die Grenzen Europas. "Fahrt dorthin, wo die Zäune und Polizisten sind, an die Trennlinie." Sie besuchten die spanische Enklave Melilla in Nordafrika, Außengrenzen zur Türkei sowie Lampedusa und Mineo, Europas größtes permanentes Auffanglager für Geflüchtete auf Sizilien. Sobald die Reporter vonseiten der Beamten mit einem gewissen Maß an Informationen versehen sind, geraten sie an Verbote: mit Flüchtlingen zu sprechen, sie zu fotografieren, NGO-Mitarbeiter zu befragen. "Ihr könnt Fotos vom Meer machen." So entstehen illegal erhaschte Fotos mit der zweiten Kamera, die erste enthält die Vorzeigefotos.

Ganz Melilla ist umzäunt. "Eine barbarische Mauer trennt Afrika von Europa. Sie gilt weltweit als die Grenze mit der größten Ungleichheit." Das ist der "große Riss", der sich den Autoren auf ihrer Reise entlang der EU-Außengrenzen mit zunehmender Deutlichkeit zeigt.

Kritische Lektüre

Die historischen Ereignisse an den Grenzen Ungarns, Kroatiens und Sloweniens im September 2015 führten zu einer Fortsetzung ihrer Grenzwanderung. Es folgten Außengrenzen zur Ukraine, zu Russland und schließlich dem nördlichsten Militärstützpunkt der EU in Finnland. Verbunden mit dem großen Riss zeigen sich "Dutzende kleinere Risse im europäischen Boden": der Populismus, die Islamfeindlichkeit, der Brexit, das Nord-Süd-Gefälle, der Konflikt mit Russland. Sie aufzuhalten bedeute, das Europa des Friedens, der Freiheit, der offenen Grenzen zu erhalten, das "jene erreichen möchten, die vor der Barbarei fliehen".

Der Comic hält den Leser, mit einem Blitzgewitter eindrucksvoller Fotos in Bildkästchen gegossen, in Atem, die sich immer wieder in großformatigen Panels vor seinen Augen ausbreiten.

Bezüglich der Lektüre von "Lampedusa" ist Skepsis erlaubt: Erheischen die Bilder mitunter nicht eine Dramatik, die an jene Medien erinnert, denen sie etwas entgegensetzen möchten? Welche Rolle kommt den Flüchtenden zu? Wo verläuft die Grenze zur Ästhetisierung? - Zweifellos gelingt es dem Comic immer wieder, den Betrachter zu erschüttern. Wie etwa die Passage über das Museum in Lampedusa, das der Aktivist Giacomo Sferlazzo über die Jahre aufgebaut hat: Auf einer Doppelseite mit zwölf Panels sieht man angeschwemmte Gegenstände: Zahnbürsten, Tabletten, Trinkbehälter, ein Milchfläschchen, einen ledernen Einband mit der Aufschrift "Holy Bible".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 15:50:25
Letzte Änderung am 2018-02-09 15:59:26


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