• vom 04.03.2018, 08:00 Uhr

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Künstliche Intelligenz

Kapitalismus als Code




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Von Adrian Lobe

  • Die Superintelligenz ist längst unter uns: Der Schriftsteller Anis Shivani argumentiert, dass der Kapitalismus ein künstlich intelligentes System sei.



Ist das kapitalistische System immun gegen Programmierbefehle aus der Politik?

Ist das kapitalistische System immun gegen Programmierbefehle aus der Politik?© Fotolia/tiagozr Ist das kapitalistische System immun gegen Programmierbefehle aus der Politik?© Fotolia/tiagozr

Die Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) schreitet unaufhaltsam voran. Computer spielen besser Schach, Go und Poker als der Mensch, und die Beobachter fragen beklommen, welche "Bastion" des menschlichen Denkens die Denkmaschinen als nächstes einreißen. Futuristen, Entrepreneure und Wissenschafter ergehen sich in den düstersten Zukunftsszenarien. Der Google-Ingenieur Ray Kurzweil sagt einen Zeitpunkt in der Zukunft ("Singularität") voraus, an dem maschinelle Intelligenz die menschliche übersteigt. Der Physiker Stephen Hawking unkt, dass Superintelligenzen den Menschen ersetzen werden. Und Elon Musk, Mitgründer und CEO von Tesla, warnt gar vor einem Ausbruch des Dritten Weltkriegs durch KI-Systeme.

Der Schriftsteller Anis Shivani hat diesem Kanon eine nicht minder kühne These hinzugefügt. In einem Essay für die US-Zeitschrift "The Baffler" schreibt er, dass wir bereits mit den Konsequenzen eines künstlich intelligenten Systems lebten: dem Kapital. Indem sich das Kapital von physisch organisierten Produktionsmitteln mit der Computerisierung in reine mathematische Abstraktionen und Modelle transformiert habe, sei es selbst eine Form von künstlicher Intelligenz geworden.

"Wir haben keine Kontrolle über dieses System und es ist unmöglich (. . . ), uns davon abzuschalten", konstatiert Shivani. In seinem Aufsatz versucht der Autor den Beweis zu führen, warum Kapital als künstliche Intelligenz zu verstehen sei. Dabei fährt er das gesamte Arsenal der Informatik auf: den Turing-Test, das Chinesische Zimmer, Baudrillards Simulationstheorie, Asimovs Robotergesetze und so weiter und so fort.

Analytische Schwächen

Shivanis These ist, dass der Kapitalismus ein gigantisches selbstlernendes System sei, das Krisen zum einen selbst induziert, zum anderen aus jeder Krise gestärkt hervorgeht. Als Beleg führt er die Finanzkrise des Jahres 2008 an. Diese sei zuvorderst durch Algorithmen und mathematische Modelle wie Mortgage Backed Securities ausgelöst worden, die geldgierige "Quants" - Analysten an der Wall Street - ersonnen hätten. Nur der Kapitalismus als künstliche Intelligenz sei imstande, Probleme heuristisch oder algorithmisch zu lösen. Als Analysten vor einer Kernschmelze des kapitalistischen Systems warnten, wurden Unternehmen wie Uber (2009) und Airbnb (2008) gegründet, die heute Milliarden wert sind.

Information

Anis Shivanis Artikel aus "The Baffler" zum Nachlesen:

https://thebaffler.com/salvos/oculus-grift-shivani

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, studierte Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Heidelberg und Paris. Schreibt als freier Journalist für diverse Me-dien im deutschsprachigen Raum.

Der Kapitalismus kollabierte nicht, im Gegenteil: Er beschleunigte sich. Eine solche Evolution könne nur ein maschinell lernendes System vollziehen, so Shivani. Der Kapitalismus ist eine Art Betriebssystem, auf dem "Programme" wie Demokratie oder Wohlfahrtsstaat laufen. "Aufgrund des eingebauten Betriebssystems besteht das einzige Ziel der Personalität von Kapital als KI darin, seinen eigenen Wert als Kapital zu maximieren", schreibt der Autor. In diesem Sinn wären KI-Systeme von Google oder Facebook lediglich eine Emanation des künstlich intelligenten Kapitalismus, eine Art Software in der Matrix eines Riesenrechners.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-02 13:05:36
Letzte Änderung am 2018-03-02 13:16:25


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